Wem gehört das „Heilige“ Land?

In der Frage, ob der gegenwärtige Staat Israel ein Biblisches Recht auf das „Heilige“ Land hat, bejahen dies Christliche Zionisten mit dem Argument, dass Gott Abraham und seinen physischen Nachkommen (i.e. dem gegenwärtigen Israelischen Volk) das Land unwiderruflich zugesprochen hat. Dabei steht Gottes Treue gegenüber Seinen Verheißungen auf dem Spiel. Wenn also, so das Argument des Christlichen Zionismus, Gott dem Israelischen Volk im 20. und 21. Jahrhundert das Land in Form einer Immigration und Staatsgründung gibt, erfüllt Er damit Sein Versprechen an Abraham. Wenn der gegenwärtige Staat Israel nicht die direkte Erfüllung des Versprechens in 1 Mose 13, 15 „dir und deinem Nachkommen werde ich das Land geben“ ist, dann ist Gott nicht vertrauenswürdig. David Pawson, ein leidenschaftlicher Zionist, schreibt dazu „Beachte das Wort ‚unveränderlich‘ [in Hebr. 6, 17 „Gott beabsichtigte den Erben der Verheißung zu beweisen, wie unveränderlich sein Ratschluss ist, indem er sich mit einem Eid verbürgt…“]… Wenn [Gott] irgendetwas von Seinem Bundesversprechen an Abraham zurück nimmt, können wir nie vertrauen, dass der Neue Bund überhaupt verlässlich ist… Diejenigen, die irgendeinen Teil des Bundes Gottes mit Abraham abwandeln… müssen gewarnt werden, dass sie die Zuversicht von glaubenden Christen untergraben.“1

Wer den letzten blog gelesen hat, hat herausgefunden, dass ich kein Christlicher Zionist bin. Warum ich NICHT glaube, dass der heutige Staat Israel die treue Erfüllung der Verheißung Gottes an Abraham ist – und Gott dennoch sowohl Abraham, als auch Christen treu ist, möchte ich im folgenden erklären.

Zuerst ein kleines technisches Detail. Das Wort „für immer“ (Hebr. yolam) in 1 Mose 13, 15 „… dir und deinen Nachkommen werde ich das Land geben für immer…“ ist nicht im westlich geprägt Sinn von „in Ewigkeit“ zu verstehen. Die Hebräer verstanden darunter „von langer Dauer,“ „eine lange Zeit,“ also eine stabile Zeitspanne im Gegensatz zu unsicherer Fluktuation.2 Das Wort kann unter Umständen das Konzept „ewiglich“ bedeuten, muss es aber nicht. Es gibt dutzende Beispiele im Alten Testament, wo detaillierte Anweisungen an Leviten gegeben wurde, wie in der Stiftshütte zu opfern ist, Aronitische Priester Anrechte an das Schwingopfer haben, das Mosaische Gesetz in seinen Einzelheiten gehalten werden soll, etc. (2 Mose 19, 9; 27, 21; 28, 43; 30; 21; 3 Mose 7, 34; 10, 9, 15; 4 Mose 15, 15; 18, 23; 5 Mose 4, 40; 12, 28) – und dies alles „für immer“ (Hebr. yolam) – trotz dass spätestens mit dem Kommen des Messiahs alle diese „für-immer-Vorschriften“ gänzlich verworfen wurden (siehe Hebräer-Brief). Nur vom Auftreten des Wortes „für immer“ kann man also nicht schließen, dass Gott sich „ewiglich“ im westlichen Sinn verpflichtet hat, den Nachkommen Abrahams das wortwörtliche Land Kanaan zu überlassen.

