Der Antichrist war schon da! Was 2 Thes. 2 über den „Mann der Gesetzlosigkeit“ sagt. Teil 3

Die Thessalonicher im ersten Jahrhundert wussten haargenau wer „der Antichrist“ ist!!! Zumindest wussten sie, wer der „Mann der Gesetzlosigkeit“ (2 Thes. 2) ist, der in der heutigen Zeit häufig (und fälschlicherweise) als „Antichrist“ bezeichnet wird. Im letzten blog habe ich bereits vorgeschlagen, dass die Aussagen es Paulus über das „Kommen unseres Herrn“ sich nicht auf seine zweite Wiederkunft beziehen, sondern das Kommen von Christus in Macht und Autorität bei der Zerstörung des Tempels 70 n.Chr. beschreibt.

Ebenfalls im letzten blog habe ich versprochen, Indizien im Text aufzuzeigen, die es wahrscheinlich machen, dass der „Mann der Gesetzlosigkeit“ keine politische Figur am Ende der Zeit sein wird, sondern 70 n.Chr. lebte, wirkte und 70 n.Chr. mit der Zerstörung des Tempels vernichtet wurde. Und hier sind sie:

Das Wort „jetzt“ macht deutlich, dass die Christen zur Zeit der Thessalonicher wussten, wer der „Mann der Gesetzlosigkeit“ ist.

In 2 Thes. 2 wird der Mann der Gesetzlosigkeit als ein Widersacher bezeichnet, der sich selbst als Gott ausgibt bzw. in seinem Größenwahn gotteslästernde Dinge von sich behauptet und vor der „Ankunft“ (sprich Manifestation der Macht von Christus, von Gott dem Vater Autorität über die Nationen erhalten zu haben (siehe Dan. 7, 13-14)) erscheinen muss (2 Thes. 2, 3-4). All dies ist für die Thessalonicher nichts Neues, Paulus hatte ihnen schon bei seinem Besuch davon erzählt (2 Thes. 2, 5). Im Moment des Schreibens des Briefes an die Thessalonicher wird dieser „Antichrist“ aber „zurückgehalten,“ das heisst, man kann die böse Manifestation des Mannes der Gesetzlosigkeit noch nicht erleben, da ihn irgendetwas daran hindert, dies zu tun (2 Thes. 2, 6-8).

Und jetzt kommt die angekündigte Überraschung: Paulus schreibt, dass der Mann der Gesetzlosigkeit JETZT (gr. nun) zurückgehalten wird (2 Thes. 2, 6).

Das ist leider in manchen Übersetzungen nicht sofort ersichtlich. Besonders ungünstig übersetzt (meiner Ansicht nach) die sonst von mir viel geliebte Elberfelder Übersetzung, wenn sie schreibt „und jetzt wisst ihr, was zurückhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird.“  Schon viel besser trifft die Schlachter Übersetzung diesmal den Sinn: „und ihr wisst ja, was jetzt noch zurückhält.“ Etwas zaghafter, aber immer noch im selben Sinn übersetzt auch Luther „und ihr wisst, was ihn noch aufhält.“

Wer den Unterschied noch nicht bemerkt hat, es geht darum festzustellen, welchen Teil des Satzes die Zeitangabe „jetzt“ (gr. nun) modifiziert. Im Griechischen steht nämlich in 2 Thes. 2, 6, wenn man die Worte (etwas hölzern wirkend) einfach aneinander gereiht übersetzt: „und jetzt was (ihn) zurückhält ihr wisst damit er offenbart wird in seiner Zeit“ (gr. kai nun to katechon oidate eis too eautou kairoo). Die Frage ist also, ob das „jetzt“ (gr. nun) sich bezieht auf: a) „ihr wisst“ im Sinne von „und jetzt wisst ihr“ oder auf: b) „was ihn zurückhält“ im Sinne von „ihr wisst, was ihn JETZT zurückhält.“

Ich glaube, dass „und ihr wisst, was ihn JETZT zurückhält“ (so wie Schlachter zum Beispiel übersetzt) mit höherer Wahrscheinlichkeit die von Paulus beabsichtigte Aussage ist.

Paulus will in 2 Thes. 2, 6 einen zeitlichen Kontrast aufzeigen, was jetzt passiert und später passieren muss („damit er geoffenbart werden wird“). Der Kontrast besteht aber nicht aus dem gegenwärtigem Wissen der Thessalonicher (ihr wisst jetzt), sondern aus dem gegenwärtigen Wirken des „Zurückhalters“ und der zukünftigen Abwesenheit des Zurückhalters und daraus resultierende Offenbarung des Mannes der Gesetzlosigkeit. Hätte Paulus den Kontrast zwischen dem gegenwärtigen Wissen der Thessalonicher und den zukünftigen Ereignissen aufzeigen wollen, ist sein „jetzt“ das ungünstigste von allen zur Verfügung stehenden Worten gewesen. Wenn Paulus in V. 5 schreibt „erinnert ihr euch nicht, dass ich dies zu euch sagte,“ dann erwartet man bei einer Beschreibung, was die Thessalonicher darüber wissen, was Paulus schon in der Vergangenheit gelehrt hat, das Wort „bereits“ (gr. eedee), also „erinnert ihr euch nicht, dass ich dies zu euch sagte, als ich bei euch war? Und ihr wisst ja bereits, was ihn zurückhält…“ Das Wort „jetzt“ ist völlig fehl am Platz, wenn Paulus einen Vers vorher ausdrücklich sagte, dass seine Aussage nichts Neues ist, was die Thessalonicher „jetzt“ wissen, sondern etwas, was sie bereits schon lange gehört haben.

