Hat Israel ein Recht auf das „Heilige“ Land?

Hat Israel ein Recht auf das „Heilige“ Land? Man muss wohl lebensmüde sein, diese Frage auf einem blog mit hauptsächlich Christen als Lesern  zu stellen. Denn christliche Nächstenliebe hat ihre Grenzen! Und zwar genau bei der Frage, ob Gott sich beim Landanspruch Palästinas bedingungslos hinter Israel stellt. Man steinigt zwar heute nicht mehr wegen Gotteslästerung, aber wegen schwerwiegenderer Delikte, nämlich „Israel-Lästerung“ schon. Menschen streiten heute kaum noch über theologische Themen in der Gemeinde (einen Zustand, den ich sehr bedauere), aber wenn es um „Israel“ geht, wallen die Emotionen unter Christen auf, als wären sie nicht die sonst eigentlich scharf und kühl denkenden Deutschen, sondern heißblütige Nahostler.

Spass und Polemik beiseite und hin zu einer nüchterner Betrachtungsweise der Frage. Zuerst möchte ich anmerken, dass es mir bei der Problematik „Hat Israel ein Recht auf das Heilige Land“ NICHT um die Frage geht, ob das Jüdische Volk ein ethisches, politisches, staatliches Recht der Existenz auf dem Boden zwischen Negev Wüste und den Golanhöhen hat.1 Als Theologe frage ich bewusst NUR danach, ob der moderne Staat Israel ein Biblisches Recht auf das Land hat. Das heisst, ob die derzeitige Landeinnahme durch das Jüdische Volk eine Erfüllung von Gott verheißener Versprechen ist, auf welche sich Volk und Staat Israel berufen kann. Hat Gott in Erfüllung Seiner Versprechen das Volk zurück ins Land gebracht und hat der Staat Israel deshalb ein „göttliches Recht“ auf das Land? Diesen Unterschied zwischen „ethischem, politischem Recht“ und „Biblischem Recht“ hat schon Karl Barth gemacht und jeweils unterschiedlich beantwortet.2 Mit Karl Barth bejahe ich Israels politisches Recht auf das Land. Einer heimatlosen Nation Land in ihrem einstmaligen Lebensraum im Nahen Osten Lebensrecht zuzusprechen war eine wichtige und richtige Entscheidung. Heute Israel das Existenz- und Verteidigungsrecht auf seinem Boden abzusprechen wäre ein völkerrechtliches Verbrechen.

Nun zur eigentlichen Frage, ob Israel ein Biblisches Recht auf das Land hat. Wenn du mit einem „selbstverständlich Ja“ antwortest, stehst du für eine theologische Sichtweise, die Christlicher Zionismus3 genannt wird. Warum ich Israel richtig lieb habe und dennoch kein Christlicher Zionist bin, möchte ich im folgenden ausführen.

Die Theorie des Christlichen Zionismus

Das Zentrum der Theologie des Christlichen Zionismus ist der Glaube, dass die Verheißung des Landes an Abraham und Seine Nachfahren in einem bedingungslosen Bund gegeben wurde. Dies ist das Credo der Christlichen Zionisten und ihr wichtigstes Glaubensfundament: Die Verheißung Gottes an Abraham: „Geh aus von deinem Land und von deiner Verwandtschaft und von deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen will! … Deinem Nachkommen will ich dies Land geben!“ (1 Mose 12, 1-7) ist ein Versprechen an die physischen Nachkommen Abrahams und nicht an Bedingungen gebunden. David Pawson, ein vehementer Fürsprecher für den Christlichen Zionismus erklärt: „Dieser Bund [mit Abraham] ist voll von „Ich werde“ Verheißungen (zähle sie in 1 Mose 12-17), aber es gibt keine ‚du sollst‘ oder ‚du sollst nicht‘ Befehle, welche diesen Verheißungen zugefügt sind. Es ist ein bedingungsloses Angebot ohne Anforderungen… [Im Kontrast ist der Bund des Neuen Testaments] ein Bund mit Bedingungen, er hängt ab von der fortwährenden Buße und vom Glauben der Empfänger… Wenn die Juden immer noch ‚Sein Volk‘ sind, dann muss das Land ihnen gehören… und sie haben deshalb ein göttliches Recht dort zu sein.“4

Das Beharren darauf, dass die Bundesversprechen an Abraham bedingungslos waren, ist von entscheidender Bedeutung für die Theorie des Christlichen Zionismus, da die Mehrzahl der Menschen mit Israelischer Staatsangehörigkeit weder in einem Bund mit Gott durch Torah-Treue5 oder eine Glaubensbeziehung mit Gott durch Christus stehen. Weil also Israelis sich weder auf die Verheißungen des Mosaischen Bundes, noch auf Christus für das „Recht auf das Land“ berufen können, muss die physische Nachkommenschaft Abrahams einziges Kriterium sein für das Anrecht auf das Land sein.

