Petrus – Glaubensheld oder zweifelnder Versager?

Ich schlage vor, dass Bibelkommentare und Theologische Fachzeitschriften eine Humor-Spalte einrichten. Denn viele neue Interpretationen guter alter Bibelgeschichten verdienen meist ihren Platz genau da – im Genre Spaß & Scherz. So amüsiert zum Beispiel William Barcleys Vorschlag, „die Brotvermehrung in Matt. 14 sei dadurch entstanden, dass Jesus durch Sein Vorbild die Volksmassen dazu bewegt hat, ihr essen zu teilen“1 noch heute so manchen Leser.

Als in der Zeitschrift Faszination Bibel ein Artikel2 erschien, der vorschlug, dass der Schritt von Petrus aufs Wasser (Matt. 14, 22-33) in Wirklichkeit ein Zeichen von Zweifel an Jesus war, wussten einige meiner Freunde nicht, ob sie genüsslich lächeln oder die Überlegungen der neuen Auslegung ernst nehmen sollten. Was war denn jetzt los mit Petrus? Sollten wir ihn weiter dafür bewundern, dass er den Schritt aufs Wasser gewagt hat? Oder war das Wasserlaufen eine eigensinnige Idee von Petrus, die seinen Zweifel am Herrn ausdrückt? War es die Absicht von Jesus den Jüngern zu lehren, im sicheren Boot zu bleiben und zu warten, bis Er zu Ihnen kommt? Was wollte Matthäus überhaupt mit der Geschichte des Laufens auf dem Wasser erzählen? Mindestens einen Vorteil haben die neuen abenteuerlichen Interpretationsvorschläge. Sie hinterfragen uns, ob wir nur die Geschichte gut kennen oder auch den eigentlichen Sinn verstanden haben.

Die Begebenheit an sich selbst kennt fast jeder: auf dem Weg ans andere Ufer des Sees Genezareth werden die Jünger von Jesus mitten auf dem See von einem Sturm überrascht. Als Jesus auf dem Wasser geht und sich dem Boot nähert, sind die zwölf außer sich vor Angst. Das Rufen von Jesus „Seid guten Mutes, ich bin (es)“ drängt Petrus dazu, Jesus zu fragen, „wenn du es bist, befiehl mir auf dem Wasser zu dir zu kommen.“ Sobald das „Komm“ von Jesus erschallt, schwingt sich Petrus aus dem Boot und vollbringt das nie da gewesene – er läuft auf dem Wasser. Als er dann doch auf die Wellen sieht, geht er unter und ein „Herr, rette mich!“ ruft Jesus wieder auf den Plan, der Petrus mit seiner starken Hand aus dem Wasser zieht und ihn fragt: „Oh du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Die zentralen Punkte der Interpretationsidee „Petrus hat gezweifelt“ sind auch schnell wiedergegeben:

– Jesus wollte eigentlich, dass die Jünger alle im Boot bleiben, als er rief „Ich bin (es).“

– Es war eine Schnapsidee von Petrus, auf dem Wasser zu gehen. Er hätte einfach glauben sollen, dass alles gut ist, wenn Jesus sagt, „Ich bin (es).“ Es wäre nicht nur nicht nötig gewesen, auf dem Wasser zu gehen, sondern es ist ein Zweifeln an Jesus im Sinne, dass er erst glaubt, wenn Jesus sich noch einmal durch ein extra-Wunder bestätigt.

