Kommt ein Christ, wenn er stirbt, „in den Himmel“?

Die Frage, ob ein Christ „in den Himmel kommt“, wenn er stirbt, lässt sich – wenn man theologisch präzise antworten will – nicht einfach mit ja oder nein beantworten.

Ein simples „Ja“ ist sicherlich falsch, wenn damit impliziert wird, dass ein Christ, der gestorben ist, schon das endgültige Ziel seiner Erlösung erricht hat und den Zustand, den seine körperlose Seele nach dem Tod eingenommen hat, in Ewigkeit beibehalten werden wird. Die ultimative Hoffnung, die Gott in Christus für ein Leben nach dem Tod versprochen hat, liegt nicht darin, dass die „Seele in den Himmel kommt“, sondern in der Auferstehung des Körpers zu neuem Leben und einem materiellem Leben in der Herrlichkeit Gottes auf einer neu geschaffenen Erde und einem neu geschaffenen Himmel (Joh. 6, 40, 44, 54; Röm. 8, 11; 1 Thes. 4, 13-18; Offb. 21-22).

Der letztendliche und ultimative Triumph von Christus über den Tod wird nicht dadurch in vollem Maße verwirklicht, dass eine Seele nach dem Tod in den Himmel emporschwebt, sondern indem Christus die Toten körperlich auferweckt:

Nun aber ist Christus aus den Toten auferweckt, der Erstling der Entschlafenen; denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Jeder aber in seiner eigenen Reihenfolge: der Erstling, Christus; sodann die, welche Christus gehören bei seiner Ankunft; 24 dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt; wenn er alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht weggetan hat. 25 Denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Als letzter Feind wird der Tod weggetan.

Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: »Verschlungen ist der Tod in Sieg. 55 »Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein Stachel?

1 Kor. 15, 21-26, 54-55

Die Auferstehung der Toten beim Augenblick der Wiederkunft von Jesus ist die größte und beste Zuversicht der Glaubenden. Das eigentliche Genießen des Reiches Gottes und der ganzen Wucht der großen Herrlichkeit Gottes wird nur und erst mit der körperlichen Auferstehung möglich sein (1 Kor. 15, 50).

Christen (und Nichtchristen ebenso) haben mit umgangssprachlichen Floskeln wie „jetzt schaut der Herbert vom Himmel auf uns herab“ den Fokus der Hoffnung auf Auferstehung vernachlässigt und den zentralsten Aspekt von Gottes Erlösungsplan – und zwar die Schaffung eines herrlichen neuen Himmels und einer neuen Erde – mit der Idee eines nebulösen „Seelenkarmas“ aus den Augen verloren.

Die ultimative Hoffnung eines Christen ist die Auferstehung des ganzen Menschen als Einheit – Seele und Körper und das Eintauschen des jetzigen vergänglichen, „vergammelten niedrigen“ Körpers in einen ewigen, herrlichen „geistigen“ Auferstehungskörper (1 Kor. 15, 42-44).

Ultimative Hoffnung auf Auferstehung bedeutet jedoch nicht, dass diese Hoffnung die einzige Hoffnung ist, die ein Christ für ein Leben nach dem Tod hat! Und die Frage ob ein Christ „in den Himmel kommt“, wenn er stirbt, nicht mit „ja“ zu beantworten, bedeutet nicht, dass ein „nein“ die entsprechend korrekte Antwort ist.

Die Antwort ist nuancierter. Vielleicht etwa so: „Kommt ein Christ, wenn er stirbt in diesem Zustand für immer in den Himmel“? Nein. Kommt er sofort in den Himmel? Ja! Das heißt bis zum Tag der Wiederkunft von Jesus, bis zu seiner körperlichen Auferstehung geht der Christ in eine bewusst wahrgenommene Gegenwart von Christus ein – umgangssprachlich: er ist im Himmel!

Das neue Testament, obwohl es den letztendlichen Fokus der Hoffnung auf Auferstehung und das Leben im Paradies eines neuen materiellen Himmels und Erde legt, verheißt mehr als „nur“ eine zukünftige Hoffnung auf bewusst gelebtes ewiges Leben – es verspricht absichtlich und klar ein sofortiges Leben in Herrlichkeit im Moment des irdischen Ablebens.