Hat Gott mit Abraham ein bedingungslosen Bund geschlossen?

Ob der Bund mit Abraham gänzlich ohne Bedingungen war und ob Gott den physischen Nachkommen Abrahams bedingungslos das Land zugesprochen hat – ohne moralische Vorraussetzungen und ohne Abhängigkeit davon, ob sie selbst in einer Glaubensbeziehung mit Gott stehen – ist die Frage, dessen Beantwortung das ganze Konzept des Christlichen Zionismus stehen oder fallen lässt. Ich möchte im folgenden belegen, dass die Idee einer bedingungslosen Verheißung von Land rein aufgrund ethnischer Zugehörigkeit und unabhängig von einer eigenen Bundestreue und Hingabe zu Gott eine Verunstaltung des Biblischen Bildes von Gott, Seiner Verheißungen und Beziehung mit Menschen ist.

Um festzustellen, ob der Bund mit Abraham „bedingungslos“ war, muss man den Fachbegriff „bedingungsloser Bund“ klar definieren. Wenn „bedingungsloser Bund“ bedeutet, dass Gottes Verheißungen an Abraham nicht aufgrund vorheriger Konditionen erfolgte, sondern die Souveräne Auswahl Abrahams allein aufgrund der Gnade Gottes erfolgte, dann ergingen die Verheißungen an Abraham tatsächlich bedingungslos. Abrahams Familie betete andere Götter an (Josua 24, 2) und der Ruf Gottes an Abraham (1 Mose 12) ist nicht durch die vorherige Gottestreue Abrahams zu erklären, sondern allein durch die Initiative Gottes, welcher durch den Ausspruch einer Verheißung die Erlösung der Menschen in Gang setzt. Abraham hat sich die Verheißung Gottes nicht durch vorherige gute Werke oder sonstige Leistung verdient. Der Ruf Gottes kam unverdient und aus Gnade. In diesem Sinn „empfing Abraham die Verheißung durch Glauben“ (Gal. 3, 18). Wenn allerdings „bedingungsloser Bund“ bedeuten soll, dass Gott an Abraham keine Erwartungen an Seinen Lebenswandel gestellt hat, welche direkte Voraussetzungen für die Erfüllung der Verheißungen sind, dann ist dies falsch. Von Anfang an war der Gottes Bund mit Abraham bedingt, das heisst, die Versprechen Gottes werden nur erfüllt unter Vorbehalt der Bundestreue Abrahams und der Bundestreue seiner Nachkommen!

1. Der Bund mit Abraham war geknüpft an die Vorraussetzung, dass Abraham glaubt und Gehorsam zeigt. Bevor die Verheißung ausgesprochen wird, erging der Befehl an Abraham „Geh aus deinem Land, von deiner Familie und von deines Vaters Haus…“ (1 Mose 12, 1). Abraham glaubte und ging in Gehorsam auf die Aufforderung Gottes „So ging Abraham, wie Gott zu ihm gesprochen hatte“ (1 Mose 12, 4). Wie sehr die Beziehung Abrahams mit Gott im Vordergrund steht, wird deutlich, wie oft die Erzählung der Lebensgeschichte Abrahams in 1 Mose durch die Hinweise beschrieben wird, dass Abraham ein Anbeter Gottes geworden ist („Abraham baute einen Altar dem HERRN,“ „Abraham rief den Namen des HERRN an“ (1 Mose 12, 7, 8; 13, 4, 18). Während in 1 Mose 3 die Menschen das Land des Paradieses durch Ungehorsam verlieren, ist der Fokus der Erzählung von 1 Mose 12 und folgenden, wie Abraham durch Vertrauen und Gehorsam das Land zurück gewinnt. Als Gott viele Jahre später die Bundesverheißung zu Isaak erneuert, erinnert Gott explizit daran, dass Abraham die Vorraussetzungen für ein Zustandekommen der Verheißung erfüllt hat: „…deinen Nachkommen werde ich dieses Land geben und in deinem Samen werden alle Nationen der Erde gesegnet werden, weil Abraham meiner Stimme gehorsam war und meine Rechte, Gebote, Anweisungen und Gesetze gehalten hat“ (1 Mose 26, 4-5). Impliziert wird in der Aufzählung von Gott, dass Isaak nun auch wie Abraham Gottes Rechte, Gebote, Anweisungen, etc. hält. In der Tat ahmt Isaak das Verhalten seines Vaters nach: wie sein Vater gehorcht er Gottes Anweisungen, wo er sich aufhalten soll (1 Mose 26, 1, 6), betet wie sein Vater YHWH an, indem er Altäre baut und „den Namen des HERRN“ anruft (1 Mose 26, 25).

