Was beten, wenn Pegida demonstriert?

Mit den politischen Turbulenzen um Pegida und die Gegendemonstrationen Antipegida haben viele Christen in und außerhalb Dresdens einen neuen Drang gespürt, zu beten. So mancher Gläubige hat sich aus seinem Alltag wach gerüttelt gefühlt und das Verlangen gehabt, nicht einfach nur passiv zuzusehen, sondern dem Drängen des Heiligen Geistes nachzugeben und aktiv zu beten. Aber wofür genau sollte man beten?

Während manche es auf dem Herzen hatten, für den Schutz und das Willkommen sein von Flüchtlingen zu bitten, griffen andere eher die Sorgen der Pegida Demonstranten auf und baten Gott, dass Er die Regierung segnen möge, Gesetze zu schaffen, die Kriminalität, Islamisierung und Asylmissbrauch eindämmen. So manchen bewegte die Frage, wie Gott denn Pegida und Antipegida einschätzt und auf welche Seite Er sich stellt.

Gern hätte man einen Propheten in unserer Mitte gehabt, der ein „so spricht der HERR“ von sich gibt und klar macht, welche politischen Interessen der Allmächtige vertritt. Auch wenn es unter charismatischen Christen wieder einmal nicht an freiwilligen mangelte, die „ein Wort des Herrn an die Nation“ zur Verfügung hatten, bezweifle ich, dass Gott prophetische Impulse (bzw. persönliche Meinung vorangestellt mit der Alttestamentlichen Formel „so spricht YHWH“) benutzt, um politische Akkuratesse festzulegen. Prophetie im Neues Testament ist von Gott inspirierte Rede, die von den jeweiligen Ältesten der Gemeinde geprüft werden soll, bevor sie von der Gemeinde als tatsächliches Reden Gottes geglaubt und umgesetzt werden soll (1 Kor. 14). Es ist jedoch völlig unklar, wie die Ältesten prüfen sollen, ob Gott nun Pegida „unter Seinen Füßen zertreten“ oder „als Bewegung der Gerechtigkeit segnen“ will.

Welche Einstellung Gott zu politischen Aktivitäten hat, lässt sich wohl eher durch Vergleiche mit Seinen ethischen Anweisungen in Seinem Wort einschätzen. Wie wir in gesellschaftlich turbulenten Zeiten beten sollen, ist allerdings weder unklar, noch dem Meinungsbild ambitionierter „Propheten“ überlassen.

Eine Vision für leidenschaftliches Gebet in Zeiten politischer Spannung ist bereits detailliert von Gott gegeben worden. Wofür genau wir in Bitten und Gebeten zu Gott kommen sollen, hat Er bereits unfehlbar in Seinen Anweisungen an die Gemeinde im ersten Brief an Timotheus klar gemacht. Da heisst es in 1 Tim. 2, 1-7:

So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen darbringe,  2 für Könige und alle, die in Regierungspositionen sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit;  3 denn solches [Gebet] ist gut und angenehm vor Gott unserem Retter,  4 welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.  5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus,  6 der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. [Das ist] das Zeugnis zur rechten Zeit,  7 für welches ich eingesetzt wurde als Prediger und Apostel – ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit.

Dass der Text tatsächlich den Willen Gottes offenbart, wofür wir in Zeiten politischer Turbulenzen beten sollen, erscheint beim oberflächlichen Lesen nicht sofort, wird aber bei genauer Betrachtung leicht nachvollziehbar. Dass uns nicht sofort klar ist, was genau Paulus will, wofür wir beten, liegt auch daran, dass 1 Tim. 2 oft (sicher unabsichtlich) missbräuchlich verwendet wurde als allgemeiner Auftrag für „die Obrigkeit,“ d.h. die Regierung zu beten. Der regelmäßige Gottesdienstbesucher hat sicherlich sehr oft in gut-gemeinten Anfragen, für die Regierung zu beten, die Verse 1 und den Anfang von Vers 2 als Zitat gehört. Und genau da liegt das Problem! Man zitiert gern bis zur Mitte von Vers 2, als ob alles was folgt, nichts mehr mit Gebet für Menschen und Regierungen zu hätte. Und man verfehlt damit leider den eigentlichen Auftrag, was genau Paulus wollte, wofür wir beten. Diesen kritischen Fehler hat bereits der Exeget Philip Towner in seinem Kommentar über die Briefe an Timotheus beanstandet: „Die Kirche hat [fälschlicherweise] oft den Text so verstanden, als würde er einen weit gehaltenen Auftrag beinhalten, für alle Menschen und für Regierungschefs zu beten, ohne wirklich vorzugeben, welche Richtung solches Gebet nehmen sollte. Aber der eigentliche Fokus des Gebets liegt darauf – und dies wird durch genaue Beachtung der Argumentation sogleich offensichtlich -, dass das Gebet die Mission der Kirche in der Welt unterstützen soll… Die theologischen Interessen und das universelle Thema [im Text] zeigen, dass die Gebetspraxis, die Paul versucht, in Ephesus wieder einzusetzen, die evangelistische Heidenmission als Ziel hatte.“1

