Ich mach NICHT mit beim „Marsch des Lebens“!

In Deutschland finden vielerorts Vorbereitungen für einen „Marsch des Lebens“ statt. So auch in meiner Heimatstadt Dresden. Ich werde nicht mitmachen und empfehle jedem Christen die Motive und theologische Grundlagen dieser Aktion zu hinterfragen.

Die Bewegung „Marsch des Lebens“ wurde initiiert von Pastor Jobst Bittner der TOS Gemeinde in Tübingen. Die Idee und die gedanklichen Grundlagen der Bewegung kann man auf der Webseite marschdeslebens.org und besonders ausführlich im Buch Die Decke des Schweigens nachlesen.

Ich fasse ganz kurz die grundlegenden Gedanken und Anliegen der Aktion zusammen: Aufgrund des Verbrechens Nazi-Deutschlands, 6 Millionen Juden umzubringen, liegt auch noch 70 Jahre nach dieser schrecklichen Vergangenheit eine „Decke des Schweigens“ auf Deutschland. Diese Decke ist ein nicht weiter definierter dunkler Einflussbereich dämonischer Mächte, welche geistliches Leben und Kraft im persönlichen Leben, in Gemeinden und in Deutschland verhindert. Die von vielen gewünschte positive Veränderung des persönlichen Lebens und Erweckung in Deutschland kann NUR (!) geschehen, wenn diese Decke zerbrochen wird – dies ist möglich durch die Aktion Marsch des Lebens, welche folgende Punkte beinhaltet:
1.) Aufarbeitung der Judenfeindlichkeit in der Stadt,
2.) Anerkennung, dass wir die Schuld unserer Vorfahren tragen und stellvertretende Buße für die Sünden der Vorfahren,
3.) Aktives Bekenntnis zum Staat Israel und zur Vorrangstellung Israels im Plan Gottes.

Gerade in Anbetracht des gegenwärtigen Krieges im Nahen Osten, der durch die Ermordung von drei Israelischen Jugendlichen und den Raketenbeschuss Israels durch die Hamas begonnen wurde scheint doch der Marsch des Lebens eine gute Sache zu sein. Warum sollte man denn die Aktion noch einmal hinterfragen?

Ich möchte zuerst meine Verbundenheit mit Pastor Bittner und seinem Anliegen teilen, bevor ich meine Argumente der Kritik vorbringe. Ich schätze die Arbeit und den Einsatz von Jobst und seiner Gemeinde sehr. Ich sehe viele gute Motive und schätze ihren Enthusiasmus sowohl für die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit ihrer Stadt als auch ihre Leidenschaft für Jesus. Jobst möchte geistiges Leben in die Gemeinde bringen, er möchte, dass Menschen frei und in Lebensfreude Jesus dienen und er will Erweckung in Deutschland sehen. Klasse! Er möchte schlummernden Antisemitismus in Deutschland begegnen und den Fehler der Geschichte (auch der Kirchengeschichte), Israel abgelehnt zu haben, wieder gut machen. Super! In all diesen Motiven kann ich mich selbst wieder finden.

Nur den Weg, dieses Ziel zu erreichen, teile ich nicht. Ich behaupte und möchte in den folgenden Zeilen belegen, dass die Kerngedanken der Idee „Marsch des Lebens“ ein Zusammenbau einer Pseudo-Spiritualität sind, die durch die Fusion selektiv aus dem Kontext gerissener und falsch interpretierter Bibelstellen entstanden ist und welche der Botschaft des Evangeliums in einigen wichtigen Punkten widerspricht. Die Kerngedanken des „Marsch des Lebens“ werden nicht das gewünschte Ziel der Belebung der Christen erreichen, sondern diesem Ziel eher schaden und sie werden nicht dem Volk Israel so zum Segen werden, wie Gott dieses Volk segnen möchte.

Kritikpunkt 1: Falsche Diagnose des Zustandes der Kirche der westlichen Welt und deren Ursachen.

