Wer ist der Antichrist? Was der 1. Johannesbrief über den endzeitlichen Antichristen aussagt.

Wenn Gemeinden mich mit dem wohlgemeinten Rat: „Du kannst reden, worüber du willst.“ zum Predigen einladen, habe ich oft vorgeschlagen, meine berühmte Predigt über den Antichristen zu halten. Da ich diesen Vorschlag nach zehn Jahren immer noch nicht umgesetzt habe, lässt dies den Leser (zurecht) vermuten, dass ich gar keinen ausgetüftelten Vortrag über den Antichristen vorbereitet habe.

Um ehrlich zu sein, nichts in biblischer Theologie hat mich bisher so wenig interessiert wie der Antichrist. Ich habe nie die eigenartige Faszination und die geheimnisvolle Wichtigtuerei in Bezug auf die letzten Erkenntnisse (oder besser: Sensationsspekulationen) über den Antichristen verstanden. Zu gewichtig erschienen mir die gewaltigen Themen wie zum Beispiel Gott kennen, Christus begegnen, Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist haben, als dass das Wissen über den Antichristen mich mit einer besondere Attraktivität gefesselt hätte. In einem christlichen Umfeld hört man aber immer wieder vom „Antichrist“, so dass man sich der Frage, was es mit diesem mysteriösen eschatologischen Feind auf sich hat, nicht gänzlich verschließen kann.

In den letzten Monaten hat meine Vorstellung darüber, wer der Antichrist ist, eine revolutionäre Wendung genommen. Viele der Gemeinden, die ich kenne, sind von einem theologischen System des Dispensationalismus geprägt. Der Name dieses theologischen Trends mag dir nicht bekannt sein, aber einige Vorstellungen dieser Theologie über die Rolle Israels, die Abläufe in der Endzeit und Vorstellungen darüber, was der Antichrist am Ende der Zeiten machen wird, hast du sicher schon mal gehört.

Innerhalb dieser Theorie glaubt man, dass am Ende der Zeit ein Mann die Weltherrschaft an sich reißen und eine nie dagewesene Verfolgung der Christen und des jüdischen Volkes einleiten wird. Er wird entweder in einem wieder aufgebauten Tempel in Jerusalem seine Herrschaft ausüben oder durch eine abgefallene Kirche an die Macht kommen. Er wird mit satanisch inspirierten Zeichen und Wundern die Welt verführen und von sich selbst behaupten, dass er göttlich ist, angebetet werden will und den Platz einnehmen, der nur Christus gebührt. Erst durch die Wiederkunft von Jesus und die Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches wird der Antichrist vernichtet werden.1

Meine Überzeugung ist allerdings, dass sich diese Theorie zwar spektakulär anhört, sie aber durch KEINE biblischen Hinweise unterstützt wird. Es ist eine theologische Modeerscheinung, die sich nur durch ständige Wiederholung als sicher geltende Lehrmeinung etabliert hat, aber bei genauer Untersuchung auch nicht ein Indiz aus dem Wort Gottes für sich in Anspruch nehmen kann.

Wo kommt die Idee des Antichristen her?

Als allererstes sollte man beachten, dass eine wortwörtliche Benennung des Antichristen nur in 1 Joh. 2, 18, 22; 4, 3 und 2 Joh. 7 vorkommt. Diese Passagen sehen wir uns im Folgenden an, um die Identität des Antichristen näher zu beleuchten.

Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist. 1 Joh. 2, 18

Johannes greift in seiner ersten Erwähnung des Antichristen auf eine Überlieferung zurück, dass seine Leser schon gehört haben, dass „Antichrist“ kommen wird. Diese Überlieferung, welche die Leser schon kennen, beinhaltete wahrscheinlich auch eine Aussage darüber, dass der „Antichrist in der letzten Zeit“ kommen wird. Das Wort Antichrist (Gr. antichristos) ist ein zusammengesetztes Substantiv aus den Bestandteilen anti („gegen,“ „in Opposition zu,“ oder „anstelle von“) und christos („Messias,“ „Christus“). Der Antichrist widersetzt sich also Christus als sein Feind mit der Absicht, seinen Platz einzunehmen.