– Die Aussage von Jesus „warum hast du gezweifelt“ bezieht sich nicht auf Petrus Blickrichtung zu den Wellen und sein Sinken als Konsequenz, sondern auf Petrus‘ Frage „Wenn du es bist, befiehl mir…“

Im folgenden möchte ich die wichtigsten vorgebrachten Argumente für die Auslegung „Petrus war ein Zweifler in Matt. 14“ auf ihre Plausibilität überprüfen:

1.) Ulrich Wendel behauptet dass das „wenn“ in „Wenn du es bist, dann befiehl mir…“ (Matt. 14, 28) andeutet, dass Petrus Zweifel an der vorangegangen Aussage von Jesus hatte. Er schreibt: „Ist das [„wenn“] die Stimme des Glaubens? ‚Jesus ich hab’s begriffen, und jetzt traue ich dir alles zu‘? Oder ist es nicht vielmehr die Stimme des Zweifels: ‚Wenn…‘ – Ich glaube dir erst, wenn du dich noch einmal extra beglaubigst‘?“3

Hier legt Wendel mehr in den Text, als dieser hergibt. Im Griechischen wird das „wenn“ in Matt. 14, 28 durch einen Bedingungssatz erster Klasse ausgedrückt (durch ein einfaches ei + Verb im Indikativ). Diese grammatikalische Konstruktion drückt aus, dass der Schreiber um des Arguments willen den ersten Teil (Protasis) des Bedingungssatzes für wahr erachtet. Ob dieser tatsächlich wahr ist oder nicht, oder ob der Sprecher tatsächlich glaubt, ob er wahr ist oder nicht, wird offen gelassen. Die grammatikalische Konstruktion an sich zeigt also nicht an, ob Petrus mit dem „wenn“ gezweifelt hat. Als Jesus in Matt. 12, 28 sagt: „Wenn (!) ich durch den Geist Gottes Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes unter euch gekommen“ (selbe grammatikalische Konstruktion wie Petrus‘ „wenn“ in Matt. 14, 28), dann zweifelt Jesus nicht daran, dass er Dämonen ausgetrieben hat! Hier könnte man übersetzten: „da ich Dämonen durch den Geist Gottes austreibe.“ Es ist also grammatikalisch möglich, dass das „wenn“ keinen Zweifel ausdrückt und Petrus auch keinen Test verlangt, sondern meint „Da du es bist (und ich es glaube), dann lass mich die gleichen Wunder tun, wie du!“ Ob Petrus gezweifelt hat oder nicht, wird nicht durch das „wenn“ ausgedrückt, sondern muss der Kontext entscheiden.

2.) Weiterhin behauptet Ulrich Wendel, dass Petrus auf diesselbe Art und Weise zweifelt wie Thomas in Joh. 20, 25: „Also derselbe Zweifel, wie später Thomas ihn hatte: ‚Wenn (!) ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.‚“4

Hier begeht der Autor gleich zwei Fehler. Zum ersten ist die Methodik fraglich, zu einer Erklärung eines synoptischen Evangeliums, eine Begebenheit aus dem Evangelium des Johannes dazu zu ziehen. Dies ist im Normalfall nicht legitim. Viel bedeutender ist jedoch, dass beim „wenn“ des Thomas eine völlig andere grammatikalische Konstruktion im Griechischen vorliegt, die AUF KEINEN FALL mit Matt. 12, 28 verglichen werden kann. In Joh. 20, 25 verwendet der Apostel einen Bedingungssatz dritter Klasse (ean + Verb im Konjunktiv), welches tatsächlich ein Ausdruck des Zweifelns ist. Obwohl im Deutschen beide Stellen mit einem „wenn“ ausgedrückt werden, befinden sich in der Griechischen Sprache solche signifikante Unterschiede, dass man niemals eine Ähnlichkeit der Situation herstellen kann.