2. Der Bund mit Abraham war geknüpft an die Vorraussetzung, dass sowohl Abraham als auch seine Nachkommen in einer treuen Bundesbeziehung Gott wohlgefällig sind. In 1 Mose 17, 1-2 spricht Gott zu Abraham „Ich bin der Allmächtige Gott, wandle vor mir und sei tadellos und (Hebr. vav) ich werde meinen Bund halten zwischen dir und mir.“ Der Bund, den Gott mit Abraham in 1 Mose 12-16 geschlossen hat, wird hier, in 1 Mose 17 bestätigt. Im Hebräischen ist der Satzteil „wandle vor mir und sei tadellos“ und der Satzteil „ich werde meinen Bund halten“ mit einem sogenannten konsekutivem-vav verbunden, das heisst, der Satzteil „ich werde meinen Bund halten“ wird als Konsequenz des ersten Satzteils angesehen. Man übersetzt den Sinn der Passage also am besten mit „Ich bin der Allmächtige Gott, wandle vor mir und sei tadellos, so dass ich meinen Bund halte zwischen dir und mir.“ Die Erfüllung der Verheißung war daran geknüpft, dass Abraham, ähnlich wie Henoch und Noah (1 Mose 5, 22, 24; 6, 9), mit Gott ging in dem Sinn, dass Abraham jede Stunde seines Lebens auf Gott schaut, sein Leben auf Ihn ausrichtet und von Gott begleitet wird. Von Abraham wird ein Leben mit Gott in einer treuen Bundesbeziehung vorausgesetzt als Bedingung der Erfüllung der Verheißungen.

3. Die Gottesbeziehung zwischen YHWH und Abraham und seinen Nachkommen war wichtigster Bestandteil des Bundes YHWHs mit Abraham und die Landverheißung direkt an diese Gottesbeziehung geknüpft. In 1 Mose 17, 7-8 beschreibt Gott die Natur des Bundes zu Abraham mit den Worten „Und ich will meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir und deinen Nachkommen… dass ich dein Gott sei und deiner Nachkommen nach dir.  Und ich will dir und deinen Nachkommen nach dir das Land geben, in welchem du ein Fremder bist… und ich will ihr Gott sein.“ Die Landverheißung ist eingerahmt von zwei Verheißungen, welche die Bundesbeziehung zwischen Volk und Gott beinhaltet – diese Bundesbeziehung ist nicht als rein theoretisches Konstrukt zu sehen, als ob das Volk leben kann, wie immer es will und YHWH dennoch „ihr Gott“ ist. „Ich will ihr Gott sein“ bedeutet eine dynamische, lebendige und echte Beziehung des Volkes zu Gott – ähnlich wie YHWH dies schon für Abraham in 1 Mose 17, 1-2 beschrieben hat („wandle vor mir und sei tadellos“). Details, was Gott vom Volk in seiner Beziehung mit Ihm erwartet, damit er die Landverheißung erfüllen kann, wird im Verlauf der Mose-Bücher beschrieben werden.

4. Die Bedingungen der Gottesbeziehung an die Nachkommen Abrahams werden explizit ausgeführt und als Vorraussetzung dafür vorgebracht, dass Gott die Verheißungen an Abraham erfüllen kann. „Denn ich habe Abraham dafür erkannt, dass er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehle, den Weg der HERRN zu halten, Recht und Gerechtigkeit zu tun, damit der HERR Abraham schenken möge, was Er ihm verheißen hat“ (1 Mose 18, 19). Die Verheißungen an Abraham werden von seinen Nachkommen nur in Anspruch genommen werden können, wenn sie wie Abraham selbst in einer treuen Bundesbeziehung mit Gott stehen und Gottes Wege gehen!

