Camping mit Abraham !

Der wichtige Punkt des Gebets des Paulus für die Kolosser (Kol. 1, 9-12) besteht in der genialen Aussage, dass die Kolosser sicher sein können, dass Christus sie bereits qualifiziert hat, Anteil am Erbe der Heiligen zu erhalten:

…dem Vater danksagend, der euch qualifiziert hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht.

(Kol. 1, 12)

Während die Kolosser an dieser Stelle mit Sicherheit einen südländischen Freudentanz veranstaltet haben, fällt unsere Reaktion nach dem Lesen des Gebets wesentlich verhaltener aus. Das liegt zum einen an unserem nordischen Temperament, aber zum anderem auch daran, dass uns das Versprechen des „Erbes der Heiligen“ nicht wirklich vom Hocker reißt. Wir haben unverblümt gesagt einfach null Ahnung, was denn die Heiligen erben sollen. Im schlimmsten Fall stellt man sich ein mit Flügeln versehendes sakrales Wesen vor, das völlig perplex vor einem alten Kleiderschrank aus Urgroßmutters Zeiten steht – nicht wissend, was es mit den ollen geerbten Klamotten anfangen soll.

Mit seinem Gebet in Kol. 1, 9-12 schindet Paulus allerdings keine Zeit, bis er – nachdem er die Geduld der Kolosser mit nebensächlichen Gebeten völlig überstrapaziert hat – endlich zum eigentlichen Anliegen kommt. Der gute Rhetoriker Paulus weiß wie man gleich zu Anfang die Hörer begeistert und ist mit dem Gebet schon mitten drin im aufregenden Getümmel begeisternder Theologie. Im letzten blog Entdeckungen im Kolosserbrief Teil 3 habe ich versucht, die eindrucksvolle positive Nuance von „Anteil am Erbe der Heiligen“ anzudeuten, indem ich dies mit „himmlischen Erbe“ umschrieben haben. Die ursprüngliche temperamentvolle Hochstimmung, welches die Paulinische Verwendung von „Anteil am Erbe“ mit sich bringt, wird möglich gemacht durch die Vielzahl an positiven Assoziationen, welche das Wort „Erbe“ für einen aus dem Judentum konvertierten Christen (Apg. 17, 1-9) im ersten Jahrhundert mit sich brachte.

Um zu verstehen, was denn so aufregend am „Erbe der Heiligen“ ist, muss man mal mit Abraham campen gehen.

Der Ausdruck „Anteil am Erbe“ (gr. meris tou kleerou) bezieht sich ursprünglich auf das Land, welches jedem Stamm Israels nach der Eroberung Kanaans zugesprochen wurde (4 Mose 18, 20; 5 Mose 10, 9; 12, 12; 14, 27; Jos. 13, 1 – 19, 51). „Anteil am Erbe“ ist also ein Stück (relativ trockenes) Land im Gebiet des heutigen Israel/ West Jordanland/ Gazastreifen/ Jordanien/ Syrien/ Libanon. Dass Paulus mit Sicherheit weder den Christen in Kolossae noch uns heute wortwörtlich eine Gartenparzelle in der Halbwüste Kanaans versprochen hat, liegt am Symbolcharakter, welches das „verheißene Land“, also das von Gott zugesprochene Land an die Israeliten schon vor viertausend Jahren hatte.

Als Gott zu Abraham sprach: „ich bin der HERR, der ich dich von Ur in Chaldäa heraus geführt habe und dir dieses Land zum erben gegeben habe…“ (1 Mose 15, 7) ging es zwar vordergründig um das bereits oben erwähnte (bitte daran erinnern: relativ trockene) Land Kanaan, aber eben nur vordergründig. Schon Abraham wusste, dass das von Gott versprochene Land Kanaan nicht die eigentliche Verheißung Gottes war, sondern hauptsächlichst Symbolcharakter für die wirkliche und letztendliche Verheißung war. Vielleicht kann man es mit der Fahrradklingel vergleichen, die ich von meinen Eltern geschenkt bekam, als ich ein Teenager war. Meine Freudenausbrüche galten weniger der Klingel an sich, sondern dem Symbolgehalt, dass im Keller das zugehörige Fahrrad stand, welches die Klingel als Symbol bezeichnen sollte (das ganze Fahrrad passte eben nicht in den Weihnachtsmannsack).

Aber zurück zu Abraham. „Anteil am Erbe“ bezieht sich auf das verheißene Land, welches den Stämmen Israels zugeteilt wurde aufgrund dass es ursprünglich Abraham als Erbe zugesprochen wurde. Das eigentliche Erbe bestand aber nicht im Land Kanaan, sondern in einem ganz anderem „Land“, welches durch Kanaan symbolisiert werden sollte.

