Wie nah sind wir an der Endzeit? Teil 1

Martin Luther soll einmal gesagt haben (vielleicht wurde ihm der Satz auch nur zugeschrieben) „wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Wenn Luther diesen Ausspruch geprägt hat, wollte er sicher nicht mit einem niedlichen Zitat die Dramatik des Ende der Welts verharmlosen.

Was der Ausspruch theologisch beinhaltet, ist, dass selbst Unmengen von Spekulation, wann Jesus zurückkehren könnte, uns nicht von die Erfüllung unserer grundlegenden ethischen Verpflichtungen ablenken oder von den routinierten Aufgaben des Alltages, die Gott uns gegeben hat, abbringen sollten.

Mit dem Pflanzen des Apfelbäumchens wollte Luther sagen: selbst wenn morgen „die Himmel in Feuer geraten und aufgelöst und die Elemente im Brand zerschmelzen werden,“ (2 Pet. 3, 12) ich würde heute nicht anders leben, als wenn die Wiederkunft von Jesus noch ein, zehn, hundert oder tausend Jahre auf sich warten lassen würde. Die Nähe der Wiederkunft würde keinen Unterschied in meinem Lebensstil ausmachen!
Viele von uns empfinden die Aussage, dass die Nähe oder Ferne der „Endzeit“ keine Auswirkung auf unser Leben mit Gott haben sollte eher schockierend als selbstverständlich. Durch vielerlei Endzeitpredigten und einem Büchermarkt, der im Umsatz die Kosmetikindustrie blass aussehen lässt, hat sich eine unterschwellige Grundeinstellung gefestigt, als ob „dramatische Zeiten auf uns zukommen und dramatische Zeiten einen dramatisch anderen Lebensstil verlangen.“ Nichts ist ferner von der Biblischen Wahrheit!
Die relative Nähe der Wiederkunft von Jesus, das heisst, ob er in 10, 20 oder 500 Jahren sollte keinen Unterschied machen, wie wir als Christen leben.
 
Lass mich meine Aussage begründen:
 
1.) Ob Jesus in 5 oder 500 Jahren wiederkommt, kann keinen Unterschied im Leben eines Christen machen, weil kein Christ weiss, wann Jesus wieder kommt! Gott hat es durch Seinen Sohn eindeutig, klar und unmissverständlich gesagt: kein Christ (und auch sonst kein Mensch) kann wissen, erahnen, noch (korrekt) vermuten, wann Jesus wieder kommt. Gott wird den Überraschungsmoment uneingeschränkt und in vollem Umfang für sich behalten. Wenn kein Christ weiss oder erahnen kann, wann Jesus wieder kommt, kann er auch seinen Lebensstil nicht an eine besondere Zeit anpassen. Jeder Christ muss also so leben, als ob Jesus jeden Moment wieder kommen könnte, egal ob dieser Gläubige 5 Minuten oder 5 Jahrhunderte vom Ruf des Erzengels, der die Rückkehr von Jesus ankündigt (1 Thes. 4, 16) entfernt lebt.
 
In Matthäus Kapitel 24 und 25 macht Jesus in prägnanter Bildersprache von drei Gleichnissen jeweils denselben einen Punkt glasklar: „zur Stunde, in der ihr es nicht erwartet, kommt der Sohn des Menschen“ (Matt. 24, 44); „der Herr wird kommen an einem Tag, an dem man es nicht erwartet“ (Matt. 24, 50); „ihr wisst weder den Tag, noch die Stunde“ (Matt. 25, 13). Gott muss es irgendwie erahnt haben, dass es nicht in den Kopf von Menschen will, dass es KEINE Anzeichen geben wird, wann Jesus wieder kommt – ein Gleichnis hätte vollkommen ausgereicht, um die Aussage, dass es NULL Indikatoren für irgendjemanden geben wird, wann genau oder wann ungefähr „die Endzeit“ eintreffen könnte, geben wird. Aber Gott in Seiner weisen Voraussicht der menschlichen Sturheit, sich um klare Aussagen drumherum zu mogeln, hat uns drei Gleichnisse mit derselben Hauptaussage geben. Es scheint bei vielen trotzdem nicht geholfen zu haben, Gottes Meinung als wahr stehen zu lassen. 
 