3.) Der Artikel Missverständnis am See Genezareth behauptet, dass es „Petrus eigene Idee war, auf dem Wasser zu laufen und es noch nicht gesagt ist, dass Jesus es gut findet, was Petrus mit seiner zweifelhaften Bitte will.“5

Der Fortgang der Geschichte deutet in eine andere Richtung. „Obwohl der Vorschlag, auf dem Wasser zu gehen, zuerst Petrus‘ Idee war (Matt. 14, 28), zeigt die Antwort von Jesus, dass er die Idee von Petrus gut findet (Matt. 14, 29)!“6 In den synoptischen Evangelien, wenn Petrus aus Impulsivität eine andere Sichtweise vertritt, als Jesus sie hat, wird er immer zurecht gewiesen (Matt. 20, 26-39; 26, 69-75)! An keiner Stelle bekommen die Jünger ihren Willen, der gegen den Willen von Jesus ist. Weiterhin ist es dem Matthäus-Evangelium fremd, dass Unglaube durch Wunder „belohnt“ wird. Ganz im Gegenteil: „Warum konnten wir den Dämon nicht austreiben? Und Jesus antwortete ihnen: aufgrund eures Unglaubens.“ Es ist die konsistente Theologie des Matthäusevangeliums, dass GLAUBE Wunder bewirkt: „gemäß deines Glaubens geschehe es dir“ (Matt. 9, 29; siehe auch Matt. 8, 10; 9, 2; 9, 22; 15, 28). Es ist höchst unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich, dass ein zweifelnder Petrus, der eine irrsinnige Idee hat, in seinem Unglauben und seinem „Wahn auf dem Wasser gehen zu müssen“ auch noch durch den Befehl von Jesus „Komm“ in seinem Unglauben und seiner „irrsinnigen Idee“ bestärkt wird. Die natürliche Leseart auf einen zweifelnden Petrus, der Jesus eine unmögliche Idee vorschlägt wäre diese: „‚Wenn du es bist, befiehl mir zu dir auf dem Wasser zu kommen.‘ Und Jesus sprach: ‚Du Ungläubiger. Bleib im Boot, wo du bist. Denn du denkst nicht göttlich, sondern menschlich'“ (Siehe Matt. 16, 23). Weiterhin ist anzumerken, dass Petrus nicht einfach nur fragt, ob er auf dem Wasser gehen kann, sondern er bittet explizit darum, auf dem Wasser ZU JESUS zu gehen (Matt. 14, 28). Im nächsten Vers wird dies auch noch einmal wiederholt: Petrus geht ZU JESUS. In Anbetracht der Tatsache, dass Matthäus jeden seiner Worte weise wählt und nicht durch ansonsten unnütze Satzteile Platz füllt, liegt es nahe, dass das „zu Jesus kommen“ in Matthäus sehr positive Assoziationen hat (siehe Matt. 11, 28; 19, 14) und das Kommen von Petrus ZU JESUS Ausdruck Seines Vertrauens in Ihm ist!

4.) David Garland argumentiert, dass Jesus zu Petrus sagt „Warum zweifelst du, du Kleingläubiger“ und er damit sich nicht auf das Untergehen von Petrus beziehen kann, da Petrus an dieser Stelle „Angst“ hat und nicht Zweifel.6

Diese Argumentation hilft aber nicht der Position, die behauptet, dass die Jünger im Boot Glauben hatten und Petrus nicht. Denn schon als alle noch im Boot waren, sagte Jesus „Habt keine Angst!“ und nicht „Zweifelt nicht!“ Angst und Zweifel werden in den Evangelien praktisch als Synonyme angesehen. Angst und Zweifel gehen Hand in Hand und werden beide durch Glaube bewältigt: „Jesus antwortete ihm: ‚fürchte dich nicht, glaube nur'“ (Lukas 8, 50). Es ist innerhalb des Vokabulars der Schreiber der Evangelien völlig legitim Angst als einen Mangel an Glauben zu beschreiben.

5.) Das Schiff steht symbolisch für die Kirche, zu der Jesus kommt, um sie zu retten.7 Jünger sind sicher im Schiff und sollen dort bleiben. Solch eine extreme symbolische Auslegung ist in Anbetracht des Matthäusevangeliums nicht haltbar. Das Boot der Jünger hat keine symbolische Bedeutung und ist einfach nur Teil der real passierten Geschichte. Als die Jünger in Matt. 4, 22 allesamt das Schiff verlassen ist damit auch keine symbolische Aufforderung gemeint, dass Christen fortan alle Gemeinden hinter sich lassen sollen.