Dies wird deutlich, wenn wir mit Abraham campen gehen. Als Gott Abraham von Ur in Chaldäa nach Kanaan gebracht hatte, wie hatte Abraham reagiert, als er das erste mal sein „Erbe Kanaan“ gesehen hat? Mit Sicherheit wäre Abraham, wenn Kanaan selbst die Verheißung gewesen wäre offensichtlich enttäuscht gewesen. Er wäre wahrscheinlich sogar so deprimiert gewesen, dass er schnurstracks zurück nach Ur gegangen wäre. Um dies nachzuvollziehen, muss man die geographischen und sozialen Bedingungen zu Zeiten Abrahams vorstellen. Abrahams Familie kam aus Ur – diese Stadt ist eine der ältesten sumerischen Stadtgründungen und Zentrum Mesopotamiens. Zu Abrahams Zeiten war Ur wirtschaftlich, politisch und kulturell als Wiege der Menschheit eine Hochkultur der Zivilisation. Direkt am Meer gelegen, eine wichtige Hafenstadt, mit herausragenden Monumentalbauwerken wie der berühmte Ziqqurrat und monumentalen Königsgräbern (Ur war Residenzstadt der Könige), Palästen, Schatzhäusern, Gerichtszentren und mit dem heutigen Fundort von tausenden Keilschriften (sowohl Verwaltungsaufzeichungen als auch literarischen Werken), war Ur von Chaldäa was modernstes Lebensgefühl betrifft kaum zu übertreffen. Klimatisch günstig gelegen, durch fruchtbare Ebenen gut mit Nahrungsmitteln versorgt, ökonomisch florierend, militärisch und gesellschaftlich stabil, Zentrum der Literatur und Kultur war Ur als Lebensstandort kaum zu übertreffen. Das war die Heimat von Abraham. Und was gab es in Kanaan? Nichts. Oder zumindest nicht viel, was Zivilisation und Lebensstandard angeht. Ein paar kleinere Stadtstaaten, aber ansonsten bestand Kanaan zumeist aus (wie schon erwähnt) relativ trockenem Weideland. Kanaan war im Vergleich zur Ur „das letzte Kaff“, unzivilisiertes Hinterland und anstelle einer Villa am Meer sollte Abraham mit seiner Frau in Zelten auf staubtrockenen Boden leben. Zelturlaub für vierzehn Tage mag ja ganz romantisch sein, aber über Jahre Zelt ab- und wieder neu aufbauen, ständig als Nomaden leben – man kann sich das Genörgel von Sarah sehr gut vorstellen. Was für ein Gott gibt so eine lausige Verheißung und warum sollte Abraham aus dem luxuriösen Ur ins letzte Hinterland ziehen? Nur weil Kanaan nicht die eigentliche Verheißung war, sondern Symbol für ein besseres Land!

Zweitens: dass Kanaan nicht das eigentliche Erbe, nicht das eigentliche verheißene Land war, wird aus dem großen Gedankenfluss des 1 Mose-Buches deutlich. Denn 1 Mose 12 – die Stelle wo Gott zum ersten mal zu Abraham spricht, steht nicht isoliert von dem vorherigen Geschehen der vorangegangenen elf Kapitel. „Nun der HERR sagte zu Abraham ‚Geh aus deinem Land, aus deiner Familie, und von deines Vaters Haus zu einem Land, was ich dir zeigen werde…’“ (1 Mose 12, 1) ist kein neues, unabhängiges Thema von der Schöpfungsgeschichte und dem Fall des Menschen, sondern inhaltlich eng damit verbunden. „Land“ aus dem Zitat „Land, was ich dir zeigen werde“ wird auch nicht das erste mal in 1 Mose 12 beschrieben, sondern hat seinen Ursprung im guten Land des Paradieses (1 Mose 1-2)! Wie schon im Blogbeitrag Wem gehört das „Heilige“ Land beschrieben beginnt die Idee von Land, welches Menschen bewohnen und auf diesem von Gott gesegnet sind (1 Mose 12, 1-3), viel früher: im Paradies! Es war gutes Land, ein blühender Garten, und ein Ort der Gegenwart Gottes, welches YHWH den ersten Menschen schenkte (1 Mose 1-2). Und es war das gute Land, die paradiesischen Zustände, und die Gemeinschaft Gottes, welches die Menschen durch Ungehorsam verloren. Das theologische Konzept von Land, welches Gottes Volk gehört, hatte seinen Ursprung nicht in der Verheißung Kanaans an Abraham, sondern im Paradies!