Der Kontrast, den Paulus aufzeigen will, ist der Inhalt dessen, was die Thessalonicher wissen: das gegenwärtige Zurückhalten und das zukünftige Offenbarwerden des Mannes der Gesetzlosigkeit. Diese Idee wird durch die Wiederholung in Vers 7 bestärkt: „schon jetzt“ (gr. eedee) ist das Mysterium der Gesetzlosigkeit am Wirken, derjenige, der jetzt (gr. arti) zurückhält wird dies tun, bis der Gesetzlose offenbar werden wird.

Selbst wenn Paulus das griechische nun mit „ihr wisst“ verbinden wollte, um einen logischen Zusammenhang mit Vers 5 zu etablieren und man dementspechend übersetzen würde „und jetzt also wisst ihr,“ spricht die übrige grammatikalische Form des Satzes immer noch dafür, dass bereits zu Zeiten der Thessalonicher der „Mann der Gesetzlosigkeit“ zurückgehalten wurde. Denn „was ihn zurückhält“ (gr. katechon) ist ein Partizip in der Gegenwartsform und drückt damit den zeitgleichen (!) Ablauf mit dem Hauptverb (also „ihr wisst“ (gr. oidate)) aus. Paulus würde demnach schreiben: „ihr wisst jetzt, was ihn jetzt zurückhält.“ Hätte Paulus schreiben wollen, „ihr wisst, was den endzeitlichen Antichristen zurückhalten wird,“ hätte er das Partizip „was ihn zurückhält“ in die Zukunftsform bringen müssen.1 Das hat Paulus aber aber nicht getan, sondern die Gegenwartsform gewählt.

Wie man es dreht oder wendet, man kommt nicht umhin festzustellen, das Paulus behauptet hat, dass die Thessalonicher wussten, was ihn (den Mann der Gesetzlosigkeit) jetzt (also in den 50-er Jahren im ersten Jahrhundert, zur Zeit der Abfassung von 2 Thessalonicher) zurückhält. So mancher fragt sich so langsam, warum ich auf dem „jetzt“ so lange herumreite und was es mit dem Antichristen zu tun hat.

Hier also endlich das Ziel der langen Ausführung: wenn die Thessalonicher wussten, was (oder wer) den Mann der Gesetzlosigkeit im ersten Jahrhundert zurückhält, und wenn der Mann der Gesetzlosigkeit ein Mensch ist – was bei der expliziten Beschreibung als „Mann“ (Gr. anthroopos) kaum anders zu erwarten ist – dann muss dieser Mann der Gesetzlosigkeit zum Zeitpunkt des Schreibens lebendig gewesen sein! Ansonsten hätte Paulus nicht schreiben können „und ihr wisst, was IHN jetzt zurückhält.“ Wenn um 52 n.Chr. das oder derjenige, was/ wer einen Menschen zurückhält, bereits aktiv ist, dann muss der Mensch, der zurückgehalten wird, ebenfalls ein Zeitgenosse der Thessalonicher gewesen sein. Auf keinen Fall ist der Mann der Gesetzlosigkeit ein endzeitlicher Antichrist, denn der Passage geht jeglicher Sinn verloren, wenn Paulus schreibt: „der Antichrist, der in 2000 Jahren kommen wird, wird bereits jetzt zurückgehalten und ihr wisst, was ihn jetzt zurückhält.“ Das Zurückhalten ergibt nur Sinn, wenn dieser Mensch (gr. anthroopos) bereits 52 n.Chr. auf der Bühne der Weltgeschichte zu finden war und jederzeit sein satanisch inspiriertes Handeln hätte losbrechen können, wenn es nicht etwas/ oder jemanden gegeben hätte, der IHN zum Zeitpunkt der Abfassung des zweiten Thessalonicherbriefes noch zurückgehalten hätte!

Wenn der Zurückhalter zur Zeit des Paulus real, aktiv und am Wirken war, dann war auch der Mann der Gesetzlosigkeit real, aktiv und „ready for action.“ Ein Mann, der erst in 2000 Jahren geboren worden wäre, kann kaum beschrieben werden, als im ersten Jahrhundert „zurück gehalten geworden!“ Paulus wusste, was bzw. wer den Antichristen zurück hält. Und die Thessalonicher wussten es auch. Paulus wusste, wer der Mann der Gesetzlosigkeit war. Und die Thessalonicher auch. Alas, das Problem ist, dass wir es nicht mehr wissen (und in diesem Leben wohl nie sicher heraus finden werden).

Wer hält hier wen zurück?

Auch wenn ich schon verraten habe, dass ich keinen spezifischen Kandidaten vorschlagen werde, wer der berüchtigte Mann der Gesetzlosigkeit gewesen sein könnte, will ich ein paar Hinweise vorschlagen, wo derjenige, der sich die Mühe machen will, es doch herauszufinden, suchen sollte.

