Nicht geheilt – Gott dran schuld? Teil 1

Der Tatsache ins Auge gesehen: die meisten Menschen werden trotz intensiver Gebete nicht sofort übernatürlich geheilt. Warum nicht? Wer ist Schuld? Gott kann nie daran Schuld sein. Oder?

Ich glaube an übernatürliche Heilung! Die „Gaben der Heilung“ und das „Wirken von Wundern“ wie sie in 1 Korinther 12, 9-10 beschrieben werden, sind auch heute noch in der Gemeinde wirksam. Die vier wichtigsten Einwände gegen den Glauben an das Wirken von charismatischen Gaben in der heutigen Zeit sind die folgenden:

1.) Wunder und spektakuläre Heilungen wurden nur von Jesus oder den Aposteln gewirkt, um ihre Predigt des Evangeliums zu bestätigen;

2.) Die charismatischen Gaben aus 1 Korinther 12 hörten mit der Vollendung des Biblischen Kanons, also mit dem Schreiben der 27 Büchern des Neuen Testaments, auf zu existieren;

3.) „Christliche Wunderheiler“ (besonders die im Fernsehen) sind oft exzentrische Persönlichkeiten mit schrägen theologischen Ansichten – unwahrscheinlich, dass Gott solche Menschen mit übernatürlichen Kräften begabt;

4.) Mangel an persönlichen Erlebnissen: „Ich kenne niemanden, der eine vom Arzt bestätigte übernatürliche Heilung erlebt hat.“

Keiner der Einwände kann jedoch bei genauer Untersuchung aufrecht gehalten werden. 1.) Wunder, Heilungen und andere übernatürliche Geistesgaben (Charismata) wurden nicht nur von Aposteln ausgeübt, sondern von normalen Christen der ersten Gemeinde. Wenn man 1 Korinther 12, 7-10 liest, bekommt der Leser den Eindruck, dass Charismata nach dem Willen Gottes verschiedenen Menschen in der Gemeinde gegeben wurden – bei weitem nicht nur den Aposteln: „Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum allgemeinen Nutzen gegeben. Denn einem wird durch den Geist die Rede der Weisheit gegeben, … einem anderem aber Gnadengaben der Heilungen von demselben Geist, einem anderen aber Wunderheilungen…“ Es ist einfach unvorstellbar, dass Paulus mit diesen Versen aussagen wollte, dass niemand in Korinth Gaben der Heilungen oder Wunder von Gott bekam, als nur die Apostel. Dies wird einfach noch unvorstellbarer, wenn man sich 1 Korinther 12, 28 ansieht, wo die Gabe des Apostels eine klar getrennt Gabe von der der Heilung und Wunder ist: „Gott hat in die Gemeinde gesetzt, erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wunder, dann Gaben der Heilungen…“ Heilungen und Wunder sind zusätzliche Gaben zu den der Apostel, Propheten und Lehrer. Die Korinther haben Heilungen und Wunder erlebt, auch wenn Paulus nicht vor Ort war. Den Galatern ging es ähnlich. Wenn Paulus schreibt „Derjenige, der euch den Geist schenkt und Wunder unter euch wirkt, tut er dies durch Werke des Gesetzes oder durch die Botschaft des Glaubens?“ Die offensichtliche Bedeutung dieses Verses ist, dass Gott Wunder in den Gemeinden der Galater durch den Heiligen Geist gewirkt hat, weil die Menschen der Botschaft der Rettung durch Glauben allein an Christus allein (ohne Werke) vertrauen. Die Zeitform von „der Wunder unter euch wirkt“ (im Griechischen ein Partizip im aktiven Präsens) zeigt, dass Gott Wunder nicht nur punktuell einmal beim Besuch des Paulus gewirkt hat, sondern dass es ein anhaltender kontinuierlicher Prozess des Wunderwirkens gewesen ist, den die Galater auch ohne die Gegenwart des Paulus immer wieder erlebt haben.