Keine der Argumente für einen zweifelnden Petrus überzeugen.8 Im Gegenteil dazu gibt es im Text gute Indizien, dass Petrus‘ Lauf auf dem Wasser tatsächlich ein vorbildhafter Glaubensakt war.
A.) Es ist mit höchster Wahrscheinlichkeit falsch anzunehmen, dass die Jünger im Boot schon geglaubt haben, als Jesus zu ihnen gesprochen hat. Die normale Leseart des Textes ist, dass sie anbeteten, nachdem Jesus ins Schiff gestiegen war (und nachdem sie Petrus auf dem Wasser laufen sahen) und nachdem der Sturm sich übernatürlich legte (Matt. 14, 33). Diese Annahme wird durch die Beschreibung der Parallelstelle in Markus noch verdeutlicht. Markus schreibt als Resümee derselben Geschichte: „Die Jünger aber waren erstaunt und wunderten sich, denn sie hatten das Wunder der Brote nicht verstanden, denn ihr Herz war hart“ (Markus 6, 52-53). Nachdem Jesus auf dem Wasser geht und nachdem der Wind sich bei der Besteigung von Jesus in das Schiff legt, sind die Jünger erstaunt. Dass Markus trotz des ehrfürchtigen Erstaunens der Jünger kommentiert, dass diese „harte Herzen“ hatten, liegt daran, dass Markus ausdrücken will, dass das Erstaunen an sich gut war, aber zu spät kam. Das vorangehende Wunder der Brotvermehrung (Markus 6, 34-44; cf. Matt. 14, 14-21) hätte schon alles klar machen sollen, wer Jesus ist. Es ist aber erst die Begegnung auf dem Wasser und die Sturmstillung, welche die Jünger mit Staunen erahnen lässt, wer Jesus ist. Von „Glauben schon im Boot“ kann keine Rede sein. Petrus ist derjenige, der nicht nur zu glauben wagt, wer Jesus ist, sondern auch noch das persönliche Risiko des Untergehens dafür in Kauf nimmt. Er ist den anderen Jüngern im Glauben nicht hinterher, sondern um Meilen voraus!

Lass uns also noch einmal die Situation vor Augen haben. Laut Markus hatten die Jünger nach der Brotvermehrung (ein gewaltiges Wunder) immer noch nicht den Glauben und das Erstaunen, wer Jesus ist – obwohl dieses Wunder genau das hätte bewirken sollen. Stunden später befinden sich die (nichtglaubenden) Jünger im Boot. Als sie Jesus auf dem Wasser gehen sehen haben sie auch keinen Glauben, sondern Angst, dass es ein Gespenst ist. Ist es tatsächlich plausibel, dass die einfachen Worte von Jesus „Fürchtet euch nicht, ich bin (es)“ die große Wende im Leben der Jünger bringt und diese jetzt voll Glauben und Zuversicht im Boot bleiben? Die Indizien in Matthäus und Markus sprechen dagegen. Nur die reine Gegenwart von Jesus im Sturm hat die Jünger nicht plötzlich „voll Glaubens“ werden lassen. In Markus 4, 38 ist Jesus sogar mit im Boot und anstelle Glauben zu haben, sind die Jünger voller Panik! Das Erstaunen darüber, wer Jesus ist, kommt. Aber nach Markus 6, 53-54 kommt das Erstaunen zu spät. Es kommt erst, nachdem die der Sturm sich legt und es offensichtlich ist, dass Christus der „Sturmbezwinger“ ist. Markus 6 lässt es nicht zu, dass die Jünger im Boot in einen positiven Licht gesehen werden, als ob sie die Glaubenshelden waren, die ohne Zeichen geglaubt haben. Sie haben ja nicht mal mit dem Zeichen der Brotvermehrung geglaubt, geschweige denn ohne Zeichen. Petrus allein sticht in der Erzählung heraus. Obwohl dein Glaube nicht perfekt ist, anfängliche positive Zeichen sind zu sehen.