Was bzw. wer genau den Mann der Gesetzlosigkeit zurückhält, war offensichtliches Wissen für die Thessalonicher, bleibt für uns allerdings leider völlig unklar. Das, was wir wissen, ist folgendes:

a) Der „Zurückhalter“ wird in Vers 6 in einem Partizip im Neutrum angegeben („das, was zurückhält“ (gr. katechon)), während in Vers 7 die maskuline Form gewählt wird („wer zurückhält (gr. katechoon)).

b) Der „Zurückhalter“ scheint eine positive Kraft zu sein, die einen mäßigenden Einfluss auf das Böse nimmt. Wenn diese mäßigende Kraft nicht mehr da ist, wird dem Bösen für eine kurze Zeit Raum gegeben, um dann die Fülle der Strafe Gottes zu erleiden (2 Thes. 2, 10-12).

c) Die Vorgänge in 2 Thes. 2, 3-10 lesen sich so, als ob sie vom souveränen Zeitplan Gottes vorherbestimmt sind – der Mann der Gesetzlosigkeit hat seine von Gott bestimmte Zeit (2 Thes. 2, 6).

In Anbetracht dieser Kennzeichen schlage ich vor, dass der ultimative Zurückhalter Gott selbst ist, der in „gemeiner Gnade“ (also Gnade, die zwar nicht rettet, aber dennoch Gutes bewirkt) den Mann der Gesetzlosigkeit als Anführer der Rebellion gegen Gott (2 Thes. 2, 3) unterdrückt, um das endgültige Gericht über ihn und seine Mitrebellen hinauszuzögern. Das Neutrum wird wahrscheinlich verwendet, um zu zeigen, dass Gott durch eine Art historisches Phänomen, also eine Regierung, eine Armee oder was auch immer, seine Ziele ausführt. Wie gesagt, an dieser Stelle wussten die Thessalonicher mehr als wir.

Was ist die Rebellion/der Abfall, welche der Mann der Gesetzlosigkeit initiieren wird?

Das erste Mal lesen wir vom Mann der Gesetzlosigkeit in 2 Thes. 2, 4, wo er in Zusammenhang mit dem „Abfall“/“der Rebellion“ (gr. apostasia) erwähnt wird. Was wir im Verlauf der Betrachtung sehen werden, ist, dass apostasia und „Mann der Gesetzlosigkeit“ nicht nebeneinander erwähnt werden, als ob sie nichts miteinander zu tun hätten, also wie meine Brötchen vom Bäcker heute morgen und der Bahnstreik nächste Woche. Apostasia und „Mann der Gesetzlosigkeit“ werden nebeneinander aufgeführt, weil sie zusammen gehören, der eine die andere auslöst und antreibt. Diese Beobachtung wird uns helfen, die Möglichkeiten, was denn die apostasia ist, einzugrenzen.

Apostasia als religiöser Abfall der Christen von Gott

Das einzige andere Mal, wo das Wort apostasia im Neuen Testament verwendet wird, ist in Apg 21, 21, und dort bezieht es sich auf ein religösen Abwenden vom Mosaischen Gesetz: „Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, daß du alle Juden, die unter den Nationen sind, Abfall von Mose lehrest und sagest, sie sollen weder die Kinder beschneiden noch nach den Gebräuchen wandeln.“ In der Septuaginta kommt dieses Wort in der Mehrzahl seiner Vorkommnisse auch in diesem Sinn vor (siehe z.B. Jos. 22, 22; 2 Chron. 29, 19; 33, 19; 1 Mac. 2, 15). Aufgrund dessen, dass ein religiöser Abfall mit apostasia beschrieben werden kann, nehmen einige Kommentatoren an, dass es sich um einen große Abwendung vom Glauben der Christen am Ende der Zeit handeln muss.2 Sie denken, dass ein Zeichen der Endzeit eine pessimistische Sicht auf die Kirche ist, in welcher die Mehrzahl der Christen vom Glauben abfällt.3

Apostasia als politisch/ militärische Rebellion

Historisch wird das Wort apostasia jedoch auch für politische bzw. militärische Revolten benutzt. Auch in dieser Bedeutung kommt es in der Septuaginta vor: „Und wir forschten nach und fanden heraus, dass jene Stadt [Jerusalem] sich seit alters her gegen Könige erhebt und Revolten in ihr geschehen sind.“ (2 Esd. 4, 19). Josephus beschreibt den Jüdischen Aufstand 66-70 n.Chr. explizit ebenfalls als apostasia: „Ich kam zurück in mein eigenes Land [Judäa]. Da fand ich bereits beginnende revolutionäre Bewegungen und allgemeine Begeisterung über die Aussicht einer Rebellion gegen Rom.“

Was initiiert, bzw. (richtigerweise) initiierte der Mann der Gesetzlosigkeit also? Einen Abfall vom Glauben an Gott oder einen militärischen Aufstand? Um welche Art von Abfall/ Rebellion es sich handelte, wird wohl der weitere Kontext von 2 Thes. 2, 9-12 entscheiden. Aber bevor wir dazu kommen, müssen wir vorher noch untersuchen, von wo der Mann der Gesetzlosigkeit seine Rebellion instigiert.

Von wo regiert der „Antichrist?“

Was hat Paulus damit gemeint, wenn er schreibt, dass der Mann der Gesetzlosigkeit „sich widersetzt und sich überhebt über alles, was Gott heißt oder ein Gegenstand der Verehrung ist, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und sich ausweist, daß er Gott sei“ (2 Thes. 2, 4).

