Echte, falsche oder misslungene Anbetung? Teil 2

Hast du nur gesungen oder auch angebetet? Nur weil eine Band in der Kirche gespielt hat und du mitgesungen hast, heisst das noch lange nicht, dass du angebetet hast.

Wie wir bereits im letzten blog gesehen haben, ist ein entscheidendes Kriterium dafür, ob man angebetet, oder nur Lieder gesungen hat, die Frage, ob man mit Freude im Herzen die Großartigkeit Gottes widergespiegelt hat. Hat man Christus in Seiner Vorrangstellung als exzellenter Gott und Retter erhöht, indem man Christus im Singen genossen hat. Hat man intellektuell und emotional reflektiert, wer Christus für uns ist und was er für uns getan hat? Das und nur das ist Anbetung.

Neben der Wichtigkeit, die Größe unseres Gottes akkurat und klar im Liedtext zu präsentieren, damit Gottes Faszination und Herrlichkeit intellektuell vom Hörer verstanden und mit freudiger Zustimmung im Herzen zu Gott zurück gesungen wird, ist für die Anbetungszeit in der Gemeinde auch wichtig, eine Balance zwischen „Inhalts-“ und „Emotions-“ Liedern zu finden. Ich meine damit eine Ausgewogenheit der wöchentlichen Lied-Auswahl bezüglich des Nachsinnens über Biblische Wahrheit einerseits und andererseits die Beschreibung unserer Reaktionen darauf. Wie wichtig Emotionen in der Anbetung sind, lässt sich an John Owen’s Kommentar „Wo das Licht die Leidenschaft hinter sich lässt, endet es in Formalität oder Atheismus“1 illustrieren.

Owen meinte damit, dass es keine emotionsloses Christentum gibt. Reine intellektuelle Zustimmung zum Evangelium, ohne die Nachricht zu lieben, zu schätzen, ohne Christus zu begehren ist nichts als Atheismus. Leidenschaft und Emotionen sind Teil des Christlichen Glaubens (Ps. 42, 2-3; 63, 2; 84, 2; 73, 25-26; 1 Pet. 1, 8) und Teil von Anbetung. Gott zuzusingen, wie wir uns Ihm gegenüber fühlen ist ein gesunder Ausdruck unserer Beziehung mit Ihm. Ohne „ich lieb dich Herr, keiner ist wie du…“; „Christ is enough for me“, „ich bete dich an“,… würden die besten Lieder über die Exzellenz unseres großartigen Gottes zu intellektueller Formalität verkommen. Deshalb ist es absolut richtig, dass Ausdrücke unserer emotionalen Hingabe ihren Weg in Anbetungslieder finden.

Wie angenehm und richtig es auch ist, Gott unsere Gefühle auszudrücken – eine Balance zwischen der Repräsentation objektiver Realität und der Antwort unserer Gefühle darauf ist wichtig für die Qualität von Anbetung. Und Balance bedeutet nicht eine numerische Aufteilung der Liedzeilen in zwei gleiche Hälften.

Von Gott begeistert oder von deiner Begeisterung begeistert?

Wenn unsere Lieder dominiert werden, was wir über Gott denken und fühlen and weniger den Fokus darauf haben, wer Er (unabhängig von unseren Gefühlen) ist, riskieren wir andererseits unseren Glauben darauf zu beruhen, was wir über Gott fühlen. Wir riskieren von unserer Begeisterung begeistert zu sein und unsere Freude und Leidenschaft zu feiern. Wir riskieren unsere Augen vom Wunder Gottes abzuwenden und unsere Bewunderung zu bewundern. Wir riskieren unsere Anbetung anzubeten.