Die Hoffnung Abrahams, Land zu besitzen, war in Abrahams Gedanken verbunden mit dem Konzept der Wiederherstellung des einstigen Zustandes der Menschheit: Paradies! Das Ziel der ganzen Geschichte Gottes mit Abraham in 1 Mose ist dieses: während der Mensch in seiner Gottesferne immer weiter im Chaos versinkt (1 Mose 3-11), ist es der souveräne Ruf Gottes, die Eigeninitiative Gottes über eine Verheißung und das daraufhin folgende Vertrauen in die Verheißung Gottes, den Menschen wieder zur Gottesbeziehung und paradiesischen Zuständen herzustellen (1 Mose 12ff)! Das Land der Verheißung spielt dabei eine entscheidende Rolle als Symbol für das einstige Land: den Garten Eden! „Während die ersten zwei Kapitel des 1 Mose-Buches die Etablierung des guten Landes „Paradies“ beschreibt, das Kapitel drei den Verlust des Landes als Resultat von Ungehorsam aufzeigt, und in den Kapiteln 4-11 die Menschen sich immer weiter weg von Gott und der Hoffnung der Wiederherstellung des Paradieses bewegen, wird Abraham dargestellt als Erbe des Landes (sprich Paradies) aufgrund von Gehorsam und Vertrauen in Gott.“ Die Idee des verheißenen Landes als Zeichen und Symbol für eine ultimativere Realität, die Erneuerung des Paradieses, wird in der „paradiesischen“ Beschreibung des Landes sichtbar: es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen (2 Mose 3, 8, 17; 13, 5; 33, 3; 3 Mose 20, 24; 4 Mose 13, 27; 5 Mose 6, 3; Josua 5, 6; etc.). Als Gott Abraham „das Land“ versprochen hatte, erwartete der Patriarch weit mehr als nur ein Stück Immobilie im Nahen Osten – Abraham erwartete, dass durch die Verheißung Gott Abraham und seine Nachkommen zu dem ursprünglichen Land und den ursprünglichen Zustand wieder her stellt, wo der Mensch her gekommen ist: Paradies!!!

Die Idee, dass Abraham von Gott in der „Erbverheißung des Landes“ das Paradies versprochen bekommen hat, wird explizit im Hebräerbrief beschrieben. Das Land der Philister, was Abraham erhalten sollte, war nur eine Art Vorschau, eine Art Symbol für die eigentliche Verheißung der vollkommenen Wiederherstellung des Paradieses.

Im Glauben gehorchte Abraham als er berufen wurde hinaus zu einem Ort zu gehen, den er als Erbteil empfangen würde. Und er ging hinaus, nicht wissend wohin er gehen würde.

(Hebr. 11, 8)

 

Abraham bekam also einen Ort als Erbteil versprochen. Wer denkt, dass Abraham zwar nicht gleich, aber als er an die Grenzen Palästinas kam, wusste „das ist es,“ hat sich getäuscht. Abraham hat von Anfang an etwas anderes erwartet.

Im Glauben wohnte er im Land der Verheißung als wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Erben derselben Verheißung.

(Hebr. 11, 9)

 

Abraham, Isaak und Jakob haben alle das Land nicht geerbt. Wie heimatlose Zigeuner – ohne Haus, Wohnung oder Garage, sondern in Zelten – waren sie wie Fremde im Land der Verheißung. Was haben sie eigentlich gedacht, als sie da vor ihrem Zeltdach die geschlachtete Ziege grillten und in die Ferne schauten? Ob es nur eine Frage der Zeit ist, bis Gott ihnen dieses Land gibt? Nein, sie erwarteten alle etwas anderes:

„denn er [Abraham] wartete auf die Stadt, die Fundamente hat, deren Bauherr und Schöpfer Gott ist.“

(Hebr. 11, 10)

Das im Zigeunerwagen umherreisen im Verheißenen Land hat Abraham sehnsüchtig gemacht, nach dem, was er wusste, Gott eigentlich versprochen hatte: eine Stadt (also nicht mehr im Zelt wohnen, sondern ankommen, zur Ruhe kommen), die nicht von Menschenhand gebaut wurde und auch nicht gebaut werden kann – Abraham erwartete nichts anderes als das, was wir von der Offenbarung her als „himmlisches Jerusalem“ (Offb. 21-22) kennen – die neue Erde mit neuem Himmel und dem gewaltigen Gott in all Seiner Herrlichkeit mitten drin!