Auch hier gibt es leider wieder zu viele bisher vorgeschlagene Interpretationsmöglichkeiten, um zu einem schnellen Ziel zu kommen, deshalb ist noch mal etwas Geduld nötig, um die Wahrscheinlichkeit der vorgeschlagenen Optionen abzuwägen.

A) Paulus sieht einen wieder aufgebauten Tempel auf dem Ölberg in der Endzeit in Jerusalem voraus, der kurz vor einer 7-jährigen Trübsalzeit errichtet wird. In diesen Tempel begibt sich der „Antichrist“ aus 2 Thes. 2, um von dem wiederaufgebauten Tempel die Weltherrschaft zu übernehmen.

Die Idee eines wieder aufgebauten Tempels in Jerusalem als die Aussage in 2 Thes. 2 hat wenig für sich zu sprechen. Keine andere Indizien sprechen dafür, dass die Bibel ein solches Ereignis vorhersieht. Natürlich kann es möglich sein, dass aufgrund religiöser Manie und politischer Umstände ein jüdischer Tempel eines Tages an der Stelle des jetzigen Felsendoms aufgebaut wird, aber eine Vorhersage dafür gibt es in der Bibel nicht. Weiterhin leidet ein solch potentieller Tempel besonders unter der Schwierigkeit, dass er wohl kaum „Tempel Gottes“ von Paulus genannt werden würde. Mit dem Kommen von Christus hat ein physisches Gebäude ein für alle mal ausgedient, „Tempel Gottes“ zu sein. Christus hat die Abkehr Gottes von einem physischen Tempel klar und deutlich gemacht, als er zu den jüdischen Führern in Matt 23, 38 von „eurem Haus“ und als „wird euch verwüstet zurückgelassen“ spricht. In stärksten (und provozierendsten) Worten macht Jesus klar, dass Gott mit einem Tempel in Jerusalem nichts mehr zu tun hat: Es ist nicht mehr „sein Haus,“ sondern „euer Haus“, und weil Gott nicht mehr darin wohnt, beschützt Er es auch nicht mehr und gab es 70 n.Chr. der Vernichtung  preis. Diese Einstellung Gottes bezieht sich auch auf jeden Versuch, ein Gebäude jemals wieder als „Gottes Tempel“ zu bezeichnen. Christus selbst ist der einzig wahre Tempel, Priester und Opfer (Hebr. 7, 11 – 10, 22) der jedem anderem Bauwerk den Titel „Tempel Gottes“ abspricht. Ein wiedererrichtetes Bauwerk in Jerusalem, mitsamt Tieropfer und einer Priesterschaft, würde weder von Gott noch von einem seiner Apostel jemals „Sein Tempel“ genannt werden können. Es wäre ein Schlag in das Gesicht des Sohnes Gottes und ein Greuel in den den Augen Gottes, aber niemals „Sein Tempel!“

Des weiteren haben wir bereits gesehen, dass ein zukünftiger Tempel, ein zukünftiger darin sitzender Antichrist, als Voraussetzungen für das Wiederkommen von Christus nicht in die möglichen Hintergrundszenarien von 2 Thes 2 passen, noch in Paulus‘ Aussage, dass der Zurückhalter sowie der Mann der Gesetzlosigkeit schon zu Zeiten der Thessalonicher existent war, und auch nicht kompatibel ist mit der Aussage von Jesus, dass es kein Zeichen für Seine Wiederkunft geben wird (Matt. 24, 36-44).

B) Der „Tempel Gottes“ steht für den zum Zeitpunkt des Schreibens (52 n.Chr.) noch stehenden Tempel in Jerusalem (bis 70.n.Chr.).

Obwohl die Kritik desbeüglich, dass der physische Tempel in Jerusalem nicht „Tempel Gottes“ genannt werden kann, auch auf diese Sicht zutreffen würde, wäre es dennoch vorstellbar, dass der physische Tempel in Jerusalem als „Tempel Gottes“ benannt wird – nicht weil Paulus damit eine theologische Aussage machen würde, ob es der Gottes Tempel ist oder nicht, sondern weil die Menschen im ersten Jahrhundert, insbesondere die Juden ihn als solchen angesehen haben. Die Christen versammelten sich ohnehin weiter im Tempel (Apg. 2, 46; 13, 5; 14, 1). Es wäre möglich, dass Paulus die Standardbeschreibung des Tempels einfach übernimmt und „Tempel Gottes“ als übliche Ortsbezeichnung anstelle einer theologischen Aussage benutzt.

C) Der Tempel ist die Gemeinde, der Tempel, in dem Gott im Kirchenzeitalter seinen Wohnung im Geist genommen hat.