Zweitens kann man feststellen, dass Gott trotz Seiner Verheißung „Abraham und seinen Nachkommen“ das Land Kanaan zu geben, nicht wortwörtlich erfüllt hat. Es sei denn, dass „dir und deinen Nachkommen“ eine Umschreibung dafür ist, dass zwar Abrahams Nachkommen und nicht er selbst das Land erben wird,3 hat Gott nicht nur versprochen „deinen Nachkommen werde ich das Land geben,“ sondern auch „dir werde ich das Land geben.“ Nun ist es aber sicher, dass Abraham (abgesehen von einer Grabstätte für Sarah, die er für einen horrenden Preis gekauft hat (1 Mose 23)) nicht einen Quadratmeter Land in Kanaan jemals sein eigen genannt hat! Der Autor des Hebräerbriefes bestätigt die Erzählung in 1 Mose, dass Abraham nie das Land bekommen hat, indem er schreibt: „Durch Glauben hielt [Abraham] sich wie ein Fremder im Land der Verheißung auf und lebte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben der Verheißung.“ (Hebr. 11, 9). Nicht wie ein Eigentümer, der sich in festen Behausungen niederlässt und die erfüllte Verheißung, hat Abraham im verheißenen Land gelebt, sondern wie ein Fremder, wie jemand, der kein Recht auf das Land hat. Wer es immer noch nicht recht glauben kann, dass Abraham NIE das Land erhalten hat, für den macht es Hebräer 12, 13 unmissverständlich klar: „Diese alle sind im Glauben gestorben, ohne das Verheißene empfangen zu haben…“

Wie kann also Gott gegenüber Abraham treu sein, indem er zwar ihm das Land verspricht, es Abraham aber nie zu seinen Lebzeiten gibt? Die Lösung liegt darin, dass Abraham Gott wesentlich besser verstanden hat, was genau er denn verheißen hat, als so manche Christen heutzutage! Für Abraham war die braune Erde zwischen Negev und dem Berg Hermon nie die letztendliche und ultimative Erfüllung dessen, was er hörte, als Gott ihm versprach „dir und deinen Nachkommen werde ich das Land geben.“ Die plumpe Behauptung der Zionisten „Gott hat Abraham und seinen Nachkommen das Land gegeben – Schluss, aus, alle – Israel gehört das Land,“ entspricht nicht der nuancierten Betrachtungsweise der Bibel, was denn Gott wirklich Abraham versprochen hat. Man darf sich eben nicht allein aus einem halben Bibelvers, (egal ob dieser wie ein Mantra tausendfach wiederholt wird) im Ausschluss des Rests der Heiligen Schrift seine Meinung festschreiben lassen, sondern muss sich fragen, was denn das gesamt Wort Gottes zur Frage der Landverheißung zu sagen hat. Wer sich nicht wie ein Pferd mit Scheuklappen – blind für den Rest der Heiligen Schrift – im Tunnelfokus auf einen Bibelvers fest stiert, dem wird entgehen, was Gott zur Landverheißung noch zu sagen hat – und man wird merken, dass das angebliche Biblische Anrecht physischer Nachkommen Abrahams auf Grund und Boden im Nahen Osten eine Illusion ist, die weit entfernt von der tatsächlichen Biblischen Offenbarung Gottes und Seiner Verheißungen ist.

Zurück zu Abraham und der Verheißung des Landes an ihn. Die Idee der Verheißung an Abraham „Land zu erben“ ist in 1 Mose 12 keine neue Idee, die unerwartet in der Geschichte auftaucht. Die Idee von Land, welches Menschen bewohnen und auf diesem von Gott gesegnet sind, beginnt viel früher: im Paradies! Es war gutes Land, ein blühender Garten, und ein Ort der Gegenwart Gottes, welches YHWH den ersten Menschen schenkte (1 Mose 1-2). Und es war das gute Land, die paradiesischen Zustände, und die Gemeinschaft Gottes, welches die Menschen durch Ungehorsam verloren. Das theologische Konzept von Land, welches Gottes Volk gehört, hatte seinen Ursprung nicht in der Verheißung Kanaans an Abraham, sondern im Paradies! Die Hoffnung Abrahams, Land zu besitzen, war in Abrahams Gedanken verbunden mit dem Konzept der Wiederherstellung des einstigen Zustandes der Menschheit: Paradies! Das Ziel der ganzen Geschichte Gottes mit Abraham in 1 Mose ist dieses: während der Mensch in seiner Gottesferne immer weiter im Chaos versinkt (1 Mose 3-11), ist es der souveräne Ruf Gottes, die Eigeninitiative Gottes über eine Verheißung und das daraufhin folgende Vertrauen in die Verheißung Gottes, den Menschen wieder zur Gottesbeziehung und paradiesischen Zuständen herzustellen (1 Mose 12ff)! Das Land der Verheißung spielt dabei eine entscheidende Rolle als Symbol für das einstige Land: den Garten Eden! „Während die ersten Kapitel des 1 Mose Buches den Verlust des Landes als Resultat von Ungehorsam aufzeigen, wird Abraham dargestellt als Erbe des Landes aufgrund von Gehorsam und Vertrauen in Gott.“4 Die Idee des verheißenen Landes als Zeichen und Symbol für eine ultimativere Realität, die Erneuerung des Paradieses, wird in der „paradiesischen“ Beschreibung des Landes sichtbar: es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen (2 Mose 3, 8, 17; 13, 5; 33, 3; 3 Mose 20, 24; 4 Mose 13, 27; 5 Mose 6, 3; Josua 5, 6; etc.). Als Gott Abraham „das Land“ versprochen hatte, erwartete der Patriarch weit mehr als nur ein Stück Immobilie im Nahen Osten – Abraham erwartete, dass durch die Verheißung Gott Abraham und seine Nachkommen zu dem ursprünglichen Land und den ursprünglichen Zustand wieder her stellt, wo der Mensch her gekommen ist: Paradies!!!