Diese alle starben im Glauben, ohne die Verheißung empfangen zu haben, aber sie haben sie von Ferne gesehen, und begrüßten sie und bekannten, dass sie Fremde und Menschen ohne Bürgerrecht auf der Erde sind.

(Hebr. 11, 13)

Abraham hat also die Verheißung von der Ferne gesehen? Aber er war doch da! Er hätte doch nur, wenn er 1,90 m groß war, 1,82 auf den Boden blicken brauchen – das ist doch nicht von fern, oder? Der Punkt des Hebräer-briefes ist aber genau, dass der Grund und Boden auf dem Abraham stand nur das Mittel war, auf etwas größeres und besseres zu hoffen, wozu das Land Symbol war. In dieser Welt sind Abraham, Isaak, Jakob und alle Israelis, egal wie viel Bauland sie in Tel Aviv oder Jerusalem besitzen, Fremde! Die von Gott an Abraham versprochene Heimat ist woanders!:

Denn diese, die solche Dinge sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen.

(Hebr. 11, 14)

Abraham hat ein Vaterland gesucht und in Palästina NICHT gefunden! Er wusste, Gott hatte ein anderes Vaterland versprochen!

Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie zurück kehren können.

(Hebr. 11, 15)

Jetzt sind wir also wieder zusammen mit Abraham auf einem Camping Trip! Hier sagt der Hebräer-Brief eindeutig, dass wenn Abraham nur auf Kanaan als sein von Gott versprochenes Erbe geschaut hätte, er zurück nach Ur gegangen wäre! Aber Abraham hat die Strapazen des Nomadenseins, die Aufgabe seiner komfortablen Heimat und die Sehnsucht nach Permanenz/ Sicherheit und ein Stück Zuhause und das Herum geschubst werden von den Einwohnern Kanaans und das ständige in die schlechtesten Ecken des Landes verdrängt zu werden ausgehalten – weil er sein Augenmerk auf das eigentliche versprochene Zuhause gerichtet hatte:

Jetzt aber trachten sie nach einem besserem Vaterland, das heisst, nach einem himmlischen Vaterland. Deshalb schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.

(Hebr. 11, 16)

Auf den Punkt gebracht: Abraham wusste, dass Gott Ihm „den Himmel“ versprochen hatte! Mit Gott vollkommen versöhnt zu sein, in Seiner herrlichen Nähe zu sein und auf einer paradiesisch erneuerten Erde Gott mit vollen Zügen zu genießen – das war, was sich Abraham von Gott in der Verheißung erhoffte. Und Abraham hatte sich nicht verhört! Genau weil Abraham Gott richtig verstanden hatte und seine Hoffnung auf das wirklich wertvolle gesetzt hatte – Gott selbst in Garten-Eden-Verhältnissen zu genießen – anstelle sich wie ein Geier nur auf irdisches Hab und Gut zu stürzen, egal wie gut gelegen die Immobilie ist – deshalb schämt sich Gott nicht, der Gott dieser Menschen zu sein. Er ist stolz auf sie, weil sie das ehren, was am meisten ehrenwert ist – Gott selbst ist wichtiger als Land und Häuser!

Zurück zum Kolosserbrief: wenn Paulus schreibt, dass die Kolosser „Anteil am Erbe“ der Heiligen bekommen haben, bezieht er sich auf die Alttestamentliche Tradition des Erbes Kanaans, welches Abraham versprochen wurde und schon im Alten Testament das himmlische Leben im Paradies symbolisiert hat. „Qualifiziert Teilhaber des Erbes der Heiligen“ zu sein bedeutet also dass Gott in Christus bereits jetzt Christen rechtlich als Erben des Paradieses eingesetzt hat.

Die Erfüllung der Ur-Sehnsucht des Menschen, unendlich glücklich zu sein und dies nicht nur temporär, sondern in alle Ewigkeit ist uns Gläubigen schon jetzt verlässlich zugesichert worden. Es ist die Zusicherung des himmlischen Paradieses, mit welchem Paulus die Leser des Kolosser-Briefes schon in seinem Gebet sprichwörtlich vom Hocker reißen will. Das Zentrum der Theologie des Kolosser-briefes ist dass Christus allein bereits alles getan hat, um Christen die Garantie des Erleben des Paradieses zu schenken. Der Wille Gottes in Kol. 1, 9 ist dass Gott in Christus das Erbe frei vergibt und im Moment des Glaubens es dem Christen als „sicher“ garantiert.

Kaum ein Wunder, dass Paulus schreibt, dass das Wissen um den Willen Gottes (das Erbe des Himmels durch Christus garantiert bekommen zu haben) dazu führt, dass wir dem Vater danken! (Kol. 1, 12)