5. Der Test an Abraham, seinen Sohn zu opfern zeigte, dass im Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat, die oberste Priorität darauf lag, dass Gott selbst wichtiger war als jede Verheißung von Nachkommen oder Land. In 1 Mose 22 verlangt YHWH von Abraham, seinen Sohn Isaak, den einzigen Garant für die Erfüllung der Verheißung, zu opfern. Abraham ist gehorsam, nimmt seinen Sohn mit auf dem Berg und im letzten Augenblick kommt die Stimme Gottes zu Abraham „Ich weiss, dass du Gott fürchtest, da du deinen Sohn, deinen geliebten Sohn, mir nicht vorenthalten hast“ (1 Mose 22, 12). Weit entfernt von der Idee, dass Gott Abraham bedingungslos Land zugesprochen hat, zeigt die Geschichte, dass im Kern des Bundes, welches Gott mit Abraham geschlossen hat, immer gestanden hat, dass Abraham (und seine Nachkommen) Gott selbst wichtiger ist als alles Land, Nachkommen oder sonstige Verheißungen. Nur wenn die oberste Priorität stimmt, verpflichtet sich Gott, die anderen Bestandteile des Bundes ebenfalls zu erfüllen: „Bei mir selbst habe ich geschworen, spricht der HERR, weil du dies getan hast und mir deinen Sohn, deinen geliebten Sohn, nicht vorenthalten hast, segnend will ich dich segnen… in deinem Nachkommen sollen die Nationen gesegnet sein, weil du meiner Stimme gehorsam warst.“

Zusammenfassung: Gott hat Abraham und den Nachkommen Abrahams das Land NICHT bedingungslos zugesprochen. Von Anfang der Einführung des Bundes war klar, dass im Zentrum des Bundes die Gottesbeziehung zwischen Volk und YHWH stand und dass Gott Seine Verheißungen nur an Menschen erfüllt, die in Bundestreue sich zu YHWH stellen. Die Idee, dass physische Nachkommenschaft alleiniger Garant für Rechte an Segen ist, ist direkt konträr des Charakters Gottes, wie im Wort Gottes offenbart. Sowohl Johannes der Täufer, als auch Jesus und Paulus haben sich vehement gegen den Aberglauben eingesetzt, dass physische Nachkommenschaft Anrecht auf Segnungen des Bundes mit Abraham beinhaltet. Umkehr und Hinwendung zu Gott ist laut Johannes des Täufers alleinige Chance auf Zuspruch des Segen Abrahams „Tut Buße… tragt Früchte würdig eurer Umkehr und sagt nicht zu euch selbst ‚wir haben Abraham als unseren Vater’… jeder Baum, der keine guten Früchte trägt, wird abgeschlagen und ins Feuer geworfen.“ (Matt. 3, 2, 8-10). Die Anklage von Jesus „Wahrlich ich sage euch, wer immer sündigt, ist ein Sklave der Sünde. Und ein Slave bleibt nicht im Haus für immer, sondern ein Sohn bleibt für immer… Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, würdet ihr die Werke Abrahams tun…“ (Joh. 8, 34-39) setzt eindeutige Kriterien dafür, wer Rechte auf das Erbe der Verheißung Abrahams hat. Jesus benutzt dabei die Konventionen des Erbrechts des ersten Jahrhundert. Sklaven durften per Gesetz nicht erben und haben nie ein Erbe empfangen. Egal wie vertraut sie mit dem Haushalt der Vererbenden waren, sie würden immer ohne Rechte auf Erbe ausgehen und im Erbfall einfach nur weiterverkauft werden. Man muss schon ein Sohn, ein legitimer Nachkomme des Vererbenden sein und genau dies spricht Jesus den Juden in Johannes 8 klar ab! Wenn sie Söhne wären (und sie sind es nicht), würden sie die Werke Abrahams tun (auch hier impliziert Jesus das Prinzip der bedingten Verheißung – echte Nachkommen nehmen nicht nur die Rechte des Vorfahren in Anspruch, sondern ähneln diesem in moralischen Lebenswandel). Die Werke Abrahams im Kontext des Johannes-Evangeliums ist Glaube an Christus (Joh. 8. 36). Im Klartext: ohne Vertrauen in Christus gibt es kein Anrecht darauf, Erben der Verheißung zu sein. Ebenso macht Paulus deutlich, dass das äußere Zeichen der Bundeszugehörigkeit (Beschneidung) keinen Vorteil bringt, wenn die innere Realität der Gottesbeziehung nicht gegeben ist (Röm. 3, 28-29).