In verschiedenen Texten im Neuen Testament beschreibt die Bezeichnung „Tempel Gottes“ die Gemeinde bzw. den einzelnen Christen (1 Kor. 3, 16, 17; 2 Kor. 6, 16). Vertreter dieser Theorie behaupten, dass der Mann der Gesetzlosigkeit nicht in einem physischen Tempel seinen Platz einnimmt, sondern innerhalb der Kirche seinen wichtigsten Einflussbereich hat und von ihr aus agiert. Deshalb denken Anhänger dieser These, dass der Abfall (gr. apostasia) der Kirche in großem Stil von Gott mit dem Erscheinen des „Antichristen“ in ihrer Mitte Hand in Hand geht. Obwohl Paulus den Begriff „Tempel Gottes“ in Bezug auf die Gemeinde in seinen Briefen benutzt, ist es allerdings schwer vorstellbar, dass er eine abgefallene Gemeinde, welche den Mann der Gesetzlosigkeit in ihrer Mitte als „anbetungswürdigen Gott“ (2 Thes. 2, 4) duldet, noch „Tempel Gottes“ nennen kann. Eine Versammlung von Menschen, egal wie sie sich nennen, die einen Menschen in ihrer Mitte walten lässt, der sich gegen den wahren Gott erhebt und selbst den Anspruch erhebt Gott zu sein, diese Versammlung würde Paulus wohl sicher nicht als „Tempel Gottes“ bezeichnen.

D) „Das Sitzen im Tempel Gottes“ ist eine metaphorische Beschreibung eines arroganten Herrschers.

Verschiedene Exegeten haben darauf hingewiesen, dass ein Sitzen des Mannes der Gesetzlosigkeit im Tempel nicht notwendigerweise wortwörtlich zu verstehen ist, sondern auf stereotypische Sprache aus dem Alten Testament hinweist, um den Inbegriff religiöser Arroganz hinzuweisen.4 In dieser Sicht ist das Sitzen im Tempel keine Ortsangabe, sondern eine Umschreibung höchster Arroganz. Diese Idee hat vieles für sich zu sprechen, denn die Aussage, dass der Mann der Gesetzlosigkeit im Tempel Gottes Platz nimmt, steht nicht allein im Raum, sondern ist gepaart mit anderen Bezeichnungen über dessen Aktivität:
– er widersetzt sich gegen Gott
– er erhebt sich über alles, was Gott heisst
– er behauptet von sich selbst, Gott zu sein.
Diese Bezeichnungen erinnern stark an parallele Beschreibungen des arroganten Königs von Tyrus im Buch Hesekiel und an die Arroganz des Antiochus Epiphanes im Buch Daniel:

„Menschensohn, sage zum Fürsten von Tyrus: So spricht der Herr, HERR: Weil dein Herz hoch hinaus will und du sagst: ‚Gott bin ich, den Wohnsitz der Götter bewohne ich im Herzen der Meere!‘ — während du doch nur ein Mensch bist und nicht Gott; du aber erhebst dein Herz, als wäre es Gottes Herz.“ (Hes. 28, 2)
Und der König wird nach seinem Belieben handeln, und er wird sich erheben und sich groß machen gegen jeden Gott, und gegen den Gott der Götter wird er unerhörte Reden führen. (Dan. 11, 36)

Paulus erinnert mit seiner vierfachen Bezeichnung des Mannes der Gesetzlosigkeit ohne Zweifel an den Gipfel religiöser Überheblichkeit in den in Hesekiel und Daniel beschriebenen Königen. „Sitzt im Tempel Gottes“ ist eine direkte Anspielung an Hesekiels „den Wohnsitz der Götter bewohne ich.“ Da der König von Tyrus nicht wortwörtlich in einer Wohnung der Götter auf dem Klappstuhl gesessen hat, sondern dies eine metaphorische Umschreibung für seine anmaßende Arroganz ist, liegt es nahe, dass Paulus nie einen Antichristen auf einem Sessel, Sofa oder Schaukelstuhl in einem wortwörtlichen Tempel vor Augen hatte, sondern mit ihm vertrauter Sprache aus dem Alten Testament den Thessalonichern die krasse Arroganz des Mannes der Gesetzlosigkeit vor Augen führen wollte.

Was passiert wann mit dem Mann der Gesetzlosigkeit und der Rebellion/ des Abfalls vom Glauben?

Aus der Kombination der Komponente, ob apostasia ein religiöser Abfall oder ein militärischer Aufstand ist, und der Komponente, was Paulus mit dem Sitzen im Tempel Gottes bezeichnet, bleiben folgende zwei Vorstellungen möglich:

A) Apostasia ist die militärische Rebellion der Juden gegen Rom im jüdischen Bürgerkrieg 70 n.Chr., die vom Mann der Gesetzlosigkeit angeführt wird und zu dessen Vernichtung und der Zerstörung Jerusalems führt.

B) Apostasia ist der große Abfall der Christen vom Glauben am Ende der Zeit, die vom Mann der Gesetzlosigkeit bewirkt wird, der entweder in der Gemeinde sein Hauptwirken findet und von ihr aus agiert oder von einem wiederhergestellten Tempel in Jerusalem die Weltherrschaft an sich reißt.8

Die Vorstellung, dass Paulus einen religiösen Abfall vom Glauben von Christen gemeint haben könnte, der von einem „Antichristen“ angeführt wird, der von der Gemeinde aus sein Wirkungsfeld entwickelt (oder von einem dritten Tempel im heutigen Jerusalem aus agiert) wird im Kontext von 2 Thes. 2 immer unwahrscheinlicher.

Ohne mich unnötig wiederholen zu wollen, haben wir schon gesehen, dass die von Paulus gewählten Zeitformen in 2 Thes. 2 ein Wirken des Mannes der Gesetzlosigkeit kontemporär mit den ersten Empfängern des zweiten Briefes an die Thessalonicher beschreibt. Eine Beschreibung eines Endzeitszenarios mit Antichrist in Gemeinde oder drittem Tempel ist nicht mit dem Hintergrund von 2 Thes. 2 vereinbar.