Die Lösung ist wie angedeutet nicht, eine prozentuale Quote aufzustellen, welcher Teil des Liedes die Exzellenz Gottes besingt und welcher Teil menschliche Reaktion darauf ist. Wer verstehet, dass Anbetung bedeutet, sich selbst in der Bewunderung Gottes zu vergessen, weiß, wie er die Balance setzten wird. Die Touristen, die nach langer Fahrt durch die Wüste endlich am Grand Canyon ankommen, erleben ausnahmslos dasselbe erstaunliche Phänomen der „Anbetung“. Im Anblick des kilometertiefen gigantischen Risses in der Erde, der spektakuläre Felsformationen im Sonnenlicht erstrahlen lässt, schauen sich wildfremde Menschen mit Tränen in den Augen ins Gesicht und können gar nicht anders als sich gegenseitig „Wow, gigantisch, phänonmenal,…“ zuzurufen. Wer unbeeindruckt an diesem überdimensionelem Naturwunder steht, hat psychologische Defizite. Wer andererseits anfängt anderen zuzurufen: „schaut mal, wie begeistert ich sein kann; habt ihr meine Gefühle beobachtet; ist meine Freude nicht erstaunlich…“ zeigt ebenso pathologische Tendenzen. Freude wird hervorgerufen und erhalten durch ein Fixieren der Augen an der Ursache der Begeisterung. Im Moment wo Begeisterung selbst in den Fokus unserer Aufmerksamkeit rückt, ist die eigentliche unendliche Quelle unserer Freude aus dem Blickfeld verschwunden.

Psalm 18 zeigt exemplarisch wie viele andere Psalmen, wie der Schreiber die Balance zwischen der Beschreibung, wer Gott ist und der Beschreibung seiner Begeisterung darüber gefunden hat:

Ich liebe dich, HERR, meine Stärke! 2 Der HERR ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter, mein Gott ist mein Hort, bei dem ich mich berge, mein Schild und das Horn meines Heils, meine hohe Festung…

Einer Beschreibung über seine Liebe für Gott folgt ein Stakatto an Gründen warum David Gott liebt und was der Grund seiner Liebe ist: „meine Stärke, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Zufluchtsorg, mein Schild, die Kraft meines Heils, meine unüberwindliche Festung… Solange unsere Emotionen die Aufmerksamkeit dahin lenken, wer Gott in Christus in Seiner Grandiosität ist, haben sie ihren Platz und Balance in Anbetung gefunden. Lenken sie vom eigentlichen Ziel unserer Sehnsucht ab, nehmen sie den Platz des Angebeteten in Anbetung ein.

Ein zweiter Grund warum der Fokus nicht auf unsere Gefühle in Anbetung gelegt werden soll, ist selbstverständlich: unsere Gefühle sind unbeständig. Ich liebe es, wenn ich mit vollen Engagement und erhobenen Händen vor Gott stehen kann und aus dem innersten meines Herzens brüllen kann (meine Frau meint, melodisch sind meine gesanglichen Fähigkeiten nicht): „ich liebe dich, mein Herr!“ Ich liebe es, Gott zu lieben und ich liebe es zu spüren, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, Ihn zu lieben. Aber in aller Ehrlichkeit, diese emotional intensiven Momente sind nicht die Regel. Ich komme zur wöchentlichen Anbetung meist leer. Ohne bereits angefachte Gefühle. Und ich finde dies nicht schlimm. Meine Beziehung zu Christus ist gegründet nicht auf meinen Gefühlen für Ihn, sondern aufgrund Seiner Hingabe für mich am Kreuz, welche Souverän vorherbestimmt war und ewig anhält (1 Joh. 4, 10). Begeisterung für Christus in den (normalen) Momenten der Leere wird nicht angefacht durch „ich könnte tanzen, ich könnte singen, ich könnte klatschen“ sondern durch ein nachsinnen und bewundern, wer Er in seiner ganzen Größe und Faszination für mich ist.

Meine Präferenz wäre es in diesem Zusammenhang auch, Hyperbeln, also Stilmittel der rhetorischen Übertreibung in der Anbetung für besondere Momente aufzusparen. Im kids club sollte wahrscheinlich gar kein Lied gespielt werden, es sei denn, man kann dazu wild tanzen, aber wie viele von uns im Gottesdienst reißen wirklich ihre Kleider von sich, wenn die Band „wie David will ich tanzen“ spielt (2 Sam. 6)? Entweder die Gemeinde tanzt wirklich wenn wir singen „wir tanzen“ oder wir sollten Verse wie diese nur sehr, sehr dosiert spielen. Wenn wir zu oft singen, was wir nicht real praktizieren führt dies zu einer inneren Trennung zu allem, was wir singen. Wenn zu oft „Wolf“ gerufen wird, reagiert keiner mehr, „wenn der Wolf vor der Tür steht.“ Wer eine unweigerliche emotionale Distanz zur Liedzeile „ich tanze“ empfindet, weil er sich gerade regungslos mit den 0,25 m2 Bewegungsfreiheit seines Stehplatzes arrangiert hat, steht in Gefahr, diese Distanz auf „geborgen, weil du für mich starbst“ auszuweiten.