Jesus beschreibt seine Rückkehr in Herrlichkeit zu dieser Welt wie das Kommen des Diebes in der Nacht (Matt. 24, 43). Der Kommentar zum Überraschungsbesuch des Diebes „hätte der Hausherr gewusst, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so hätte er wohl gewacht und nicht zugelassen, dass in sein Haus eingebrochen wird,“ ist keine Aufforderung, eine Ankunftszeit des Diebes zu vermuten und bis dahin ruhig zu schlafen. Sinn dieser Ausführungen von Jesus ist, dass weder der Hausherr, noch Christen wissen, wann der Dieb (wie Jesus kündigen Diebe ihre Ankunft nicht durch Zeichen an!!!) bzw. der Herr wieder kommt. Im Gegensatz zu den nicht enden wollenden Endzeitspekulationen ist die klare Anweisung von Christus hier: weil du nicht weisst, wann der Dieb kommt, schlafe gar nicht! Oder in die konkrete Lebenssituation von Christen ausgelegt: weil du nicht weisst, wann ich wieder komme, lebe moralisch aufrichtig und diene mir alle Zeit mit Leidenschaft und Freude! (Schlafen und wachen ist metaphorische Sprache nicht für die Fähigkeit, aufmerksam auf Zeichen zu achten, sondern „schlafen“ steht für moralisch korrupte Lebensweise (da man nachts, d.h. in der Dunkelheit im Verborgenen, moralisch verwerflich unbeobachtet und unbehelligt leben konnte); „wach sein“ beschreibt das aktive und für alle offensichtliche Leben in Hingabe zu Jesus). Wenn Jesus recht hat, sollte das Leben eines Christen im zweiten Jahrhundert sich durch nichts unterscheiden als das Leben eines Christen im 21. Jahrhundert (in der völlig spekulativen Annahme, dass Jesus im 21. Jahrhundert zurück kommt). Es gilt, auf eine Art und Weise für unseren genialen Gott zu leben, egal ob „der Antichrist“ da ist oder nicht; „die Trübsalszeit“ weit weg ist oder wir mitten drin leben. 
 