Zwar ist es richtig, dass Wunder zur neutestamentlichen Zeiten von Gott ausdrücklich gegeben wurden, um die Botschaft des Evangeliums zu authentizieren, aber erstens gibt es keinen Grund anzunehmen, dass diese Bestätigung des Evangeliums nicht auch noch heute passieren kann und zweitens ist die Valedierung des Evangeliums nicht der einzige Zweck zu dem Wunder und Heilungen von Gott geschenkt werden. Bezüglich der Frage, ob Wunder das Evangelium nur im ersten Jahrhundert oder auch noch heute bestätigen schreibt Wayne Grudem „Ob dieser Zweck nur gültig war, als das Evangelium in der ersten Zeit gepredigt wurde (bevor das Neue Testament geschrieben war), oder ob er während des gesamten Gemeindezeitalters gültig bleibt, hängt davon ab, was die Wunder unserer Ansicht nach bestätigen: Bestätigen Sie nur die absolute Wahrhaftigkeit der Worte der Heiligen Schrift … oder werden Wunder zur Bestätigung der Wahrheit des Evangeliums im Allgemeinen gegeben, wann immer es gepredigt wird? Mit anderen Worten, bestätigen Wunder die Heilige Schrift oder das Evangelium?“1 Grudem zeigt im weiteren Verlauf seiner Argumentation, dass Wunder nicht nur von Aposteln gewirkt wurden, welche die Schriften des Neuen Testaments zu Papier (bzw. Papyrus) brachten, sondern auch von „Nicht-Aposteln“ gewirkt wurden, die nie an der Niederschrift des Neuen Testaments beteiligt waren. Ein prominentes Beispiel ist Philippus in Apostelgeschichte 8, 6-8. Das heisst, Wunder wurden von Gott gegeben, nicht um die Heilige Schrift des Neuen Testaments als wahr zu bestätigen, sondern um der Predigt des Evangeliums Nachdruck zu verleihen, um Glauben bei den Hörern zu wecken (siehe z.B. Apg. 9, 35, 42). Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum dies heute nicht auch noch geschehen kann. Weiterhin war die Bestätigung des Evangeliums nicht der einzige Grund, wozu Wunder und Heilungen von Gott gewirkt werden. Ein zweiter Grund warum Gott Heilungen und Wunder bewirkt, ist, um der Not Seiner Kinder in Barmherzigkeit zu begegnen. Die Zwei Blinden vor der Stadt Jericho riefen zu Jesus „Habe Barmherzigkeit mit uns“ und „aus Mitgefühl“ heilte Jesus die zwei Männer (Matt. 20, 30-34). Drittens, die übernatürlichen Geistesgaben in der Gemeinde wurden laut Paulus gegeben, damit es eine gegenseitige „Fürsorge“ in der Gemeinde gebe (1 Kor. 12, 25). Gebete für übernatürliche Heilung sind Teil der liebevollen Zuwendung die sowohl von Gott als auch durch unsere christliche Familie (die Gemeinde) erfahren. Und viertens, Wunder dienen dazu, Christus zu verherrlichen.  Nachdem Jesus einen Gelähmten heilte „verherrlichten die Menschen Gott“ (Matt. 9, 8). Letzendlich dienen alle Heilungen und Wunder dazu, die Güte und Größe Gottes zu zeigen, der mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Gnade, die wir bei weitem nicht verdient haben, in das Leben von Menschen eingreift.

Der zweite Einwand gegen Heilungswunder, dass die charismatischen Gaben aus 1 Korinther 12 hörten mit der Vollendung des Biblischen Kanons aufgehört haben zu existieren, wird mit folgender Aussage aus 1. Kor. 13, 8-10 begründet: „Die Liebe hört niemals auf. Doch prophetisches Reden, Zungenrede und übernatürliche Erkenntnis wird aufhören. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser Reden ist Stückwerk. Wenn aber das Vollkommene kommen wird, so wird as Stückwerk aufhören.“ Das Vollkommene ist in dieser Argumentation die Fertigstellung der Schriften des Neuen Testaments. Mit ihr hören Prophetie, Sprachenrede und alle anderen übernatürlichen Gaben des Heiligen Geistes auf.

Interessanterweise ist die zitierte Stelle nicht nur kein gutes Argument für das Aufhören des Wirkens von Geistesgaben im ersten Jahrhundert, es ist eines der besten Stellen im Neuen Testament, welches klar zeigt, dass die übernatürlichen Geistesgaben auch heute noch existieren können. Dreh- und Angelpunkt eines korrekten Verständnisses, was Paulus hier sagen möchte, ist die Identifikation des „Vollkommenen, was kommen soll.“ Paulus meint dabei auf keinen Fall die Entstehung der Bibel. Er lässt den Leser auch nicht Rätsel raten, was er mit dem „Vollkommenen“ meint, sondern definiert dies ganz klar für uns im folgenden Verse 12: „Denn jetzt [also zum Zeitpunkt, an dem das „Vollkommene“ noch nicht da ist] sehen wir wie in einem Spiegel, ein indirektes Bild, dann aber [also wenn das Vollkommen da ist] von Angesicht zu Angesicht. Jetzt [wiederum zum Zeitpunkt, an dem das „Vollkommene“ noch nicht da ist] sehe ich stückweise, dann aber [wenn das Vollkommen da ist] werde ich erkennen, wie ich [von Gott] erkannt bin. Das Vollkommene ist eindeutig die Wiederkunft von Jesus und die Auferstehung des Körpers mit welchen wir Gott von Angesicht zu Angesicht direkt sehen können und nicht die Fertigstellung des Neuen Testaments – oder möchte jemand behaupten, dass wir jetzt schon, da die Bibel komplett ist, auf dieselbe perfekte Weise Gott kennen, wie Er uns im kleinsten Detail kennt? Das „Vollkommene“ ist noch Zukunft. Und natürlich werden wir die übernatürlichen Geistesgaben nicht mehr benötigen, wenn wir direkt vor Gott stehen – aber bis dahin, so Paulus, wirken sie. Bis das „Vollkommene“ da sein wird, sind wir davon abhängig, Gott durch Prophetie, Geistesgaben, etc. kennen zu lernen. Bis zu Seinem Kommen werden die übernatürlichen Gaben des Geistes, incl. Heilungen und Wunder weiter existieren.