David Parsons, Mediendirektor der Internationalen Christlichen Botschaft widerspricht der These, dass die Erfüllung der Landverheißung an Bundestreue zu Gott geknüpft ist und zitiert Psalm 105, 8-11 als Argument, dass den physischen Nachkommen Abrahams das Land bedingungslos geschenkt wurde:6 „Er gedenkt auf ewig an seinen Bund, an das Wort, das er tausend Geschlechtern befohlen hat;  [des Bundes,] den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat. Er stellte ihn auf für Jakob als Satzung, für Israel als ewigen Bund,  da er sprach: ‚Dir gebe ich das Land Kanaan als euer Erbteil’…“ Laut Parson steht es fest, dass tausend Geschlechter das Land erben werden und diese tausend Geschlechter im ersten Jahrhundert längst nicht ihre Vollzahl erreicht haben und deshalb weitere Generationen an Juden dieses Versprechen in Anspruch nehmen können. Parson begeht dabei für Christliche Zionisten typische exegetische Fehler. Zum einen sind die Psalmen Hebräische Poesie und ihre Stilfiguren können unmöglich im Literalsinn ausgelegt werden, als ob Gott eintausend Nachkommen Abrahams das Land gibt und der eintausendundersten Generation das Land wieder weg nimmt. „Eintausend“ soll den beständigen Charakter Gottes verdeutlichen, dass Er sich der Verheißung der Vorfahren erinnert und auch lange Zeitspannen seine Versprechen nicht vergessen lassen. Weiterhin ist es typisch für Christliche Zionisten wie Parson Schriftstellen extrem selektiv für die eigene Theologie zu verwerten. Man braucht nur in Psalm 105 zu bleiben, um zu sehen, dass die Bundesverheißungen an Bedingungen geknüpft sind. In Vers 19 wird offensichtlich, dass Verheißungen Gottes an Joseph abhängig davon war, ob Joseph sich in Bundestreue gegenüber Gott in Schwierigkeiten bewährt: „bis zur Zeit, da sein Wort eintraf und das Wort des HERRN ihn getestet hatte.“ Besonders deutlich wird am Schluss des Psalms, dass Landeinnahme und Treue zu Gott einander bedingen: „Denn er gedachte an sein heiliges Wort, an Abraham, seinen Knecht. Er ließ sein Volk ausziehen mit Freuden, mit Jubel seine Auserwählten. Und er gab ihnen die Länder der Heiden; und woran die Völker sich abgemüht hatten, das nahmen sie in Besitz; damit sie seine Satzungen halten und seine Lehren bewahren möchten. Hallelujah!“ (Ps. 105, 42-45). Die Landverheißung ist an Bedingung geknüpft. Hingabe zu Gott uns seinen Willen ist die andere Seite der Medaille der Landverheißung. Der Segen des Landes wird von Gott zurück genommen, wenn das Volk nicht Ihm in Hingabe treu ist.

Das Land wird im Mosaischen Gesetz unter der Bedingung der Treue zu Gott dem Volk verliehen