Gebet für die Regierungen hat also als ultimatives Ziel die Ausbreitung des Evangeliums. Wie dies im Text zu sehen ist, muss erklärt werden. Beachte zuerst einmal die wiederkehrende Adjektiv „alle.“ Hier noch mal der Bibeltext mit „alle“ bzw. dessen Synonyme fett hervorgehoben:

So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen darbringe,  2 für Könige und alle, die in Regierungspositionen sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit;  3 denn solches [Gebet] ist gut und angenehm vor Gott unserem Retter,  4 welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.  5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus,  6 der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. [Das ist] das Zeugnis zur rechten Zeit,  7 für welches ich eingesetzt wurde als Prediger und Apostel – ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Nationen im Glauben und in der Wahrheit.

1 Timotheus 2, 1-7 ist eine kohärente Einheit zusammengehörender und einander ergänzender und erklärender Gedanken. Die Struktur des Arguments und die bewusste thematische Nutzung des Wortes „alle“ definieren, was für eine Art von Gebet Paulus im Sinn hat!

Gebet für alle (in den Versen 1 und 2) ist begründet in Gottes Wille alle Menschen retten zu wollen (in den  Versen 3 und 4). Gottes Wille alle Menschen retten zu wollen wird wiederum theologisch begründet, dass es einen Gott und einen Retter gibt, der sich für alle hingegeben hat (Verse 5 und 6).

Wenn Gebet für alle damit begründet wird, dass Gott alle retten möchte, dann wird vom Leser verlangt, dass er impliziert, dass der Inhalt der befohlenen Gebete die Rettung genau dieser aller Menschen beinhaltet! Paulus hat uns keine Aufforderung gegeben, vage für alle Menschen und alle Regierungen zu beten, als ob wir uns aussuchen sollen, was wir für alle und Regierunen beten sollen – unsere Leidenschaftliche Gebetsmission muss, wenn wir 1 Tim. 2 gerecht werden wollen, das Erreichen der Nationen mit dem Evangelium sein!

Selbstverständlich bleibt noch die Frage zu beantworten, wie Gebet für Könige und Regierungen mit dem Gebetsfokus für die Rettung aller durch das Evangelium zusammen hängt. Dies wird deutlich, wenn wir die Struktur des Texts ansehen:

Ich ermahne:    Bitten/ Gebete/ Fürbitten/ Danksagungen

für alle

für Könige und alle Regierenden

damit (Ziel des Gebets für Regenten): wir ein

ruhiges und stilles Leben

in Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit leben können.

denn solches Gebet (für alle und Regierenden) ist gut und gefällt

Gott unserem Retter

der will, dass alle Menschen gerettet werden

und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Das Gebet für Könige und Regierende is ein untergeordneter Gedanke, welcher das Gebet für die Rettung aller unterstützt. Das Resultat des Gebets für Regierende ist „ein ruhiges und stilles Leben in Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit.“ Auch an dieser Stelle darf man nicht den Fehler machen und „ruhiges und stilles Leben“ getrennt von „Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit“ sehen. Die beiden Teile sind ein ganzes und bezeichnen als Gesamtheit das Ziel des Gebets für Regierende. Paulus will also nicht Gebet, dass Christen unbehelligt und unauffällig ihr Leben in Frieden leben, sondern hier liegt der Schwerpunkt auf „Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit.“ „Ruhig und still“ sind stereotypische Ideale aus der Griechischen Welt und beschreiben ein „ruhiges Leben frei von den Schwierigkeiten einer turbulenten Gesellschaft.“2