Im Buch Die Decke des Schweigens vergleicht Jobst Bittner den Zustand der Kirche in den ersten 300 Jahren mit dem heutigen Zustand der Gemeinden der westlichen Welt. Im Vergleich zur ersten Gemeinde, die rasant wuchs, lebendig war, Güter teilte, Hausgottesdienste in der Kraft und Gegenwart des Heiligen Geistes feierte, Zeichen und Wunder erlebte, hat die Kirche der westlichen Welt ihre Vollmacht verloren.1 Hauptursache, oder wenn ich das Buch richtig lese, einzige Ursache für den Verlust an Spiritualität, Lebenskraft und Autorität war Kaiser Konstantin, der das jüdische Erbe von der christlichen Gemeinde trennte.2 „Trotz starken griechischen Einflusses und zahlreicher Angriffe und Attacken blieb die jüdische Prägung der Gemeinde bis ins 4. Jahrhundert ungebrochen. Offensichtlich hatte sie dadurch eine einzigartige Autorität… Sobald sie aber bereit waren, sich für den hellenistischen Zeitgeist, den ‚Geist der Söhne Griechenlands‘ zu öffnen, trennten sie sich von ihrem hebräischen Erbe und verloren damit ihre geistliche Kraft.“3

Die Reduzierung der Ursachen des Veränderungsprozesses der Kirche in den ersten vier Jahrhunderten einzig und allein auf den verringerten Einfluss jüdischer Prägung auf die Kirche, die „Trennung von ihren jüdischen Wurzeln“ ist eine unglaubwürdige Missrepräsentation der Kirchengeschichte. Der Wandel der Kirche war ein komplexes Phänomen, welcher kontinuierlich über die Jahrhunderte statt fand und eine Vielzahl individueller Ursachen hatte. Der einsetzende Antisemitismus war durchaus ein sehr bedauerliches Ereignis, aber bei weitem nicht der alles dominierende Faktor der Veränderung von einer lebendigen Kirche zu einer kalten Institution. Zum einen muss festgestellt werden, dass bereits zu Ende des ersten Jahrhunderts Gemeinden viel vom „lebendigen Glauben“ der Anfangsjahre eingebüßt hatten. Die Gemeinde in Ephesus wird als lieblos zurechtgewiesen (Offb. 2, 4) und in Gefahr, auszusterben (Offb. 2, 5); die Gemeinde in Sardis wird als tot bezeichnet (Offb. 3, 1). Der Verlust des radikalen Zeugnisses der Kirche sowohl die Spontanität der Gottesdienste und das Wirken des Heiligen Geistes in Form von Geistesgaben ist wesentlich eher zu beklagen als zu Zeiten Konstantins, dessen „Hauptanliegen“ es angeblich war, die jüdische Prägung der Kirche der minimieren. „In der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts veränderte sich die Kirche. Die Tage der Begeisterung waren vorbei und die Tage der Institutionalisierung waren angekommen. Die Kirche war nicht mehr ein Ort, wo der Geist der Weissagung zu hören war. Immer mehr Menschen wurden den Kirchen hinzugefügt, aber der Unterschied zwischen Kirche und Welt verblasste. Die Kirche wurde säkularisiert.“4 Die Gründe für den Wandel waren mannigfach:
– Schon kurz nach der Zeit der Apostel wurde die Gemeinde gesetzlich (schon in der Didache zu bemerken);
– Es erfolgte eine zu starte Gegenreaktion in Form der Konzentrierung auf die Schriften der Apostel zu Lasten der Ausübung der Geistesgaben aufgrund des Missbrauchs des „spontanen Wirken des Geistes“ durch die Montanisten;
– Der Wandel im Imperium zu Latein als lingua franca und einhergehender Verlust der Prediger und Lehrer, die Griechischen Schriften im Urtext zu lesen, zu verstehen und auszulegen;
– Konzentration der Autorität in der Kirche auf Bischöfe anstelle Leitung der Gemeinde durch eine Pluralität von Ältesten;
– Institutionalisierung der „Sakramente“ und das Aufkommen des „Bußsakraments“ und der Übertragung des Verdienstes von Märtyrern und Heiligen als Folge der Frage, wie man mit Christen umgeht, welche in Verfolgung ihren Glauben verleugnet haben;
– u.v.m.
Eine Vielzahl an Komponenten war für den Veränderungsprozess der Kirche verantwortlich und wenn man die heutigen Gemeinden in einen Prozess der Erneuerung und Belebung führen möchte, muss man sich jeder dieser Ursachen und Fragen stellen – die Reduzierung der Lösung für eine persönliche, gemeindliche und landesweite Erweckung auf die „Rückführung zu den jüdischen Wurzeln“ wird sich katastrophal für die Gemeinden auswirken, die sich darauf einlassen. Die gewünschte Belebung wird ausbleiben – genau deshalb weil „Mangel an Hingabe zu Israel“ nicht das Hauptproblem mangelnder Spiritualität der deutschen Gemeinden ist! Genau das, was Jobst Bittner an einer anderen charismatischen Modewelle kritisiert, nämlich „trotz zwanzigjähriger geistlicher Kampfführung und dem Binden und Lösen von territorialen Mächten [haben wir] keine nennenswerte Ergebnisse gesehen“5 verheiße ich dem gegenwärtigen Modeerscheinung der stellvertretenden Buße über Deutschlands Schuld im zweiten Weltkrieg und der sogenannten „Rückkehr zu den hebräischen Wurzeln.“