Zum Zweiten sprechen die weiteren Ausführungen des Paulus in 2 Thes. 2, 8-12 stark gegen die Vorstellung, dass der „Mann der Gesetzlosigkeit“ die Gemeinde zum Abfall vom Glauben bringt. Der Ausgang der Rebellion/ des Glaubensabfalls, welche durch den Mann der Gesetzlosigkeit inspiriert wird (zuerst in 2 Thes. 2, 3 erwähnt) wird in 2 Thes. 2, 8-12 beschrieben:

„… und dann wird der Gesetzlose geoffenbart werden, den der Herr Jesus beseitigen wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten durch die Erscheinung seiner Ankunft;  9 ihn, dessen Ankunft gemäß der Wirksamkeit des Satans erfolgt, mit jeder Machttat und mit Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit jedem Betrug der Ungerechtigkeit für die, welche verloren gehen, dafür, dass sie die Liebe der Wahrheit zu ihrer Errettung nicht angenommen haben.  11 Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben,  12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit.“

Die Menschen, die in 2 Thes. 2, 11-12 die Lüge anstelle der Wahrheit glauben und deshalb mit Vernichtung gerichtet werden, sind nicht Individuen, welche mit 2 Thes. 2, 3-7 nichts zu tun haben, als ob Paulus wirr mit seinen Gedanken von einem Thema zum anderen springt, sondern es sind genau die Menschen, welche an der Rebellion/ dem Abfall in Gefolgschaft gegenüber dem Mann der Gesetzlosigkeit treten! Er verführt sie mit Wundern, Zeichen und Lügen (2 Thes. 2, 9) und weil sie seine Lügen mehr glauben als die Wahrheit (2 Thes. 2, 11) werden sie genauso im Gericht zerstört, wie der Mann der Gesetzlosigkeit selbst (2 Thes. 2, 4, 8 12)! Die Beschreibung dieser Menschen liest sich allerdings eher so, als ob sie Leute sind, welche nie an Jesus geglaubt haben, als Menschen, die einmal im Glauben standen und danach abgefallen sind! Paulus schreibt, sie haben die Liebe der Wahrheit zu ihrer Rettung NICHT ANGENOMMEN. Hätte bei einem Abfall vom Glauben Paulus nicht geschrieben, „sie haben die Liebe der Wahrheit verlassen“? „Nicht angenommen“ klingt für mich, bis ich vom Gegenteil überzeugt bin, deutlich dafür, dass diese Menschen nie die Wahrheit glauben wollten!

Nur einen Vers später (2 Thes 2,13) setzt Paulus Christen in einen deutlichem Kontrast zu diesen Menschen:

„Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, daß Gott euch von Anfang an erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit,  14 wozu er euch auch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.“

Die Erwählung Gottes garantiert bei Paulus, dass Christen NICHT zu den Leuten gehören, die vom Mann der Gesetzlosigkeit mit Lügen verführt werden und das Gericht Gottes erleben. Von Anbeginn der Welt waren die Gläubigen von Gott zur endgültigen Rettung vorherbestimmt und haben deshalb die Wahrheit, welche Paulus mit dem Evangelium predigte, geglaubt. Der Gegensatz der zwei Gruppen, welche in 2 Thes. 2, 10-14 beschrieben wird, könnte nicht größer sein. Christen lieben die Wahrheit des Evangeliums, die Nachfolger des Mannes der Gesetzlosigkeit haben sie nie angenommen. Christen sind durch die souveräne Erwählung Gottes zur ewigen Rettung bestimmt, Nachfolger des Mannes der Gesetzlosigkeit werden vernichtet. Christen sind durch das Evangelium von Gott berufen, die Nachfolger des Mannes der Gesetzlosigkeit werden von Gott durch die Kraft des Irrwahns heimgesucht. Ich kann beim besten Willen nicht mehr glauben, dass es noch möglich ist, dass Paulus sich einen Mann der Gesetzlosigkeit vorstellt, der erwählte, gerettete, von Gott geliebte Christen verführt und ausgerechnet in ihrer Mitte seine vollste Wirkung entfaltet. Die Idee, dass 2 Thes. 2 einen endzeitlichen Abfall der Christen beschreibt, gewirkt durch einen Antichristen inmitten der Kirche, hat durch den Kontext der Passage jede Glaubwürdigkeit verloren!

Eine militärische Rebellion angeführt durch den Mann der Gesetzlosigkeit ergibt besten Sinn in der Korrespondenz des Paulus an die Thessalonicher.

Die glaubhafteste Alternative des Verständnisses von 2 Thes. 2 ist in meiner Betrachtung, dass Paulus von der jüdischen Rebellion gegen Rom spricht, die von einem (für uns leider unbekannten) Mann der Gesetzlosigkeit inspiriert wurde. Die vorhergesehene gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes durch die römischen Truppen und die Zerstörung Jerusalems waren für Paulus das klare Zeichen dafür, dass Christus selbst Macht über die Nationen von Gott dem Vater (Dan. 7, 13-14) bekommen hat und diese benutzt, um die jüdische Nation für ihre hartnäckige Weigerung, den Messias Gottes anzunehmen, zu richten.