Dass der Besitz des Landes immer an die Treue des Volkes zum Bund mit Gott geknüpft war, zeigt sich deutlich sowohl in den Warnungen über den Landverlust im Mosaischen Gesetz als auch in der tatsächlichen Geschichte des Volkes, welches von Gott aufgrund der Bundesübertretungen ins Exil geschickt wurde. Von Mose lernen die Israeliten, dass wenn sie nicht die Satzungen Gottes befolgen, das Land sie ausspeien wird (ein vornehmer Ausdruck dafür, dass das Land die Einwohner „auskotzen“ wird): „Ich, der HERR, bin euer Gott!  Ihr sollt nicht tun, wie man im Lande Aegypten tut, wo ihr gewohnt habt, und sollt auch nicht tun, wie man in Kanaan tut, dahin ich euch führen will, und ihr sollt nicht nach ihren Satzungen wandeln; sondern meine Rechte sollt ihr halten und meine Satzungen beobachten, dass ihr darin wandelt; denn ich bin der HERR, euer Gott… Damit euch nun das Land nicht ausspeie, wenn ihr es verunreiniget, wie es die Heiden ausgespieen hat, die vor euch gewesen sind, so soll jeder, der einen dieser Greuel tut, jede Seele, die dergleichen verübt, mitten aus ihrem Volk ausgerottet werden… So beobachtet nun alle meine Satzungen und meine Rechte und tut sie, damit euch nicht das Land ausspeie, wohin ich euch führe, dass ihr darinnen wohnet! Und wandelt nicht nach den Satzungen der Heiden, die ich vor euch her ausstoßen werde. Denn solches alles haben sie getan, daß mir vor ihnen ekelte. Euch aber habe ich gesagt: Ihr sollt ihr Land erblich besitzen; denn ich will euch dasselbe zum Erbe geben, ein Land, das von Milch und Honig fließt. Ich, der HERR, bin euer Gott, der ich euch von den Völkern abgesondert habe“ (4 Mose 18, 1-3, 28-29; 20, 22-24). Die Israeliten werden weiterhin gewarnt, dass wenn sie rebellieren, Gott sie unter den Völkern zerstreuen wird (4 Mose 26, 33), wenn sie aber umkehren und Buße tun, Gott seinen Bund mit Abraham erinnern wird („wenn sie ihr unbeschnittenes Herz demütigen und sie ihre Schuld büßen, so will ich gedenken… an meinen Bund mit Abraham“ (4 Mose 26, 42)). Ansprüche an den Bund mit Abraham werden also nicht wie Christliche Zionisten behaupten, als „bedingungsloses Recht Israels“ vergeben, sondern sind geknüpft an Loyalität gegenüber Gottes Bund mit dem Volk.

Die klaren Regeln des Mosaischen Bundes „hälst du die Gebote Gottes geht es dir gut im Land, rebellierst du gegen Gottes gute Satzungen werden fremde Nationen dich aus dem Land vertreiben“ werden nochmals in 5 Mose 28 – 29 aufgezeigt. Gott sieht dabei klar voraus, dass das Volk rebellieren wird und verspricht eine Rückkehr ins Land unter der Voraussetzung, dass das Volk VORHER zu Gott zurück kehrt: „Es wird aber geschehen, wenn das alles über dich kommt, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es zu Herzen nimmst unter all den Völkern, dahin dich der HERR, dein Gott, verstoßen hat, und wenn du umkehrst zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchst, du und deine Kinder, von ganzem Herzen und von ganzer Seele, in allem, was ich dir heute gebiete;  dann wird der HERR, dein Gott… sich deiner erbarmen und wird dich wieder sammeln aus allen Völkern… und der HERR, dein Gott, wird dich in das Land zurückbringen“ (5 Mose 30, 1-3). Als Salomo den Tempel in Jerusalem einweiht sieht er ebenso die Buße und Umkehr des Volkes und die Hinwendung des Volkes zu Gott als vorausgehende Bedingung an, dass Gott vergibt und das Volk zurück ins Land holt: „wenn sie in dem Lande, wo sie gefangen sind, in sich gehen und umkehren und im Lande ihrer Gefangenschaft zu dir flehen und sprechen: Wir haben gesündigt und Unrecht getan und sind gottlos gewesen! Wenn sie sich also zu dir kehren mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele im Lande ihrer Feinde, die sie weggeführt haben, und zu dir beten… dann vergib deinem Volk , was es an dir gesündigt hat… und lasse sie Barmherzigkeit finden lassen bei denen, die sie gefangen halten, so dass sie sich ihrer erbarmen…“ (1 Kö. 8, 47-50).

In seinem Gebet für Wiederherstellung des Volkes im Land greift Daniel ebenso auf das Prinzip zurück, dass Anrechte auf die Verheißungen Gottes nur für diejenigen gelten, die dem Bund Gottes treu sind und in Buße und Flehen zu Gott zurück kehren: „Ach, Herr, du großer und gewaltiger Gott, der du den Bund und die Gnade denen bewahrst, die dich lieben und deine Gebote bewahren! Wir haben gesündigt, unrecht getan, sind gottlos und widerspenstig gewesen und von deinen Geboten und Rechten abgewichen…“ (Dan. 9, 4-5).

Zusammenfassung: Unter dem Mosaischen Gesetz ist die Treue zum Gesetz Voraussetzung für das Recht auf das Land.