Noch eine Anmerkung zu der Bildersprache des „Diebes in der Nacht.“ Sowohl Paulus (1 Thes. 5, 2-4) als auch Petrus (2 Pet. 3, 10) verwenden dieses gut bekannte Phänomen von überraschenden Diebstählen als eine Art Predigt- bzw. Theologie-Illustration. Im ersten Jahrhundert gab es Unmengen von Dieben und es wurde (auch der relativen Armut wegen) viel geklaut. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass dieselbe Bildersprache für unterschiedliche Hauptaussagen verwendet wird. Genau dies ist im Neuen Testament der Fall. Wenn Jesus sagt, dass Sein Kommen sein wird, wie ein „Dieb in der Nacht“ und Paulus behauptet, dass „wir nicht vom Kommen überrascht werden, wie von einem Dieb“ will Paulus weder die Aussage von Jesus revidieren, noch eine Gruppe von Menschen definieren, auf welche die Aussage von Jesus nun doch nicht zutrifft – im Sinne von: Jesus kommt zwar für die Mehrzahl der Menschen überraschend wieder, aber nicht für Christen, oder zumindest nicht für Christen, die in Eschatologie (der Lehre der Endzeit) besonders bewandert sind. Jesus und Paulus verwenden die beiden Gleichnisse für jeweils andere Aussagen. In Matthäus beschreibt der „Dieb in der Nacht“ den Überraschungsmoment des Kommens von Jesus. In 1 Thessalonicher konzentriert sich Paulus aber nicht auf den Überraschungsmoment, sondern den Verlust, den ein Mensch erfährt, wenn er vom Dieb überrascht wurde und außer der Bettdecke sonst nichts mehr wertvolles im Haus anzutreffen ist. Wenn Paulus schreibt, dass „wir nicht vom Dieb überrascht werden“ meint er damit, dass wir nicht den Verlust erleiden werden, welche Nicht-Gläubige Menschen erfahren, wenn „plötzliche Zerstörung über sie kommt“ (1 Thes. 5, 3). Paulus revidiert also nicht mit seinem „nicht wie ein Dieb,“ was Jesus klar mit „wie ein Dieb“ ausgedrückt hat. Die Gesamtaussage von Jesus und Paulus ist: wenn du Jesus treu nachfolgst, wird Seine Wiederkunft zwar zeitlich überraschend sein, („wie ein Dieb in der Nacht“); dir wird aber nichts durch Seine Wiederkunft weggenommen werden („nicht wie ein Dieb in der Nacht“); denn du wirst mit Seiner Ankunft nicht Zerstörung erleben (wie die Menschen, die moralisch korrupt leben), sondern unvorstellbaren Gewinn geschenkt bekommen.
2.) Es wird keine qualitativ besondere Zeit kurz vor der Wiederkunft von Jesus geben, die sich wesentlich von der Art und Weise unterscheidet, wie Gott in den letzten zwei Jahrtausenden gehandelt hat, wie Satan am wirken war und wie Christen mit Jesus leben sollten. Ich habe das Adjektiv „qualitativ“ bewusst als Einschränkung von „besonderer Zeit gewählt.“ Es kann durchaus sein, dass z.B. Verfolgung quantitativ, also wie ausgedehnt diese weltweit statt findet, durchaus an Intensität zunimmt, je näher die Wiederkunft von Jesus rückt. Für den individuellen Christen macht dies aber keinen Unterschied. Verfolgung hat es seit Jesus gegeben und hat auch in der heutigen Zeit (trotz relativer Immunität in der westlichen Welt) nicht abgenommen, wie www.avc.de immer wieder deutlich aufzeigt. Jeder Christ muss jederzeit damit rechnen, von Verfolgung betroffen zu sein (Apg. 14, 22), egal ob er „in der Endzeit“ lebt oder nicht.
Die Biblische Autoren haben absichtlich die Zeit zwischen der Auferstehung von Jesus im ersten Jahrhundert und die Zeit seiner Wiederkunft als „Endzeit“ charakterisiert. Gemäß Hebr. 9, 26 begann das „Ende der Zeitalter“ mit dem Tod und der Auferstehung von Jesus; bereits die Korinther im ersten Jahrhundert erlebten „dass das Ende des Zeitalters über sie gekommen“ war (1 Kor. 10, 11).  Seit Jesus – das heisst seit 2000 Jahren – leben Christen, „in den letzten Tagen.“ Paulus und der Schreiber des Hebräer-Briefes haben mit ihrer Gewissheit, in der „Endzeit“ zu leben, nicht den Mund zu voll genommen und vergeblich gehofft, die letzte Generation vor dem Kommen von Christus zu sein. „Endzeit“ in Biblischem Verständnis ist keine chronologische Angabe von 30 oder 40 Jahren vor dem Ende der Welt, sondern eine theologische Angabe des CHARAKTERS der Zeit bevor Jesus wieder kommt. Es ist eine Zeit, in dem alle Menschen freien Zugang zur Versöhnung mit Gott durch Glauben an Seinen Sohn Jesus Christus haben. Wie lange die „Endzeit“ dauert, wird durch den Begriff nicht beschrieben. „Endzeit“ oder „letzte Tage“ heisst dies Zeit deshalb, weil bis zum Eingreifen Gottes, in dem er einen neuen Himmel und eine neue Erde erschaffen wird (Offb. 21-22), keine qualitativ anderswertige Zeit eingeschoben wird. Bis zum Schall der letzten Posaune wird Gott genau so handeln, wie er die letzten zweitausend Jahre gehandelt hat. Bis zum Triumph der Wiederkunft von Jesus gelten dieselben Anweisungen, wie Christen leben sollen, wie sie schon die letzten zweitausend Jahre aktuell waren. Dass auch das Wirken des Teufels sich nicht grundlegend ändern wird, ist aus 1 Joh. 2, 18 offensichtlich. Die Natur antichristlichen Wirkens war im ersten Jahrhundert dieselbe wie diejenige kurz vor dem Kommen von Jesus: Menschen werden verleugnen, wer Jesus ist und was er durch sein stellvertretendes Sühneopfer am Kreuz getan hat und alternative Theologien aller möglichen Varianten und Farben in die Welt setzen. Nichts neues. Nichts neues im ersten oder 21. Jahrhundert!
Die Idee einer besonderen „Endzeit“ am Ende der „Endzeit“ ist deshalb absurd. Wenn es noch einmal eine Zeit geben würde, in welcher Christen anders leben sollten, als sie es die letzten 2000 Jahre tun sollten, hätte Paulus geschreiben, dass die Korinther in der „vorletzten Zeit leben,“ in den „vorletzten Tagen.“ Aber gerade weil Christen seit dem vierten Jahrzehnt im ersten Jahrhundert in der Endzeit leben, wird es keine besondere Endzeit mehr geben. Mehr Endzeit als wir schon erleben gibt es nicht.
Fortsetzung folgt…