In den Evangelien finden sich vielfältige Hinweise, dass Christus das jüdische Volk immer wieder aufgerufen hat, Buße zu tun und Ihm zu glauben, um nicht militärische Vernichtung zu erleiden! Auf den Hinweis, dass der Römer Pontius Pilatus Galiläer mit Hilfe seiner römischen Truppen während einer Opferhandlung umgebracht hat, antwortet Jesus seinen Zeitgenossen „Tut Buße, damit ihr nicht auf gleiche Weise umkommt!“ (Lukas 13, 1-5). Dem Baum, der keine Frucht (in Form von Hingabe zu Christus) zeigt, wird eine Gnadenfrist gewährt, bis er vernichtet wird (Lukas 13, 6-9). Die Stadt, welche die Einladung beim Hochzeitsfest des Sohnes Gottes nicht annimmt, wird von Soldaten vernichtet werden (Matt. 22, 1-10)! Die Aufforderung von Jesus an Petrus „Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort! Denn alle, die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen“ (Matt. 26, 52) war kein poetischer Appell an einen universellen Gewaltverzicht. Es war eine Ansage an Petrus, die im jüdischen Kontext des ersten Jahrhunderts, in welchem ein großer Teil der Juden bereits in den 30-er Jahren Gedanken hegte, sich gegen Rom aufzulehnen, besten Sinn ergibt, indem Jesus Petrus auffordert die Agenda des jüdischen Volkes nicht mit seiner Agenda als Gottessohn zu vermischen. Christus nachfolgen bedeutet Verzicht auf Rebellion gegen Rom und seine Soldaten. Die einzige Alternative mit einer Entscheidung gegen Christus war korrespondierenderweise für Juden eines Tages das Schwert gegen Rom zu erheben. Die Idee einer militärischen Rebellion gegen Rom und deren Scheitern war 52 n. Chr. nicht neu, sondern unter Christen durch die Vorhersagen von Jesus bekannt.

Paulus hatte in 1 Thes 4, 13 – 5,3 die Wiederkunft von Christus am Ende der Zeit ausführlich beschrieben. Dass die Thessalonicher nur wenige Wochen danach immer noch völlig konfus in Bezug auf die Rückkehr von Jesus waren und Paulus dasselbe Thema mit nicht-vereinbarenden Aussagen zu 1 Thes. 4 nochmals aufgreift, grenzt an absolute Unmöglichkeit.

Das Ankommen von Christus in 2 Thes. 2 und die Verwirrung der Thessalonicher darüber hat einen anderen Hintergrund. Wahrscheinlich hat Paulus den Thessalonichern im Angesicht ihrer Verfolgung durch die jüdische Gemeinschaft vor Ort (2 Thes. 2, 5; 1 Thes. 1, 6; 2, 14-16) davon erzählt, dass es in Hinblick auf die jüdische Verfolgung der Christen nicht immer so weiter gehen wird. Es wird eine historische Machtdemonstration des Christus geben, durch welche offensichtlich werden wird, dass Christus tatsächlich der Messias ist und von Gott dem Vater Macht und Autorität bekommen hat, da er wie in Dan. 7 zu Gott dem Vater GEKOMMEN ist, um das Erbe der Nationen zu erhalten. Dieses KOMMEN von Christus wird in der militärischen Vernichtung Seiner Feinde deutlich werden (Matt. 26, 64; 24, 29-35). Der militärischen Vernichtung Jerusalems folgt schon nach Vorhersage von Jesus eine neue Welle der Evangelisation (siehe Matt. 24, 31; Matt. 22, 1-10: der Zerstörung der Stadt durch Soldaten in Vers 8 folgt die Einladung von Menschen außerhalb des Landes durch die Sklaven des Königs! Auch in 2 Thes. 2, 1 folgt dem KOMMEN von Christus eine erfolgreiche Welle der Evangelisation „unsere Sammlung zu Ihm“ (gr. episunagoogee ep auton – siehe dazu die Kommentar im letzen blog.).

Die Thessalonicher waren vor Eintreffen des zweiten Briefes des Paulus beunruhigt, nicht weil sie dachten, dass sie die zweite Wiederkunft von Jesus verpasst hatten, sondern weil sie gehört hatten, dass das KOMMEN von Jesus in Machtdemonstration (Dan 7) schon geschehen sei. In ihrem Umfeld hatte sich aber nichts geändert und sie litten immer noch unter Verfolgung (2 Thes. 1, 5). Auch in Jerusalem und Judäa ging es weiter wie bisher. Wo war das Zeichen der Machtergreifung von Christi, welches durch ein KOMMEN in Gericht offenbar werden sollte?

Auf diese Sorgen antwortet Paulus in 2 Thes. 2 mit Vorhersagen, die den Thessalonichern bereits bekannt waren. Dem KOMMEN von Christus in Macht (in Form von Dan. 7) geht das Kommen des Mannes der Gesetzlosigkeit voraus, der die schwelende Stimmung zur Rebellion in Judäa gegen Rom zur tatsächlichen militärischen Rebellion ausnutzen wird. Vielleicht verbindet Paulus an dieser Stelle sogar die religiöse Bedeutung des Wortes apostasia mit der militärischen Bedeutung. Der religiöse Abfall der Juden von Gott gipfelt in ihrem Versuch, gegen Rom militärisch vorzugehen. Die Idee einer gewaltsamen Erhebung war immer, mit einer militärischen Rebellion das Reich Gottes in Judäa wiederherzustellen!