Der Schreiber des Hebräerbriefes macht explizit, was der Leser des Alten Testaments erahnen konnte: das Land der Philister, was Abraham erhalten sollte, war nur eine Art Vorschau, eine Art Symbol für die eigentliche Verheißung der vollkommenen Wiederherstellung der Beziehung Gottes im Paradies. Und Abraham wusste das:

„Im Glauben gehorchte Abraham als er berufen wurde hinaus zu einem Ort zu gehen, den er als Erbteil empfangen würde. Und er ging hinaus, nicht wissend wohin er gehen würde.“ (Hebr. 11, 8)

Abraham bekam also einen Ort als Erbteil versprochen. Wer denkt, dass Abraham zwar nicht gleich, aber als er an die Grenzen Palästinas kam, wusste „das ist es,“ hat sich getäuscht. Abraham hat von Anfang an etwas anderes erwartet.

„Im Glauben wohnte er im Land der Verheißung als wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Erben derselben Verheißung.“ (Hebr. 11, 9)

Abraham, Isaak und Jakob haben alle das Land nicht geerbt. Wie heimatlose Zigeuner – ohne Haus, Wohnung oder Garage, sondern in Zelten – waren sie wie Fremde im Land der Verheißung. Was haben sie eigentlich gedacht, als sie da vor ihrem Zeltdach die geschlachtete Ziege grillten und in die Ferne schauten? Ob es nur eine Frage der Zeit ist, bis Gott ihnen dieses Land gibt? Nein, sie erwarteten alle etwas anderes:

„denn er [Abraham] wartete auf die Stadt, die Fundamente hat, deren Bauherr und Schöpfer Gott ist.“ (Hebr. 11, 10)

Das im Zigeunerwagen umherreisen im Verheißenen Land hat Abraham sehnsüchtig gemacht, nach dem, was er wusste, Gott eigentlich versprochen hatte: eine Stadt (also nicht mehr im Zelt wohnen, sondern ankommen, zur Ruhe kommen), die nicht von Menschenhand gebaut wurde und auch nicht gebaut werden kann – Abraham erwartete nichts anderes als das, was wir von der Offenbarung her als „himmlisches Jerusalem“ (Offb. 21-22) kennen – die neue Erde mit neuem Himmel und dem gewaltigen Gott in all Seiner Herrlichkeit mitten drin!

„Diese alle starben im Glauben, ohne die Verheißung empfangen zu haben, aber sie haben sie von Ferne gesehen, und begrüßten sie und bekannten, dass sie Fremde und Menschen ohne Bürgerrecht auf der Erde sind.“ (Hebr. 11, 13)

Abraham hat also die Verheißung von der Ferne gesehen? Aber er war doch da! Er hätte doch nur, wenn er 1,90 m groß war, 1,82 auf den Boden blicken brauchen – das ist doch nicht von fern, oder? Der Punkt des Hebräer-briefes ist aber genau, dass der Grund und Boden auf dem Abraham stand nur das Mittel war, auf etwas größeres und besseres zu hoffen, wozu das Land Symbol war. In dieser Welt sind Abraham, Isaak, Jakob und alle Israelis, egal wie viel Bauland sie in Tel Aviv oder Jerusalem besitzen, Fremde! Die von Gott an Abraham versprochene Heimat ist woanders!:

„Denn diese, die solche Dinge sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen.“ (Hebr. 11, 14)

Abraham hat ein Vaterland gesucht und in Palästina NICHT gefunden! Er wusste, Gott hatte ein anderes Vaterland versprochen!

„Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie zurück kehren können.“ (Hebr. 11, 15)

Falls man gedacht hätte, dass bei allen Strapazen des Nomadenseins und bei aller Sehnsucht nach Permanenz, Sicherheit, ein Stück Zuhause Abraham ein nostalgisches Gefühl an seine komfortable Villa im Land Ur gedacht hat, liegt man falsch. Auf der Suche nach einem Vaterland wollte Abraham nicht dasselbe Stück Land, was er schon besessen hat, jetzt nur an einem anderen Ort! Abraham wusste von Anfang an, dass bei Gottes Verheißung „Ich werde dir das Land geben“ „Land“ etwas völlig anderes bedeutet, als den Lehm, Sand und Stein, den er kannte. Irdisches Kanaan, das Land Israel, war in keinster Weise in Flora, Fauna und Biogeographie anders als was Abraham in Ur hätte haben können.

„Jetzt aber trachten sie nach einem besserem Vaterland, das heisst, nach einem himmlischen Vaterland. Deshalb schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ (Hebr. 11, 16)

Auf den Punkt gebracht: Abraham wusste, dass Gott Ihm „den Himmel“ versprochen hatte! Mit Gott vollkommen versöhnt zu sein, in Seiner herrlichen Nähe zu sein und auf einer paradiesisch erneuerten Erde Gott mit vollen Zügen zu genießen – das war, was sich Abraham von Gott in der Verheißung erhoffte. Und Abraham hatte sich nicht verhört! Genau weil Abraham Gott richtig verstanden hatte und seine Hoffnung auf das wirklich wertvolle gesetzt hatte – Gott selbst in Garten-Eden-Verhältnissen zu genießen – anstelle sich wie ein Geier nur auf irdisches Hab und Gut zu stürzen, egal wie gut gelegen die Immobilie ist – deshalb schämt sich Gott nicht, der Gott dieser Menschen zu sein. Er ist stolz auf sie, weil sie das ehren, was am meisten ehrenwert ist – Gott selbst ist wichtiger als Land und Häuser! Darf ich in Liebe vorschlagen, dass der Text impliziert, dass Menschen, die heute auf ein Recht pochen, das ihnen Grund und Boden zwischen Beersheba und Nazareth gehört, nur weil Gott dies einem ethnischen Vorfahren versprochen hat – und ohne Sehnsucht Christus von Angesicht zu Angesicht in einer erneuerten Welt zu genießen (Römer 8, 19-25) leben – dass Gott sich dieser Menschen schämt?!

An dieser Stelle ist es wichtig, zwei Dinge anzumerken. Erstens, Gottes Treue gegenüber der Landverheißung zeigt sich nicht, indem er im 20. oder 21. Jahrhundert die Besiedlung Palästinas und die Staatsgründung Israels verwirklicht. Gott ist treu gegenüber der Verheißung Abrahams, indem er Menschen mit Christus versöhnt und ihnen damit echte Hoffnung auf ultimatives Vaterland schenkt! Abraham hat seine Landverheißung erfüllt bekommen, indem Gott ihm eine „Stadt“5 bereitet hat, die Gott selbst gebaut hat! Alle Nachkommen Abrahams finden die Treue Gottes in derselben Erfüllung!

Zweitens, indem der Hebräerbrief das Wort „besser“ in „besserem Vaterland“ (Hebr. 11, 16) einführt, nimmt er die Landverheißung in die Liste der Kontraste zwischen Alttestamentlicher Vorschau und Neutestamentlicher Erfüllung auf. Hauptaugenmerk des Hebräerbriefes ist tatsächlich, dass der neue Bund den alten Bund ablöst und ihn in allen seinen Bestandteilen bei weitem übertrifft – und zwar genau deshalb, weil der Alte Bund eine Art Schatten, Symbol für die eigentliche Erfüllung der Pläne Gottes mit den Menschen ist.
So ist Jesus als Priester der Ordnung Melchizedeks besser als die Levitische Priesterschaft des Alten Bundes (Hebr. 7, 11-19);
Jesus ist der Bürge eines besseren Bundes, da Gott Ihn mit größeren Verheißungen eingesetzt hat (Hebr. 7, 22);
Jesus ist der Mittler eines besseren Bundes, mit besseren Verheißungen (Hebr. 8, 6);
das Opfer von Jesus ist ein besseres Opfer als die Tieropfer der Mosaischen Bundes (Hebr. 9, 23), etc.