Die Idee des Seelenschlafes (oft auch Psychopannychia oder Hypnopsychia) genannt, steht trotz prominenter Christlicher Vertreter wie zum Beispiel Martin Luther,1 oder bekannter „Nicht-Christlicher Sekten“ wie den Zeugen Jehovas entgegen den Verheißungen des Neuen Testaments.

Teil des Missverständnisses über den Zustand der Seele nach dem Tod beruht auf einer zu wörtlichen Interpretation des Wortes schlafen (Gr. koimaoo), welches oft als Umschreibung des Zustandes des Todes benutzt wird. Das Wort koimaoo bedeutet wortwörtlich „schlafen“ (Bsp. Matt. 28, 13; Lk. 22, 45; Apg. 12, 6) und wird aber neben seiner wort-wörtlichen Bedeutung zusätzlich sowohl in den Evangelien als auch bei Paulus figurativ für den Zustand des Todes benutzt. Hier einige Beispiele:

…die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, 52 und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt…
Matt. 27, 51-52

Und niederkniend rief er mit lauter Stimme: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu! Und als er dies gesagt hatte, entschlief er.

Apg 7, 60

Eine Frau ist per Heirat gebunden, solange ihr Mann lebt; wenn aber der Mann entschlafen ist, so ist sie frei, sich zu verheiraten, an wen sie will – allerdings nur im Herrn.

1 Kor. 7, 30

Wir wollen euch aber, Brüder, nicht in Unkenntnis lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht betrübt seid wie die übrigen, die keine Hoffnung haben.

1 Thes. 4, 13

Allerdings ist die Umschreibung „schlafen“ für den Zustand des Todes genau das: eine Umschreibung und keine präzise Analyse des Zustand des Todes, als ob das Wort „schlafen“ eine trauminaktive Non-REM-Schlafphasen physiologisch akkurat beschreiben wollte.

Koimaoo, „schlafen“ wurde im Altertum weitläufig und über die Jahrhunderte hinweg als Umschreibung für den Tod verwendet, so wie wir heute zum Beispiel sagen „Sieglinde ist von uns gegangen“ – ohne dabei wortwörtlich nachzudenken, wohin denn die alternde Sieglinde hingegangen ist, ob sie hinkend oder rennend gegangen ist oder ob sie vielleicht nach den ersten Metern nicht doch den Bus genommen hat. Auch wenn der gute alte Bernhardiner „Wuffi“ das zeitliche gesegnet hat, stellt sich niemand (mit gesundem Menschenverstand) vor, als ob Wuffi beim letztem Atemzug (sorry: hecheln) die Pfote gehoben hat und einen Segenswunsch ausgesprochen (äh: gebellt) hat.

„Schlafen“ ist bei Juden, Christen, Römern und Griechischen in seiner figurativen Verwendung eine Umschreibung, welche die Härte des Wortes „Tod“ mildern soll, dabei aber keine Aussage machen will, in welchem präzisen seelischen Zustand der Entschlafene sich befindet. Wir finden das Wort schon im achten Jahrhundert vor Christus bei Homer (Iliad XI.241), im fünften Jahrhundert vor Christus bei Sophokles (Elektra 509), bei Catullus im ersten Jahrhundert vor Christus (Catullus V.4-6), im ersten Jahrhundert nach Christus bei Cicero, (Cato Maior de Senectute 81), im zweiten Jahrhundert nach Christus bei Aelianus (Historical Miscellany II.35), und auf zahlreichen Grabinschriften der antiken Zeit.2

Als denselben Euphemismus (beschönigenden Ausdruck) für den Tod ist uns der Gebrauch von „schlafen“ aus dem Alten Testament (1 Moses 37, 30; 5 Moses 31, 16; 2 Sam. 7, 1 Könige 2, 10; Ps. 13, 4; Dan. 12, 2) und manchem Studenten der Intertestamentalen Schriften (2 Makk. 12, 45; hen. 92, 3; 2 Esd. 7, 32 T. Jos. 20, 4) bekannt.