Die Beziehungen der Bündnisse Gottes zueinander

Der Christliche Zionismus behauptet in seiner Argumentation, dass  mit dem Neuen Bund in Christus der Alte Mosaische Bund abgelöst und im Messianischen Bund erfüllt ist und deshalb der Zugang zur bedingungslosen Landverheißung wieder ohne den Mosaischen Bund über den Abrahamitischen Bund möglich ist. Dass der Abrahamitische Bund nicht bedingungslos war haben wir bereits gesehen. Die These des Christlichen Zionismus beinhaltet einen weiteren Fehler. Sie sieht den Mosaischen Bund als einen temporären Einschub an, unter dem die Verheißung an Bedingungen geknüpft war. Jetzt, wo der temporäre Einschub durch den Neuen Bund abgelöst ist, ist der andauernde Bund Gottes mit Abraham weiter zugänglich – ohne Mosaischen Bund, ohne Neuen Bund – einfach nur durch physische Nachkommenschaft Abrahams. Die Behauptung dieser Theorie ist also, dass der Segen Gottes, der Abraham versprochen wurde, direkt über den Abrahamitischen Bund zugänglich ist.7

Christlicher Zionismus sieht also das Verhältnis der verschiedenen Bündnisse, die Gott geschlossen hat, in folgender Illustration:

Abrahamitischer Bund —> Mosaischer Bund —> Mosaischer Bund (abgelöst durch Neuen Bund)—> Abrahamitischer Bund.

Der Abrahamitische Bund ist also durch den Wegfall des Mosaischen Bundes wieder direkt zugänglich. Dies ist eine Fehleinschätzung des Verhältnisses der Bündnisse Gottes miteinander und entgegen klarer Aussagen des Neuen Testaments. Das Neue Testament belegt zwar in der Tat, dass der Alte Mosaische Bund im Neuen Bund erfüllt und aufgelöst ist, bestreitet aber, dass ein direkte Rückkehr zum Abrahamitischen Bund  ohne Zugehörigkeit zum Neuen Bund möglich ist. Das Bild des Neues Testaments von der Interaktion der Bündnisse Gottes sieht so aus:

Abrahamitischer Bund —> Mosaischer Bund —> Mosaischer Bund (abgelöst durch Neuen Bund)—> Neuer Bund.

Die Verheißungen an Abraham werden im Neuen Bund und nur im Neuen Bund erfüllt. Das heisst, der Segen Abrahams war mit der Einführung durch den Mosaischen Bund auch nur im Mosaischen Bund erhältlich. Die Israeliten konnten nicht wählen, ob sie weiter durch den Abrahamitischen Bund das Land erhalten können oder durch den Mosaischen. Die Verheißungen des Abrahamitischen Bundes gingen in den Alten Bund über. Mit der Erfüllung und Auflösung des Mosaischen Bundes führte der Weg nicht zurück einen erneuten Zugang zum Abrahamitischen Bund ohne Gesetz, sondern der Weg führte vorwärts in den Neuen Bund. Hier und nur hier werden alle Zusagen Gottes erfüllt. Um Erbe der Verheißungen Abrahams zu werden, muss man dem Evangelium glauben. Das Neue Testament diskutiert noch nicht einmal die These, ob es möglich wäre, den Segen Abrahams außerhalb des Gesetzes oder des Glaubens an Christus zu erhalten. Dazu ist sie einfach zu absurd. Die einzigen beiden Alternativen, welche in der Diskussion in Frage gestellt werden, ist ob der Segen Abrahams im Gesetz oder im Evangelium zu finden ist. Alternative 3 gibt es nicht. Das Trennen des Segen Abrahams in „geistigen Segen“ (welcher im Neuen Bund zugänglich ist) und „materiellen Segen“ (welcher im Abrahamitischen Bund zugänglich ist) ist nicht legitim. Das Neue Testament spricht kategorisch nur vom „Segen Abrahams“ als Paket. Es gibt einen Segen Abrahams und der ist nur auf eine Art und Weise zugänglich: durch Glauben an Christus! Paulus ist da nicht schwer zu verstehen: „wisse denn, dass [nur] diejenigen, die glauben die Söhne Abrahams sind.“ (Gal. 3, 7). Paulus unterscheidet nicht zwischen „physischen Söhnen, die Land erben“ und „geistigen Söhnen, die Gerechtigkeit“ erben. Die Verheißungen an Abraham werden im Gesamtpaket im Glauben an Christus und nur im Glauben an Christus erfüllt. „Wenn du zu Christus gehörst, bist der Nachkomme Abrahams, Erbe gemäß der Verheißung“ (Gal. 3, 29).