Die Landverheißung fällt also auch in die Kategorie „Schatten, Symbol, Prophetie“ im Kontrast zu „Realität, Substanz, Erfüllung,“ welche das Verhältnis zwischen Alten und Neuen Bund charakterisiert. Gottes Wohnen in der Bundeslade symbolisierte die Gegenwart Gottes, die jetzt in Christus zu finden ist (Joh. 1, 14). Das Mannah vom Himmel hat seine ultimative Erfüllung im „lebendigen Brot“ des Christus gefunden (Joh. 6, 49-51). Christus schenkt durch seine Erhöhung am Kreuz die ultimative Rettung, welche durch das hochhalten der Schlange am Stab von Mose symbolisiert wurde (Joh. 3, 14). Der Tempel, Ort der Begegnung und Versöhnung mit Gott ist einzig und allein in Christus zu finden (Joh. 2, 21; Markus 2, 5). Die religiösen Feste des Alten Bundes waren ein Schatten der Dinge, die in Christus gekommen sind (Kol. 2, 17). Und die Landverheißung war Symbol und Vorschau für die Erneuerung des Himmels und der Erde auf welcher Menschen mit Auferstehungskörpern ihre ganze Freude an Gott haben (Hebr. 11,16). Das Kommen von Jesus hat alles des Alten Bundes auf den Kopf gestellt. Die alttestamentlichen Verheißungen können nicht „wortwörtlich“ gelesen werden und ohne das Kommen des Christus außerhalb von Ihm erfüllt werden. Nachdem der Messias gekommen ist, kann man nicht die Augen zu machen und so tun, als wenn nichts geschehen wäre! Mit dem Kommen der Substanz, mit der Erfüllung der Prophetie haben die Schatten des Alten Bundes ihre Mission erfüllt. Mit dem Kommen des Messiahs erfüllt Gott die Landverheißung im neuen Himmel und in der neuen Erde und nur dort!

Im Neuen Testament findet eine dramatische Verlagerung statt in der Erklärung, was Gott Abraham verheißen hat! In Römer 4, 13 heist es, dass

„Abraham der Erbe der Welt sein wird, kam zu Abraham und seinem Nachkommen nicht durch das Gesetz…“

Beachte, dass Abraham nicht mehr der Erbe des Landes (Gr. gee) ist, sondern der Erbe der Welt (Gr. kosmos). „Welt“ ist nie eine Umschreibung des Landes, sondern ein bewusst gewählter Begriff, der das Universum meint! Abraham erbt nicht mehr nur Kanaan, sondern alles, nicht mehr nur das Land der Israeliten, sondern alle Ländereien aller Völker und Nationen. Warum diese Absichtliche Ausdehnung der Verheißung an Abraham im Röm. 3, 13? Die Antwort ist nicht schwer zu erraten! Abraham ist mit dem Kommen des Christus und seinem Evangelium Vater nicht nur der Juden geworden, sondern Vater aller derer geworden, die wie er der Verheißung Gottes (hier Evangelium) glauben (Röm. 3, 12)! Weil nicht nur Juden, die glauben, Abrahams Nachkommen sind, sondern auch Heiden, die glauben, hat (in meinen simplen Worten) Gott Platz gemacht für alle! Mit dem Kommen des Messias wurde die einstige Landverheißung ausgedehnt in eine Weltverheißung und es wurde konkretisiert, wer Erbe wird: alle, die wie Abraham glauben!

Falls du es überlesen hast, hier noch mal unmissverständlich: Erben der Landverheißung an Abraham sind nach dem neuen Testament CHRISTEN – egal ob sie Jüdische oder Deutsche, Tschechische, Indische, Türkische oder Taiwanesische Christen sind! Das Neue Testament kennt nur eine Art von echten Nachkommen Abrahams: diejenigen, die wie Abraham glauben. Die Neutestamentliche Idee, dass es nicht ausreicht, physischer Nachkomme Abrahams zu sein, um die Verheißungen in Anspruch zu nehmen (Matt. 3, 9) ist keine neue Entwicklung des Neuen Testaments bezüglich der Beziehung Gottes mit seinem Volk. Die Propheten warnten immer, dass Treue zu YHWH unabdingbare Notwendigkeit ist, um Gottes Verheißungen in Anspruch zu nehmen (Jes. 10, 22; Amos 9, 7-10). Mit dem Fall des Nordreiches wurden „ganze zehn Stämme in die Welt der Heiden absorbiert, so dass deren Nachfahren nicht mehr identifiziert werden können. Eindeutig, ein Nachkomme Abrahams zu sein beinhaltete nicht gleichzeitig die Garantie, dass diese Person innerhalb des Bundesvolkes bleiben wird ohne Beachtung seines Glaubens und seiner Treue zum Bund Gottes.“6 Gleichzeitig ist die Vorstellung der Adoption der Heiden in das Gottesvolk ebenso konsistente Alttestamentliche Verheißung (Amos 9, 12; Is. 55, 4-5; Is. 56, 3-8).