Mit dem dritten Argument gegen die Präsenz von übernatürlichen Heilungen im 21. Jahrhundert, nämlich dass „Christliche Wunderheiler“ oft exzentrische Persönlichkeiten mit schrägen theologischen Ansichten sind, kann ich am meisten Sympathie haben. Wenn ich im Fernsehen wild gestikulierende Heiler erlebe, welche mehr Zeit für das Opfersammeln verwenden als für Heilung zu beten und offensichtlich die Intention der von ihnen zitierten Bibelstellen und Meilen verpassen, möchte ich mit diesen Leuten nichts zu tun haben. Wenn meine Nicht-charismatischen Freunde mir dann entrüstet erzählen, dass dies doch nicht das sein kann, was Paulus in 1 Korinther unter der Ausübung von Geistesgaben verstanden wissen wollte, kann ich ihnen nur zustimmen! Allerdings bei allem Ärger über den Missbrauch von Geistesgaben, ist dies kein Ausschlusskriterium, dass es einen guten Gebrauch des übernatürlichen Wirken Gottes dennoch gibt. Missbrauch ist kein Disqualifizierungsfaktor für einen ordentlichen Gebrauch von Geistesgaben. Ein Missbrauch der Heiligen Schrift aufgrund falscher Auslegung von Sektenpredigern wie die Zeugen Jehovas, o.ä. disqualifiziert ja dadurch auch nicht die Bibel als solches, sondern nur diesen einzelnen Fall des Missbrauches. Nur weil Menschen falsch auslegen, nimmt ja auch keiner an, dass es gar keine richtige Auslegung gibt. Und nur weil es schwarze Schafe bei nicht-charismatischen Baptistenpredigern gibt, ist es sicher nicht legitim alle Baptisten als „vom Teufel“ abzuschreiben. Sollte uns der Missbrauch nicht gerade anspornen, der Welt zu zeigen, was Gott wirklich mit dem Wirken der Geistesgaben vorhatte, als sie allein Fanatikern und Schwindlern zu überlassen?

Der vierte Einwand, dass man nicht an Wunder glaubt, weil man sie nicht gesehen hat, ist zwar menschlich auch nachvollziehbar, aber logisch nicht präzise reflektiert. Es ist zwar korrekt gedacht, dass Dinge, die ich erlebt habe, real sein müssen (Halluzinationen mal ausgenommen), aber der Umkehrschluss, dass Dinge, die ich nicht erlebt habe, nicht wahr sind, ist nicht legitim. Die menschliche Wahrnehmung ist nicht ultimatives Entscheidungskriterium, was real ist und was nicht. Erstens ist es möglich, in Wahrnehmung zu wachsen. Meine Tochter glaubt mir viele der Erzählungen von afrikanischen Tieren, obwohl sie diese noch nie gesehen hat. (Ich  hoffe, dass sie diesen offensichtlichen Nachteil durch eine gemeinsame Safari mit ihrem Papa ausgleichen wird.) Zweitens sind auch Dinge, die wir nicht erleben oder, real existent. Ich habe noch nie eine Auferstehung gesehen, bin aber ohne Zweifel überzeugt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Ich habe noch nie einen Engel gesehen, kann aber die Existenz übernatürlicher Geisteswesen deshalb nicht leugnen. Wahrheitskriterium ist in diesem Fall Gottes Wort allein – es bleibt richtig und sein Inhalt real, auch wenn ich es noch nicht auf diese Weise erlebt habe.

Die eigentliche Frage dieses blogs war allerdings, wenn Gott auch heute noch übernatürlich heilt, warum sind so viele Menschen – Christen wie Nichtchristen – immer noch krank und nicht geheilt sind. Wer ist daran Schuld, wenn trotz Gebet jemand nicht geheilt wird? Liegt es am Kranken, oder am Betenden? An Gott kann es doch wohl nicht liegen, oder?

Fortsetzung folgt…

1 Wayne Grudem, Biblische Dogmatik. 2013, 398.