B.) Es ist schwer, Petrus ein Fehlverhalten unterzujubeln, wenn doch Petrus zu Jesus gehen will und dies nicht versucht, es sei denn Jesus befiehlt ihm dies. Ist das über-Bord-gehen nachdem Jesus „Komm“ gesagt hat, nicht einfacher Gehorsam?! Dass das Wunder auf dem Wasser zu gehen, angeblich „kein erkennbaren Sinn“ hat, liegt wohl eher daran, dass man den Sinn des Wunders nicht verstanden hat, anstelle dass das Wunder keinen Sinn hat. Alle Wunder in den Evangelien sind keine rohen Demonstration von Macht, sondern begegnen den praktischen Nöten der Jünger und offenbaren, wer Jesus ist. Ist es nicht anzunehmen, dass dieses Wunder nicht aus der Reihe fällt und ebenso praktisch und lebensnah für einen Fischer im ersten Jahrhundert ist, wie die Speisung der 5000?! Für einen jüdischen Fischer, der die Gefahren des unberechenbaren Sees Genezareth kennt, ist die Fähigkeit, auf dem Wasser zu gehen, eine Demonstration, den Naturgewalten und Unsicherheiten im Leben mit der Gegenwart des Christus nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein! Praktischer geht es für Fischer gar nicht! Es hat eben auch für die Jünger nicht ausgereicht, Jesus auf dem Wasser zu sehen und die logische Konsequenz zu ziehen, dass sie damit sicher sind! Als Jesus bei ihnen im Boot war (Markus 4, 38), hat die reine Gegenwart von Jesus auch nicht gereicht, zu lernen, dass der Allmächtige Gott in Form des Messiahs mit ihnen ist. Die Lektion wird erst real für sie, als einer von den zwölfen tatsächlich den Mächten der Sturmgewalten nicht mehr unterworfen ist. Gelernt haben sie erst, als sie es erlebt haben. Für Petrus war der „Lauf auf dem Wasser“ eine praktische und wichtige Erfahrung. Sie hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass es für ihn, als es für viele noch neblig war, wer Jesus ist, glasklar war, dass „du der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ bist (Matt. 16, 16 vergleiche mit Matt. 14, 33).

C.) Petrus sinkt, weil er auf den Sturm schaut. Die Gefahr erscheint nun doch größer als das Vertrauen in die Worte von Jesus „Komm!“ Wenn Christus SOFORT die Hand ausstreckt und SOFORT zu Petrus sagt, „warum hast du gezweifelt,“ ist die natürliche Leseart, dass sich der Kommentar von Jesus „warum zweifelst du“ auf die unmittelbar vorherige Situation bezieht. Dass Retten des Petrus vor dem Ertrinken und das Sprechen von Jesus wird im Griechischen Text nicht unterbrochen – es erfolgt in einem Fluss. Mann kann es sich wahrscheinlich so vorstellen, dass während Jesus noch dabei ist, Petrus aus dem Wasser zu zerren, Jesus sagt: warum zweifelst du? Petrus wird nicht erst zurecht gewiesen, als er im Boot ist! Wenn Jesus Petrus korrigieren wollte, dass es Mangel an Glauben war, aus dem Boot auszusteigen, hätte Jesus dies Petrus gesagt, als sie wieder zurück im Boot waren und der falsche Schritt von Petrus abgeschlossen war. So spricht die normale Lesung des Textes klar dafür, dass die Angst des Petrus vor Sturm und Wellen der Mangel an Glauben war, den Jesus korrigiert. Wenn aber Sinken Unglaube war, muss das auf dem Wasser gehen Glauben gewesen sein. Es braucht starke Hinweise aus dem Text, um dies anderweitig zu deuten.