Um seine These zu untermauern zeigt Paulus, dass die Verheißung an Abraham (beachte, dass es um die Landverheißung geht!!!) nicht an die Nachkommen Abrahams im plural, sondern in der Einzahl gegeben wurden („Die Verheißung wurde zu Abraham und seinem Nachkommen gesprochen. Die Schrift sagt nicht ‚und zu deinen Nachkommen‘ als ob sie viele damit meint, sondern ‚zu deinem Nachkommen‘ und bezieht sich damit auf einen, nämlich Christus.“ (Gal. 3, 16)). Die Stellen, welche Paulus damit zitiert, sind die Verheißungen in 1 Mose 12, 7; 13, 15; 17, 8; 24, 7. Schauen wir uns mal 1 Mose 12, 7 an: „Und deinem Nachkommen werde ich dieses Land geben.“ Weiter mit 1 Mose 13, 15 „Und all das Land, was du siehst, werde ich dir und deinem Nachkommen geben.“ Auch wenn es jetzt schon offensichtlich ist, gehen wir der Vollständigkeit halber noch zu 1 Mose 17, 8: „Und ich werde dir und deinem Nachkommen das Land geben, in welchem du Fremder bist…“ Und zuletzt 1 Mose 24, 7 „Und der HERR, der Gott des Himmels schwor zu mir und sagte zu mir ‚deinem Nachkommen werde ich dieses Land geben…'“ Expliziter geht es nicht. Laut Paulus wurde die Landverheißung ultimativ an den einen Nachkommen, nämlich Christus gegeben! Die Idee, dass es einen geistigen und einen weiteren, separaten „Landsegen“ gibt ist irr! Der Landsegen Abrahams wird in Christus und nur in Christus erfüllt! Wer ein Anrecht auf die Biblische Verheißung des Landes haben will, muss zu Christus gehören. Außerhalb von Christus gibt es keinen verheißenen Segen – auch keinen Landsegen.

Bedeutet dies also, dass nicht wirklich das Jüdische Volk, sondern Christen das Land Palästina bevölkern sollten? Nun, die Betrachtung, wie der Landsegen von Gott im Neuen Bund erfüllt wird, muss auf einen weiteren Blogbeitrag verschoben werden. An dieser Stelle gilt es jedoch schon einmal Abschied zu nehmen – vom Christlichen Zionismus. Die Gründung des Staates Israel 1948 ist durchaus als das souveräne Wirken Gottes zu betrachten, aber sie ist KEINE Erfüllung Biblischer Verheißungen! Auch wenn die Theorie noch so schön klingt und noch so oft wiederholt wird – der Staat Israel hat kein Biblisches Recht auf das Land. Es mag sein, dass deine „Israel-Theologie“ damit recht ins Wanken kommt – aber du musst zugeben, es ist eine Theorie ohne Biblisches Fundament.

Fortsetzung folgt…

1 Einen politisch neutralen Begriff zur Beschreibung des Landes zu finden scheitert. Als ich einmal in einer Gemeinde den Begriff „Palästina“ verwendete, kam es sofort zum bitteren Protest, einen Namen für das Land zu verwenden, das der Kaiser Hadrian ab 135 n.Chr. zur absichtlichen Verärgerung der Juden benutzte, da es impliziert, dass es das „Land der Philister“ ist. Worte wie „Israel,“ „verheißenes Land,“ „Judäa,“ etc. sind ebenfalls politisch einseitig, da sie eine ganze Region a priori nur einer Volksgruppe zugesprochen werden. Im folgenden verwende ich deshalb vorzugsweise „‚Heiliges‘ Land,“ da die Anführungszeichen die zu beantwortende Frage noch offen lassen. Bittner.
2  Karl Barth, Church Dogmatics. II.1.
3  Die Bezeichnung Christlicher Zionismus bedeutet nicht, dass die Theorie an sich „christlich,“ d.h. „wahr“ ist, sondern dass manche Christen diese spezielle Sicht auf die Bedeutung des heutigen Staates Israel haben. Ob die Sicht „christlich,“ also „wahr“ ist, sollte man nicht vom Namen der Theorie, sondern von der Abwägung der Argumente für und gegen diese Theorie ableiten.
4 David Pawson, Defending Zionism. 2013: 39, 43, 73.
5 Ob eine Bundesbeziehung mit Gott über Torah-Treue ohne Christus überhaupt möglich ist, ist außerordentlich zweifelhaft, kann aber an dieser Stelle nicht diskutiert werden.
6 David Parsons, „Preaching to the President,“ Jerusalem Post Christian Edition. October 2007.
7 David Pawson, Defending Zionism. 2013: 45-47.