Bevor wir aber vorschnell schlussfolgern, dass Johannes eine Tradition bestätigt, wonach ein personifizierter Antichrist kurz vor der Wiederkunft von Jesus sich als dessen Widersacher und der Verfolger der Christen manifestieren wird, lass uns beachten, was Johannes explizit über die Endzeit und das Auftreten des „Antichristen“ sagt:

1.) Die „letzte Stunde“ ist bereits im ersten Jahrhundert, zur Zeit der Abfassung des 1. Johnannesbriefes angebrochen. Anstelle einer „separaten Endzeittheologie,“ also einer Zeit, in welcher Gott qualitativ auf besondere Art und Weise im 21. oder 22. Jahrhundert (oder wann auch immer), also kurz vor der Wiederkunft von Jesus wirkt, glaubt Johannes, dass alle Zeit seit der Auferstehung von Jesus und des Ausgießen des Heiligen Geistes „Endzeit“ ist. Seiner Meinung nach sind die Herausforderungen der Christen seit dem ersten Jahrhundert und die Verheißungen Gottes für diese Zeit bis zur Wiederkunft Seines Sohnes generell die gleichen. Es gibt keine besondere Pläne für den Anfang oder das Ende dieser Zeit.

2.) Johannes bestätigt nicht eine Lehre über einen einzelnen Mann, der als personalisierter Antichrist kommen wird. Was sich hinter dem johanneischen Konzept „Antichrist“ verbürgt, bleibt abzuwarten. Dem Leser ist gut geraten, sich von Johannes Indizien geben zu lassen, wie er das Konzept „Antichrist“ füllt, anstelle bei der allerersten biblischen Erwähnung des Wortes theologisch vorgefertigte Meinungen des 21. Jahrhunderts, wie der Antichrist auszusehen hat, in das von Johannes gebrauchte Wort zu importieren. Noch wissen wir nicht, ob Johannes unter „Antichrist“ einen Menschen, eine Institution, ein satanisch inspiriertes Wirken oder ein anderweitig weit gefasstes Konzept versteht.

3.) Der Text spricht eher dagegen, dass Johannes einen einzelnen Herrscher am Ende der Zeit unter der Verwendung seines Wortes „Antichrist“ vorhersieht. Die Logik des Textes liest sich nicht „Ihr habt gehört, dass ein einzelner Antichrist am Ende der Zeit kommen wird, über den ich jetzt nicht reden möchte, sondern über viele seiner Vorläufer.“ Die Logik des Textes entfaltet sich so: „Ihr habt gehört, dass der Antichrist in der letzten Zeit kommen wird – und ich sage euch, diese Lehre hat sich bereits heute in eurer Mitte erfüllt: es ist bereits die Endzeit und ‚der Antichrist‘ manifestiert sich bereits jetzt als viele Antichristen in eurer Mitte.“

Für Johannes sind bereits alle Anzeichen der Endzeit in seiner Generation erfüllt. Der Antichrist (und lies jetzt nicht eine Person, sondern ein für uns noch zu definierendes Konzept) ist bereits in Form vieler Antichristen gegenwärtig. Diese Antichristen sind ehemalige Gemeindemitglieder, die aber niemals eine echte Bekehrung erlebt haben (1 Joh. 2, 19) und nach einer Weile eine falsche Lehre darüber verbreiten, wer Jesus ist (1 Joh. 2, 22).

1 Johannes 2, 18 sagt nichts, aber überhaupt nichts über einen endzeitlichen Herrscher aus, der von einem restaurierten Tempel in Jerusalem Weltherrschaft ausüben wird. 1 Johannes 2, 18 sagt gar nichts über eine endzeitliche männliche Figur aus, sondern die Anzeichen deuten eher darauf hin, dass die von den Empfängern des Johannesbriefes gehörte Lehre über den „Antichristen“ das Konzept einer satanisch inspirierten Irrlehre beinhaltet, welche sich ganz konkret in solchen Menschen zeigt, die Unwahrheiten verbreiten über Christus und das, was er getan hat.

Wenn Johannes „Antichrist, der kommen wird“ und „viele Antichristen bereits jetzt“ gegenüber stellt, dann korrigiert Johannes entweder eine Spekulation, welche die Christen gehört haben, dass ein „personifizierter Antichrist“ kommen wird,2 oder – und wahrscheinlicher – Johannes greift eine vorhergehende Lehre über das Auftreten von „Irrlehrern, die Antichrist genannt werden und in der letzten Zeit auftreten sollen“ und definiert diese Idee als in seiner Zeit erfüllt!

Was in 1 Joh. 2, 18 in anfänglichen Indizien wahr zu nehmen ist, stellt sich in den folgenden Versen im 1 Johannes deutlicher als wahre Annahme heraus.

Als nächstes 1 Johannes 2, 22.

Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. 1 Joh 2, 22

In 1 Joh. 2, 22 beschreibt Johannes nicht, dass ein zukünftiger Mensch am Ende der Zeitalter auftreten wird, der unter anderem leugnen wird, dass Jesus der Messiahs ist. Johannes beschreibt ein Phänomen der ersten Christen, ein Phänomen, mit dem die Gemeinde des Johannes ganz konkret konfrontiert war. Menschen aus der Gemeinde, für die Johannes verantwortlich war, haben die Gemeinde verlassen (1 Joh. 1, 19) und predigen jetzt eine alternatives „Evangelium,“ welches Grundwahrheiten der echten Botschaft über Jesus verneint. Johannes ermutigt seine Mitgläubigen im ersten Jahrhundert, nicht auf diese Menschen zu hören (1 Joh. 2, 20-21), indem er ihnen aufzeigt, dass es bei Gott keine esoterischen Sonderlehren gibt, die jetzt zusätzlich aufgenommen werden müssen, sondern dass die Hörer bereits alles von Gott über Christus wissen, was für eine Beziehung mit ihm notwendig ist. Alles, was konträr der Botschaft des Evangeliums ist, ist die Unwahrheit. Diese Unwahrheit wird von Menschen im 1 Jahrhundert verbreitet und diese historischen Personen, welche vielleicht Andronicus Musus oder Andronica Valencia hießen, in Ephesus in einer Mietshaus auf der Via Maris mit ihren 3 Kindern wohnten – diese Personen nennt Johannes „der Antichrist.“ Inklusive definitivem Artikel „der“ in „der Antichrist“ (Gr. ho antichristos)!

Alle Anzeichen sprechen dafür, dass Johannes unter „dem Antichrist“ alles andere verstanden hat als eine singuläre Person am Ende der Zeit. Andronicus Musus, Andronica Valencia, Homerus Pamphilius, sie alle – und viele mehr – waren bereits „der Antichrist“ und zwar genau deshalb, weil sie versucht haben, Lehre, die konträr der echten Botschaft des Evangeliums war, zu verbreiten. „Antichrist“ beinhaltet bei Johannes alle satanisch inspirierten Menschen, die über Unwahrheiten versuchen, Menschen vom echten Jesus weg zu bringen, oder diese von Ihm fern zu halten. Im ersten Jahrhundert waren dies Menschen, die das stellvertretende Opfer von Jesus ablehnten (1 Joh. 4, 2-3), im zweiten Jahrhundert waren dies Gnostiker, im 3. Jahrhundert Arier, welche leugneten, das Christus wirklich Gott ist, im 4. Jahrhundert Pelegianer, die dachten, dass der Mensch es durch gute Werke zurück zu Gott schafft, etc.

Und im 21. Jahrhundert? Wenn du Johannes beim Wort nimmst, brauchst du auf den Antichristen nicht mehr warten! Du kannst täglich viele Antichristen besuchen! Es sind die Menschen, welche „Wachtürme“ an der Straßenbahnhaltestelle verteilen oder mit Namensschildern herum laufen, auf denen „Ältester soundso … Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ geschrieben steht. Der Antichrist sind Politiker, welche Gender Mainstreaming in unsere Gesellschaft als Lebensphilosophie einbringen, oder anderweitig ehrenwehrte Mitbürger, welche am Sonntag in einer Messe die wiederholte Kreuzigung von Jesus feiern.

Wenn man die Definition von Johannes, wer „Antichrist“ ist, ernst nimmt, dann kann ich mit etwas (ironischem) Stolz sagen, dass ich bereits mit dem Antichrist auf meinem Sofa gesessen und Kuchen gegessen habe!

In anderen Worten, anstelle der Behauptung, dass es einen singulären eschatologischen Antichristen geben wird, beschreibt Johannes jeden, der Irrlehre vertritt als „den Antichristen!“ Niemand ist der Antichrist, als ob es sich um eine einzelne Person im ersten oder 21. Jahrhundert handelt, sondern jeder im Allgemeinen, egal in welchem Jahrhundert, der Christus durch falsche Lehre widersteht wird als „der Antichrist“ definiert.

Als dritter Text 1 Johannes 4, 3.