Paulus beruhigt die Thessalonicher also, dass die Machtdemonstration von Christus noch nicht passiert sein kann, weil sowohl die militärische Rebellion der Juden als auch das Auftreten des Mannes der Gesetzlosigkeit noch nicht passiert ist. Vielleicht war Paulus und den Thessalonichern die Identität dieses Mannes schon bekannt. Auf alle Fälle wussten sie, wer diesen Mann 52 n.Chr. noch zurückhält.

Es sollte noch 14 Jahre dauern, bis die Rebellion gegen Rom losbrach. Und noch 18 Jahre, bis sich die Verheißungen erfüllten, dass Christus diesen Mann mitsamt Tempel und Jerusalem (mit Hilfe der römischen Truppen) vernichtete. Vorschläge, wer dieser Mann der Gesetzlosigkeit gewesen sein mag, reichen von Nero,dem jüdischen Hohepriester Phannias6 bis zu dem Zeloten Johannes Levi Gischala.7 Ein jüdischer Anführer erscheint mir im Kontext von 2 Thes. 2 die plausibelste Erklärung. Falls der Mann der Gesetzlosigkeit in der Literatur noch irgendwo erwähnt wird, dann wohl nur in der Beschreibung des jüdischen Historikers Josephus in seinem Werk Der Jüdische Krieg. Wenn er da nicht zu finden sein sollte, ist wohl die Identität des Mannes für uns vollkommen verloren gegangen.

Hat der Mann der Gesetzlosigkeit irgendwelche Relevanz für unsere Zeit?

Die Tatsache, dass der Mann der Gesetzlosigkeit vergangene Geschichte anstelle Zukunftserwartung ist, bedeutet nicht, dass Christen die vorperforierten Seiten ihrer Bibel zum Entfernen von 2 Thes. 2 benutzen sollten. Geschichte anstelle von Zukunft bedeutet nicht Mangel an Relevanz, sondern veränderte Bedeutung für unser Leben. 2 Thes. 2 lehrt uns also nicht das Fürchten über das zukünftige Kommen des Antichristen, sondern bestärkt unsere Sicherheit, dass Christus wirklich der ist, der zu sein Er behauptet hat. Auch wenn wir die Identität des Antichristen nicht kennen, die Vorhersage seiner Person in Verbindung mit der jüdischen Rebellion zeigt, dass Christus und Paulus die Zukunft akkurat vorher gesagt haben.

Die Ereignisse der Zerstörung Jerusalems 70 n.Chr. und die gähnende Leere der Ansicht des Tempelberges 2015 n.Chr. sind deutliches Indiz, dass Jesus tatsächlich in den Wolken des Himmels zu Gott dem Vater gekommen ist, und dass tatsächlich Ihm gegeben wurde: „Herrschaft und Ehre und Königtum, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum so, daß es nicht zerstört wird.“ (Dan. 7, 13-14). 2 Thes 2 und unsere Geschichtskenntnisse führen uns – wie die Thessalonicher – zu einer neuen Zuversicht und Hingabe, „fest zu stehen und die Überlieferungen zu halten, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief“ (2 Thes. 2, 15).

1 Daniel B. Wallace,Greek Grammar Beyond the Basics. 1996, 613-17.
2 siehe z.B. Gene L. Green,The Letters to the Thessalonians.. 2002, 306-309. Green argumentiert, dass die Terminologie des Wortes in sich selbst impliziert, dass jemand ein authentisches Teil einer religiösen Bewegung gewesen sein muss, um „ab“-„fallen“ zu können. Man muss also „dran“ gewesen sein müssen, um „ab“ zu fallen. Das Argument überzeugt allerdings nicht, weil es mehr in das Wort hinein legt, als es sagen will. Das Wort wird für eine Abkehr von Gott verwendet, ohne dabei zu implizieren, was der geistige Status der Menschen vorher war.
3 William Hendricksen,I and II Thessalonians. 1995.
4 I. Howard Marshall,1 and 2 Thessalonians. 1983, 191-92. F.F. Bruce, 1 & 2 Thessalonians. 1982, 169. Gordon Fee, The First and Second Letter to the Thessalonians. 2009, 284.
5 Kenneth Gentry,He Shall Have Dominian. 1992.
6 I. Gary DeMar,Last Days Madness. 1999.
7 John Bray,The Man of Sin of 2 Thessalonians 2. 1997.
8 Rein rechnerisch ergeben sich aus 2 möglichen Bedeutungen für apostasia und vier Möglichkeiten, was Paulus mit „nimmt seinen Platz im Tempel Gottes“ meint insgesamt 8 Vorstellungen, was in 2 Thes. 2 passiert. Einige Kombinationen sind aber nicht miteinander vereinbar, wie zum Beispiel dass apostasia der Abfall der Christen am Ende der Zeit ist und „sitzen im Tempel Gottes“ den real existierenden Tempel im ersten Jahrhundert beschreibt. Deshalb werden im Allgemeinen auch nur die beiden angeführten Möglichkeiten (in minimalen Variationen) von Exegeten überhaupt in Erwägung gezogen.
9 siehe Joh. 6, 16 und die Beschreibung der Rebellion durch Josephus in Der Jüdische Krieg.