Sowohl das Wort „Heiligkeit,“ (Gr. semnotees) als auch das Wort „leben“ (Gr. Dingo) bezeichnen ein äußerlich sichtbares Verhalten in Wort und Tat, welches von der Umwelt wahrgenommen und anerkannt wird.3 Gottesfürchtigkeit (Gr. eusebeia) wird von Christen sowohl in ruhigen als auch in schwierigen Zeiten erwartet (2 Tim. 3, 12: „alle, die gottesfürchtig (Gr. eusebeia) in Christus Jesus leben wollen, werden Verfolgung erleiden“). Im Zusammenhang mit „Heiligkeit“ (Gr. semnotees) und „leben“ (Gr. diagoo) beschreibt das Ziel des Gebets für Regenten „ein stilles und ruhiges Leben in Gottesfürchtigkeit und Heiligkeit leben“ die Möglichkeit, dass Christen ihre Hingabe zu Jesus öffentlich und von allen beobachtbar ausleben können. Paulus erwartet nicht, dass dies die gänzliche Abwesenheit von Verfolgung ist, sondern dass trotz der Feindschaft einer antigöttlich gesinnten Gesellschaft Regenten eine Atmosphäre durch das Wirken Gottes schaffen, dass Christen ihr Leben für Ihren Herrn als Zeugnis öffentlich ausleben können und zur Verbreitung der Wahrheit des Evangeliums führt.

Gebet für Regenten muss sich in 1 Tim. 2 dem großen Ziel der Verbreitung des Evangeliums unterordnen. Dass Paulus seinen Satz anfängt mit „Ich ermahne vor allen Dingen“ (Gr. prooton pantoon) unterstreicht die Priorität, welches Gebet für alle um ihre Rettung hat! Vor allen andern Gebeten hat Gebet um die Verbreitung und Annahme des Evangeliums höchste Priorität!

„Vor allem“ lässt andere Inhalte von Gebeten (auch für Könige und Regenten) durchaus legitim da stehen. Ein Gott, der selbst möchte, dass Gerechtigkeit regiert (Spr. 31, 9) und der für die Schwachen der Gesellschaft sorgt (Ps. 68, 5) erwartet sicher von Seinem Volk, dass sie (schon allein aus Nächstenliebe) für Ihre Regenten beten, dass sie ihren Gott-gegebenen Auftrag, gerecht zu regieren mit Seiner Hilfe gut wahrnehmen können (Rom. 13, 1). Wenn allerdings, das „vor allem,“ das heisst, das Gebet um die Verbreitung des Evangeliums nicht oberste Priorität in unseren Gebeten hat, sind alle andere Segnungen für die Regierung wie ein Gebetsleben, welches sich ausschließlich für das Gelingen der Geburtstagstorte und das Finden eines Parkplatzes beschränkt. Solches Gebet vergisst, dass „gib uns unser täglich Brot“ zwar legitim ist, aber eingebettet ist in eine vorrangig größere Mission: „Dein Reich komme und dein Wille geschehe“! „Vor allem“ beschreibt, dass sich alles Gebet das immens wichtige Ziel Gottes, die Rettung von Menschen, zur obersten Priorität macht.

Pegida und Antipegida und die Reaktionen aller Politiker darauf müssen dazu dienen, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit des Evangeliums kommen. Das und vorrangig das hätte Paulus gebetet, wenn er 2015 in Deutschland gelebt hätte. Paulus hätte gebetet, dass Gott eingreift und Pegida und die Reaktion der Politik dazu dient, dass mehr Menschen Christus finden: Deutsche und Ausländer, hier geborene und Asylsuchende. Und er hätte es nicht nur beim Gebet sein lassen – in 1 Tim. 2, 7 verbindet Paulus seinen Dienst an den Nationen direkt mit dem vorangehenden Gebet für alle. Gebet für die Ausbreitung des Evangeliums in 1 Tim. 1, 1-6 ist nicht einfach Gebet, dass Gott mal was macht, dass Menschen zum Glauben kommen, sondern ist Gebet für konkrete, vor Ort geschehene Evangelisation.

Pegida ist dazu da, dass wir aufgerüttelt werden, leidenschaftlich dafür zu beten, dass Menschen Christus finden – und konkrete Schritte dazu unternehmen. Gott hat ein alles überragendes Ziel in unserer Zeit: Menschen für Seinen Sohn zu gewinnen. Politische Turbulenzen sind dazu da, uns neu darauf auszurichten. Was Gott sonst in Politik und Gesellschaft tut ist Nebensache, die dazu dient, sein größeres Zeil zu erreichen. Wer von Pegida angespornt ist zu beten, mach mit im Gebet einzutreten für das, was Gott 2015 wirklich wichtig ist: alles für Christus und Sein Evangelium!

1 Philip. H. Towner.The Letters to Timothy and Titus. Eerdmans: 2006, 163, 165.
2 Ibid., 169.
3 Ibid., 169, 174-75.