Interessant für unsere Betrachtung ist zum Beispiel oben erwähnte Stelle aus 5 Mose 31, 16, welche folgendes über Mose besagt:

„Siehe, du wirst mit deinen Vätern ruhen/ schlafen…“

Wer argumentiert, dass Mose wie alle anderen Israeliten, Könige und Propheten dessen Tod mit diesem Wort „schlafen“ beschrieben wird in einen unbewussten Seelenschlaf von Gott gelegt wurde und bis zur Auferstehung sich in einem Gedanken-, Emotions- und Taten-losem Zustand befindet, hat sicher bei Matt. 17, 1-4 schwere Erklärungsnot, wie ein bewusstloser Moses sich auf intelligente Weise mit Christus unterhalten kann:

Und nach sechs Tagen nimmt Jesus den Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, mit und führt sie abseits auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde vor ihnen umgestaltet. Und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht; 3 und siehe, Mose und Elia erschienen ihnen und unterredeten sich mit ihm.

Allem Anschein nach will Matthäus vermitteln, dass Jesus auf dem Berg eine ungewöhnliche Begegnung mit sowohl dem real existierenden und sehr lebendigen und direkt aus der Gegenwart Gottes kommenden Mose und Elija hatte und eine authentische, sinnvolle Unterhaltung zwischen den Parteien statt gefunden hat. Dass Gott einen schlafwandelnden Mose in einer Stadium IV Schlafphase ins Rennen geschickt hatte, um sich mit dem verherrlichten Christus „zur unterreden“ wird kaum dem Sinn der Geschichte gerecht.

„Schlafen“ als Umschreibung für den Zustand des Todes ist eindeutig eine literarische Stilfigur, welche nie dazu gedacht war, die ursprüngliche wort-wörtliche Bedeutung des Terminus „schlafen“ in allen Details auf den beschriebenen Zustandes des Todes zu übertragen.

Literalisten, die darauf beharren, soweit wie möglich immer eine wort-wörtliche Bedeutung als Interpretation der ersten Wahl zu bevorzugen, begehen dabei mehrere Fehler. Sie erkennen zum einen nicht an, wenn literarische Stilfiguren als solche zu werten sind und sind dabei aber ihrem eigenen System der strengen wort-wörtlichen Auslegung selbst nicht konsequent, sondern interpretieren symbolisch Passagen, die eindeutig wort-wörtlich gemeint sind. In unserem Fall handelt es um die Worte von Jesus an den Gekreuzigten neben ihm:

Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Lukas 23, 43

Jesus wollte sicher nicht sagen, „es wird dir in mehreren tausend Jahren so scheinen, als ob du heute mit mir im Paradies gewesen wärst, denn du wirst tausende von Jahren bewusstlos sein und bei der Auferstehung plötzlich merken, dass du im Paradies bist und es wird dir so erscheinen, als ob in tausenden von Jahren erst heute gewesen ist, als du neben mir am Kreuz hingst weil du die ganze Zeit geschlafen haben wirst.“

Wenn Jesus hätte sagen wollen, dass der Gekreuzigte tausende von Jahren schlafen wird und dann zu einer Auferstehung im Paradies gelangen wird, hätte Jesus nur gesagt „ich sage dir, du wirst mit mir im Paradies sein“ oder „ich sage dir, du wirst auferstehen“. Die Zeitangabe „heute“ weist ausdrücklich darauf hin, dass der Gekreuzigte den Zustand „Paradies“ als intellektuellen und emotionalen Euphoriezustand am besagten Kalendertag der Kreuzigung erleben wird. „Heute“ ist im Gegenteil von „schlafen“ keine symbolische Stilfigur, sondern eine verlässliche und akkurate Zeitangabe. Am ersten Ostersonntag der Weltgeschichte hatte der Gekreuzigte schon zwei Tage in ekstatischer Anbetung vor Gott verbracht.

Dass ein Christ im Augenblick des Todes in die bewusste Gegenwart des auferstanden Christus kommt, also „in den Himmel“ ist allerdings nicht auf die bisher erbrachten Indizien zurück zu führen, sondern auf eine ausdrückliche Lehre im Philipperbrief, dem zweitern Korinterbrief und der Offenbarung. In dieser Korrespondenz finden wir nicht nur die Lehre, des direkten Überganges der Seele in die Herrlichkeit Gottes im Moment des Sterbens, sondern auch den Grund, warum diese Lehre unerlässlicher Teil der guten Nachricht des Evangeliums ist. Mehr dazu im nächsten Beitrag.

1 D. Martin Luthers Werke (Weimarer Gesamtausgabe),37.191.
2 Richmond Lattimore, Themes in Greek and Latin Epitaphs, 1942: 59, 164-65