Und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichristen, von dem ihr gehört habt, dass er komme, und jetzt ist er schon in der Welt. 1 Joh. 4, 3

In 1 Johannes 4, 3 finden wir das literarische Phänomen einer Ellipse, also an sich notwendige Wörter im Satzgefüge werden im Griechischen ausgelassen, weil die Leser gewohnt sind, diese aufgrund des Kontextes und der grammatikalischen Begebenheiten selbst einzufügen. Im den deutschen Übersetzungen sieht man dies (zumindest manchmal), indem die Übersetzer Worte in Klammern oder Schrägschrift eingesetzt haben. In der Elberfelder Übersetzung finden wir das Wort Geist in Klammern bzw. Schrägschrift. Damit wollen die Übersetzer andeuten, dass das Wort Geist zwar nicht an dieser Stelle im Text wortwörtlich zu finden ist, der Kontext aber die Einfügung verlangt, weil dies die Leser im 1. Jahrhundert aufgrund ihrer Lesegewohnheiten auch eingefügt hätten. Ansonsten würde nämlich in 1 Joh. 4, 3 stehen: „Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der des Antichristen…“ „Der des Antichristen,“ ein Ausdruck im Genitiv, verlangt eindeutig das Einsetzen von „dies ist der Geist des Antichristen,“ das vorherige Bezugswort wird also in den Kontext (richtigerweise) eingefügt.

Die Ellipsen gehen allerdings weiter, und wer akribisch genau ist, würde 1 Joh. 4, 3 so übersetzen müssen: „Und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichristen, von dessen Geist des Antichristen ihr gehört habt, dass er (der Geist des Antichristen) komme, und jetzt ist er, der Geist des Antichristen, schon in der Welt.“

Dass keine Wendung im Satzgefüge vom „Geist des Antichristen“ zum „Antichristen“ (also ohne Geist) erfolgt, sieht man im Griechischen daran, dass „von dem ihr gehört habt“ (Gr. ho akeeoate) in der grammatikalischen Form des Neutrum gesetzt ist und sich auf ein Substantiv im Neutrum beziehen muss. Dies ist das Wort Geist (Substantiv im Neutrum), aber nicht das Wort Antichrist (Substantiv im Maskulinum).

Die Parallelen zwischen 1 Johannes 4, 3 und 1 Johannes 2, 18 sind bei einer kurzen Gegenüberstellung gleich ersichtlich:

– „… ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt.“ (1 Joh. 2, 18)
– „… der Geist des Antichristen von dem ihr gehört habt, dass er kommt (1 Joh. 4, 3).

(Gr. – heekousate hoti antichristos erchetai
– pneuma antichristou heekousate erchetai).

– „Ihr habt gehört“ (1 Joh. 2, 18) = „von dem ihr gehört habt“ (1 Joh. 4, 3)
– „der kommt“ (1 Joh. 2, 18) = „er kommt“ (1 Joh. 4, 3)
– „der Antichrist“ (1 Joh. 2, 18) = „Geist des Antichristen“ (1 Joh. 4, 3).

Johannes wiederholt in 1 Joh. 4, 3 dieselbe Auffassung, dass die Christen bereits vom „Antichristen, der kommen wird, gehört haben.“ Jetzt fügt er allerdings noch „Geist des“ hinzu, so dass der Antichrist, von dem die Leser in 1 Joh. 2, 18 gehört haben, jetzt der Geist des Antichristen ist, von dem die Leser gehört haben. Die exakte linguistische Parallele deutet darauf hin, dass die Leser von Johannes nicht von dem kommenden Antichristen (als Person) und dem kommenden Geist des Antichristen gehört haben, als ob sie zwei Traditionen über zwei verschiedene Phänomene gehört haben, sondern es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass Johannes in 1 Joh. 4, 3 präzisiert (oder definiert), was denn genau die Lehre war, die sie über den kommenden Antichristen bereits gehört hatten. Der Zusatz „Geist des“ weist deutlich darauf hin, dass Johannes bei der Idee des Antichristen sich nie eine einzelne Person vor Augen hat, sondern dass es sich schon immer um eine „geistliche Macht“ als großes Konzept hinter dem Phänomen „Antichrist“ gehandelt hat.

„Antichrist“ ist ein Synonym für „Geist des Antichristen“ und beschreibt auch in 1 Joh. 4, 3 jeden, der Christus nicht bekennt, also wieder Irrlehren, die Christus in wichtigen Grundsätzen anders darstellen, als wer er wirklich war!

Und jetzt noch der letzte biblische Beleg, der das Wort „Antichrist“ verwendet.

Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennen; dies ist der Verführer und der Antichrist. 2 Joh 7

2 Johannes 7 ist eine thematische Wiederholung von 1 Joh. 4, 3. Wiederholt werden „viele Verführer“ als der Antichrist (Gr. ho antichristos) bezeichnet. Auch an dieser Stelle deuten alle Indizien darauf hin, dass Johannes bei der Verwendung seines Begriffes nicht einen personifizierten endzeitlichen Antichristen im Sinn gehabt hat. Er verwendet Antichrist als ein größeres Konzept, als Überbegriff für Menschen, welche (satanisch inspiriert) Christus und was er am Kreuz getan hat nicht mehr als zentrales Evangelium verkündigen, sondern eine alternative semi-christliche Botschaft verbreiten. „Im Fleisch gekommen“ weist dabei wohl weniger auf eine Debatte hin, ob Christus nur eine „Geisterscheinung“ oder wirklich Mensch war, sondern ist eine Umschreibung von Johannes dafür, dass Jesus Christus das stellvertretende Sühneopfer für uns war. In Joh. 6, 51 wird „Fleisch“ als Symbol für das „Opferfleisch“ von Christus, also seinen Tod am Kreuz verwendet – und aller Wahrscheinlichkeit nach ist dies auch die Art, wie Johannes „im Fleisch“ gekommen in seinen Briefen verwendet (cf. Joh. 1, 7-8).

Was die Gegner von Johannes in ihrer alternativen Botschaft verleugnen ist die Zentralität des Opfertodes von Christus am Kreuz als den Kern der christlichen Botschaft. Johannes konzentriert die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf das, was Paulus an anderer Stelle beschrieben hat mit „Denn ich habe mir vorgenommen nichts anderes unter euch zu wissen als Jesus Christus und ihn als gekreuzigt“ (1 Kor. 2, 2). Wer den Tod von Christus als einzige Hoffnung für die Vergebung unserer Sünden nicht als zentralste Botschaft verkündigt ist – gemäß Johannes – der Antichrist!

Es ist ein grundsätzlicher konzeptioneller Irrtum, eine vorgefertigte Meinung aus dem 21. Jahrhundert darüber, wer der Antichrist ist, in das Wort „Antichrist“ in Joh. 2, 18 zu importieren und dann zu schlussfolgern: Weil Johannes beschreibt, dass seine Hörer wissen, dass „Antichrist kommt,“ sei dies eine Bestätigung unserer vorher importieren Meinung, dass der Antichrist so aussieht, wie wir ihn in unseren Vorstellungen postuliert haben. Wir müssen Johannes selbst definieren lassen, was er unter „Antichrist“ versteht. Dies ist in seine Briefen jeder und alle, welche eine Botschaft verkündigen die:
– Christus verleugnet (1 Joh. 1, 7; 2, 18, 22)
– den Tod von Jesus nicht als zentrale Botschaft verkündet (1 Joh. 4, 3; 2 Joh. 7).

Christen und Gemeinden sollten die Gefahr des Antichristen und seines Einflusses in ihrer Mitte nicht unterschätzen! Der Antichrist ist tatsächlich schon 1970 lebendig gewesen3 – allerdings nicht erst seit 1970, sondern schon seit Beginn des Kirchenzeitalters. Wer sich dem Wirken des Antichristen widersetzen will, sollte nicht den politischen Horizont nach geeigneten Kandidaten abscannen, sondern sich fragen, ob Christus und Christus gekreuzigt das Zentrum unseres Lebens und Predigens ist.

Wer für eine Beschreibung eines eventuell dennoch kommenden Antichristen auf den „Mann der Gesetzlosigkeit“ in 2 Thes. 2, 1-12 oder „das Tier“ in Offenbarung 13-20 schielt, auf den warten spannende Überraschung in der Fortsetzung des Themas…

1 Amüsante Spekulationen in Dispensationalistischen Kreisen darüber, wer der Antichrist ist finden sich zum Beispiel bei Dave Hunt. Global Peace and the Rise of the Antichrist.. 1990: „Irgendwo, in diesem Moment auf dem Planeten Erde ist der Antichrist mit Sicherheit schon lebendig – er wartet auf seine Zeit, wartet auf seine Chance Banaler Sensationalismus? Keineswegs. Die Wahrscheinlichkeit basiert auf einer nüchternen Einschätzung der gegenwärtigen Ereignisse (1990 (!), Anmerkung dieses Autors). Er ist bereits ein reifer Mann, wahrscheinlich aktiv in der Politik involviert, vielleicht sogar ein bewunderter politischer Leiter, dessen Name fast täglich auf den Lippen der Menschen zu finden ist“ (S. 5). Bereits 1970 war sich Hal Lindsey in seinem Werk The Late Great Planet Earth, 1970, 113 sicher, dass der Antichrist bereits irgendwo lebendig ist und darauf wartet, von Satan in Besitz ergriffen zu werden.
2 Gary DeMar,Last Days Madness.. 194, 195-204.
3 Siehe Fußnote 1.