Diese beiden theologischen Gedanken aus dem Alten Testament: a) nicht alle Juden, die physische Nachkommen Abrahams sind gehören wirklich zu Gott und sind Seine Erben; b) Nichtjuden werden zum Volk Gottes als vollwertige Erben der Verheißung hinzugetan – kommen im Neuen Testament zusammen und der alles entscheidende Faktor, welche Zugehörigkeit zum Volk Gottes definiert ist: GLAUBE AN CHRISTUS.
Paulus legt Zugehörigkeit zum Volk Gottes folgendermaßen fest:

„Deshalb erkenne, dass diejenigen, die des Glaubens sind, die Söhne Abrahams sind“ (Gal. 3, 7).

Die Englische New Kings James Version fügt sogar noch ein „nur“ in den Text ein: „nur diejenigen, die des Glaubens sind, die sind Söhne Abrahams.“ Obwohl das „nur“ nicht im Griechischen Text zu finden ist, gibt auch diese Übersetzung den intendierten Sinn des Apostels korrekt wieder: Ein- bzw. Ausschlusskriterium ob du zu Abraham zugehörig bist ist die Frage, ob du ohne Gesetzeswerke im Glauben allein Christus allein vertraust! Paulus behauptet nicht, dass physische Nachkommen Land erben und „geistige“ Nachkommen freie Rechtfertigung vor Gott erben. Es gibt bei Paulus nur ein Gottesvolk und nur eine Verheißung. Nur dieses eine Gottesvolk erbt nur diese eine Verheißung. Außerhalb dessen gibt es keine Anrechte an verheißenen Segen. Um zu zeigen, dass die Verheißung an Abraham aus 1 Mose 12-22 nur an Menschen weitergegeben wird, die zu Christus gehören, argumentiert Paulus so:
„Zu Abraham und seinem Samen wurde die Verheißung erteilt. Er sagt nicht ’seinen Samen,‘ als wären es viele, sondern einer: ‚und deinem Samen‘ – und dieser ist Christus“ (Gal. 3, 16). Christus ist also der ultimative Erbe der Verheißung. Diejenigen, die zu Christus gehören, erben mit ihm. Diejenigen, die nicht zu ihm gehören, erben nicht. Alle Menschen, Juden wie Heiden, sind gemäß Gal. 3, 22 unter der Macht der Sünde (und damit nicht berechtigt, Gottes Verheißungen zu erben (2 Mose 32, 33; 4 Mose 16) – die Verheißung (und gemeint ist die Verheißung Abrahams) wird deshalb gleichermaßen an Juden und Heiden an diejenigen gegeben, die zu Christus gehören. Es gibt keinen Unterschied mehr, ob man Jude oder Heide ist, wenn man zu Christus gehört, ist man „Abrahams Same“, das heisst, man gehört zu den Nachkommen Abrahams die seine Verheißung erben werden.

„Und wenn du zu Christus gehörst, dann bist du des Abrahams Samen und Erben gemäß der Verheißung.“ (Gal. 3, 29)

Welche Verheißung erbt der Gläubige an Christus? Welche Verheißung hat denn Paulus im Sinn, wenn er schreibt „gemäß“ der Verheißung. Ohne Frage ist es die Verheißung, die an „Abraham und seinen Samen“ gemacht wurde, denn das ist Gegenstand der Diskussion. Nur wenn du „Same“ (Nachkomme) bist, wirst du erben, was dem „Samen“ (Nachkommen) versprochen wurde. Es handelt sich deshalb um die Verheißung aus 1 Mose 13, 15 „Dir und deinem Samen werde ich das Land, was du siehst, für immer geben“; 1 Mose 15, 18 „Deinem Samen habe ich dieses Land gegeben, vom Fluß Ägyptens bis zum großen Fluß Euphrat“ und 1 Mose 17, 8 „Ich werde dir und deinem Samen nach dir das Land deiner Wanderschaft geben, all das Land Kanaan als ewigen Besitz, und ich werde ihr Gott sein.“ Eine Verheißung an „Abraham und seinen Samen“ ist immer die Landverheißung! Diese erbt nach Gal. 3, 29 sowohl Juden und Heiden, die an Christus glauben.