Psalmen, Hymnen, geistliche Lieder … viel Platz für Kreativität in der Anbetung

Trotz der Wiederentdeckung von Lobpreis im kontemporären Musikstil und aller Begeisterung für leidenschaftliche Anbetung in den letzten Jahrzehnten hat die Kirche noch lange nicht die mögliche Vielfalt und Tiefe der Anbetung erreicht. Das neue Testament gibt Hinweise darauf, dass ungeahnte Kreativität und übernatürliche Inspiration Anbetung in unerwarteten Dimensionen möglich macht.

Paulus fördert explizit eine vom Heiligen Geist übernatürlich inspirierte Kreativität im Lobpreis wenn er schreibt:

Das Wort des Christus wohne reichlich in euch: in aller Weisheit lehrt und ermahnt euch gegenseitig mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern singt Gott in euren Herzen in Gnade.   

Kol. 3, 16

Mit der Aufzählung von Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern macht Paulus bewusst Platz für einen Ausbruch an Kreativität in Anbetung. Ganz abgesehen von der sprachlichen Finesse erstklassiger Rhetorik, die Paulus in seinen Briefen und Doxologien (Röm. 11, 33; 1 Tim. 1, 17) selbst praktiziert, existiert in den Gedanken bei Paulus eine ganze Bandbreite an der Art von Anbetung. Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder haben alle etwas mit musikalischer Anbetung zu tun, sind aber keine strengen Synonyme, sondern beschreiben verschiedene Arten musikalischer Darbietungen.

Ein Psalm (Gr. psalmos) ist an dieser Stelle keine Beschreibung eines Alttestamentlichen Psalmes (Lk. 20, 42; Apg. 1, 20) sondern bezieht sich auf ein Lied (1 Kor. 14, 26), welches durch „zupfen der Saite“ (Gr. psallo) auf einen Instrument begleitet wird. Es ist das „klassische Lobpreislied“, welches wir hauptsächlichst heute singen. Hymne (Gr. humnos) kommt im Neuen Testament nur in hier in Kol. 3, 16 und im parallelen Eph. 5, 19 vor und bezieht sich in der Septuaginta auf verschiedene Formen von Lobliedern zu Gott. „Lied“ (Gr. oodee) ist wie im Deutschen ein generisches Wort für Lieder. Der zusatz „geistlich“ (Gr. pneumatikos) gibt der Bedeutung der Kombination eine besondere Note. Es beschreibt eine spontane Kompositionen inspiriert durch den Heiligen Geist (cf. 1 Kor. 12; 14). Wenn wir annehmen, dass die Anweisung des Paulus in der ersten Gemeinde auch praktiziert wurde, dann war Anbetung für die Christen im ersten Jahrhundert weit mehr als nur eine Abfolge von aneinander gereihten Liedern – praktiziert wurde wahrscheinlich eine weiter Bandbreite an musikalischen Stilen und Darbietungen und unter anderem auch das Singen von spontan vom Heiligen Geist inspirierten Melodien und Inhalten. Wer weiß, welche außerordentliche Kraft vom Heiligen Geist inspirierte Prophetie hat (vgl. 1 Kor. 14, 3, 24-25), kann nur erahnen, wie außerordentlich bewegend Anbetung sein kann, wenn der Heilige Geist Musiker und Gemeinde erfasst, um sie in Erstaunen vor der Exzellenz von Christus zu bringen.

1 John Owen, The Glorious Mystery of the Person of Christ, God and Man. New York, Robert Carter, 1839, Seite 534-35.