D.) Es ist für die Logik des Argumentationsflusses des gesamten Matthäus-Evangeliums notwendig, dass der Schritt von Petrus ein Akt des Glaubens war. „Petrus auf dem Wasser“ ist keine Geschichte, die kontextlos für sich allein zur freien Interpretation zur Verfügung steht. Sie ist eingebettet in einen größeren Sinn, den Matthäus aufzuzeigen versucht. Wie verknüpft besonders die beiden Geschichten der Speisung der 5000 und „Jesus auf dem Wasser“ sind, haben wir schon aus dem Kommentar von Markus 6, 53-54 gelesen. Den Glauben, den die Speisung der 5000 hervorbringen sollte, wird nun noch einmal durch ein anderes Wunder versucht, zu erwirken. Es funktioniert. Die Jünger wachsen schrittweise im Verständnis, wer Jesus ist. Dies bedeutet aber auch, dass es in Matt. 14 nicht vordergründig um die Rolle des Petrus geht, sondern darum, wer Jesus ist. Dreh und Angelpunkt der Geschichte von „Petrus auf dem Wasser“ ist das Wortspiel „Ich bin (es)“ (Matt. 14, 27) versus „Wenn du es bist“ (Matt. 14, 28), (Gr. ego eimi vs. su ei). Jesus behauptet, dass er „Ich bin (es)“ ist. Diese Behauptung wird im Text auf die Probe gestellt durch die Frage von Petrus „Wenn du es bist.“ NUR wenn das Aufgreifen der Aussage von Jesus „Ich bin (es)“ durch Petrus‘ „Wenn du es bist, dann…“ mit einer Demonstration von Macht durch Jesus hinterlegt wird (sprich, er befähigt Petrus auf dem Wasser zu gehen), macht die Geschichte als ganzes Sinn. Mit „Ich bin (es)“ behauptet Jesus außerordentliche darüber, wer er ist. Dass Matthäus dieselben Worte durch den Mund von Petrus noch einmal wiederholt ist ein absichtliches rhetorisches Mittel. Mit dem, was nach der Frage „wenn du es bist“ folgt, wird die Behauptung von Jesus „Ich bin“ mit Fakten untermauert. Das Wunder, dass Petrus auf dem Wasser geht ist NOTWENDIG, damit Jesu Worte nicht nur leere Phrasen sind. Jesus will, wie bei der Speisung der 5000 durch ein Wunder zeigen, wer Er ist. Petrus musste auf dem Wasser gehen. Jesus wollte, dass Petrus auf dem Wasser geht. Ohne ein Wunder steht die gewaltige Behauptung von Jesus „Ich bin (es)“ nur als leeres Wort da.

Was Jesus mit dem Wunder über sich selbst sagen wollte und was die ganze Geschichte eigentlich bedeutet, dazu mehr im nächsten blog.

1 William Barcley, The Gospel of Matthew. Vol. 2. 1975, 102-03. 1996, 15.
2 http://www.faszination-bibel.net/druckansicht/probelesen/artikel/ansicht/missverstaendnis-am-see-genezareth192465.html.
3 Ibid, 30.
4 Ibid.
5 Ibid.
5 Craig S. Keener, A Commentary on the Gospel of Matthew. 1999, 407.
6 David E. Garland, Reading Matthew. 2001, 159.
7 Ibid.
8 Wendels Ausführungen über das „Vorübergehen“ von Jesus als Ausdruck der „Offenbarung Gottes“ ist kein Argument gegen einen Glaubensschritt des Petrus. Es ist nicht legitim eine Anmerkung, die NUR im Markusevangelium vorhanden ist, als Erklärungsversuch eines Phänomens zu benutzen, welches NICHT im Markusevangelium, sondern nur im Matthäusevangelium verzeichnet ist.
9 http://www.faszination-bibel.net/druckansicht/probelesen/artikel/ansicht/missverstaendnis-am-see-genezareth192465.html. Seite 29.