Gott ist Abraham treu, indem das Evangelium Menschen aller Nationen erreicht und diese, wie Abraham, das erben werden, wofür das Land Kanaan einst Symbol und Vorschau war: ein neues Universum in welchem Juden wie Heiden Schulter an Schulter Christus ihren Herrn von Angesicht zu Angesicht sehen.

Die Besiedlung des Landes Israels durch Juden und die Staatsgründung Israels hat nichts aber auch überhaupt nichts mit der Landverheißung Abrahams zu tun, noch mit Gottes Treue, diese Verheißung zu erfüllen. Wer dies dennoch aus politischem Enthusiasmus für den Staat Israel behauptet, sollte sich bewusst werden, dass derjenige nicht nur die Botschaft des Evangeliums und ihre Verheißungen nicht verstanden hat, sondern auch dem Israelischen Volk den Zugang zur wahren Erfüllung der Verheißung erschwert. Christlicher Zionismus ist nicht nur unwahr, er ist auch schädlich. Schädlich, weil er die Vorrangstellung des Christus als einziger Erfüller der Verheißungen Gottes untergräbt und schädlich, weil Christen das von Gott geliebte Israelische Volk in ihrer Blindheit verstärken, dass Staub und Steine Gottes Erbe für sie sind – und dies auch ohne Beziehung zum Messiahs.

Deshalb ist dieser Blogbeitrag ein Plädoyer, dass Christen sich nicht von den falschen Behauptungen der Zionistischen Theologie täuschen lassen. Auch wenn nach außen Christlicher Zionismus Liebe zu Israel beschwört – die Liebe ist falsch. Denn sie ist nicht gemäß der Wahrheit und direkt oder indirekt enthält sie dem jüdischen Volk die einzige Hoffnung die Verheißung zu erben – allein auf Christus dafür zu schauen. Küsse, welche auf unwahren Zusagen beruhen, können falsch sein, egal wie viele oder wie leidenschaftlich diese Küsse sind („Überschwenglich sind die Küsse der Feinde“ (Spr. 27, 6)). Viele Christen sind entgegen ihrer Intentionen aufgrund falscher Zionistischer Theologie Feinde des Volkes Israel geworden.

Willst du das Israelische Volk wirklich lieben? „Treu sind die Wunden eines Freundes“ (Sprüche 27,6)! Ein echter Freund sagt demjenigen, dem er von Herzen gutes will, die Wahrheit. Auch wenn sie weh tut. Israel muss hören, dass Gott mit Israels derzeitigen Landeinnahme (und zumeist auch Landwegnahme von anderen Menschen) nicht Seine Verheißungen erfüllt. Israel ist fern von Gott und ohne Hoffnung in der Welt ohne Christus. Die Verheißungen ihres Vorvaters werden im Messiahs Jesus erfüllt und nur in ihm! Und seine Verheißungen sind so viel mehr als Ackerland und Beton. Ein besseres Vaterland wartet auf das jüdische Volk (Hebr.11, 16). Sei Israel ein Freund und sag ihm dies!

1 David Pawson, Defending Zionism. 2013: 49-50.
2 BDB (Braun, Driver, Briggs). 2003: 761-62.
3 2 Mose 6, 8
4 T. Desmond Alexander, From Paradise to the Promised Land: An Introduction to the Main Themes of the Pentateuch. 1995: 25.
5 Beachte bitte, dass „Stadt“ andere Assoziationen erwirken will, als wir Metropoliten dies im 21. Jahrhundert empfinden. Denke bei „Stadt“ nicht an zu kleine Wohnungen, wenig Bäume, lärmende Autos, stinkende Fabriken, sondern den Kontrast zum heimatlosen Nomadensein: Sicherheit, Geborgenheit, angekommen sein, Ruhe gefunden zu haben, Rechte als ‚Bürger‘ zu besitzen, etc.
6 O. Palmer Robertson, The Israel of God. 2000: 36.