Kritikpunkt 2: Die Idee, dass die Schuld von zwei bis drei vergangener Generationen auf die heutige Generation übertragen wird und das geistiges Leben der Gemeinde heute verhindert, ist Irrglaube und entgegen dem Zeugnis der Heiligen Schrift.

Zentrale These des „Marsch des Lebens“ ist, dass „die Schuld einer Nation… auf Menschen und ihre Nachfahren fort wirkt und ihre Heilung und Wiederherstellung verhindert.“ Blutschuld und Ungerechtigkeit sind wie eine finstere Decke, die durchbrochen werden muss.6
Wichtigster Beleg für die These der Fortführung von Blutschuld ist dabei 4 Mose 14, 18: „Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung, aber er lässt niemand ungestraft, sondern sucht heim die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ Die Annahme ist dabei, dass obige Bibelstelle aussagt, dass Gott selbst dann die dritte und vierte Generation bestraft, selbst wenn diese nicht auf die Art und Weise gesündigt haben, wie Urgeneration. Weitere Generationen können sich jedoch aufgrund spezieller Praktiken, insbesondere der stellvertretenden Buße von dem automatischen Fluch der Urgeneration auf die nächsten Generationen befreien. Diese Missinterpretation ist eine falsche Darstellung des Charakter Gottes, welcher genau konträr zu dem dargestellt wird, was die Vertreter von stellvertretender Buße über diese Stelle sagen. Für das Verständnis der Intention dieser Stelle muss zunächst beachtet werden, dass 4 Mose 14, 18 ein Gebet ist, welches die ursprüngliche Offenbarung Gottes über Seinen Charakter in Ex. 20, 5-6 zitiert:

„… Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“

Charakteristisch für Vertreter der These der übertragbaren Blutschuld, ist dass Ex. 20 immer nur bis zum Vers 5 zitiert wird, Vers 6 aber ausgelassen wird. Vers 6 ist jedoch der Fokus der Offenbarung Gottes! Der Vergleich „Heimsuchen in Strafe für Vergehen, denen die mich hassen“ versus „Heimsuchen in Segen für diejenigen, die mich lieben“ ist eine typische semitische Sprachform, bei welcher die Betonung auf der unvergleichlichen Gnade Gottes liegt. Der negative Aspekt ist nur der Rahmen für das eigentliche Bild alles überragender Bundestreue (Hebr. hesed). Dabei sind die Zahlenangaben keine arithmetische Präzision, sondern semitische Stilfiguren der Poesie und Übertreibung.7
Der Kontrast:
a) STRAFE ins dritte und vierte Glied für Hasser Gottes
b) BUNDESTREUE für Tausende für Liebhaber Gottes
will aussagen, dass Gott Sünde sehr ernst nimmt, Seine Bundestreue und Barmherzigkeit aber Seine Strenge überdimensional übersteigt. Der Parallelismus der Verse zeigt auch, dass „Tausende“ die unzählige Nachkommenschaft des Gottestreuen im Blick hat, da der Fokus auf die zukünftigen Angehörigen liegt.8 Das heisst praktisch für unsere Belange, dass wer „Strafe ins dritte und vierte Glied“ wörtlich auslegt im Sinn, dass Schuld weiter vererbt wird und nachfolgende Generationen eine Strafe erleiden, obwohl sie nicht wie die Vorväter handeln, derjenige muss auch den zweiten Teil des Kontrasts wörtlich nehmen und bekennen, dass Gott bis in die tausendste Generation die Nachkommen der Gottesfürchtigen segnet und diesen Nachkommen die Bundestreue erweist (das sind also mind. 20.000 Jahre), auch wenn diese selbst Gott nicht aktiv nachfolgen. Da dies absurd ist, wird klar, dass es dem Exegeten nicht erlaubt ist, 2 Mose 20, 5 wortwörtlich zu nehmen und gleichzeitig 2 Mose 20, 6 gar nicht in Betracht zu ziehen oder symbolisch auszulegen. Die beiden Verse bilden eine Einheit und bilden eine Gesamtaussage: Gott nimmt Sünde sehr ernst, aber Seine Bundestreue und Barmherzigkeit übersteigt Sein Hass auf Sünde bei weitem. In der damaligen Welt war es bei Rache für ein Verbrechen durchaus üblich, nicht nur den eigentlichen Schuldigen umzubringen, sondern auch seine Angehörigen mit leiden zu lassen – allerdings wird selten jemand über die Enkel-generation hinaus gegangen sein. Dass Gott bis in die „4. Generation bestraft“ will NUR die Ernsthaftigkeit der Reaktion Gottes auf Sünde beschreiben, nicht wortwörtlich ausdrücken, dass zukünftige Generationen – troth ihrer direkten Unschuld – mit von der Strafe betroffen werden.
Wenn nun Mose in 4 Mose 14, 18 in seinem Gebet Ex. 20, 5-6 und dabei den Teilsatz „tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ auslässt, bedeutet dies NICHT, dass eine neue Theologie der Blutschuld mit seinem verkürzten Gebet eingeführt wird. Mose verkürzt, weil die Situation „Barmherzigkeit den Gottesliebhabern zu zeigen“ nicht vorhanden ist, da das gesamte Volk ja Gott eben gerade zum wiederholten mal abgelehnt hat, indem es sich geweigert hat, der Verheißung Gottes zu glauben und Kanaan einzunehmen. Es wäre absolut unangebracht gewesen, für Mose Ex. 20, 6 zu zitieren im Angesicht dessen, dass das gesamte Volk lieber den 10 Kundschaftern geglaubt hat, als Gott. Und dennoch appelliert Mose mit seinem Gebet an genau die GNADE Gottes, welche der Hauptfokus von Ex. 20, 5-6 war: „Lass deine Kraft groß sein, so wie du gesagt hast: ‚Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit; er vergibt Missetat und Uebertretungen'“ (4 Mose 14, 18); „So sei nun gnädig der Missetat dieses Volkes nach deiner großen Barmherzigkeit, wie du auch diesem Volk aus Aegypten bis hierher vergeben hast!“ (4 Mose 14, 19).

Das Mosaische Gesetz, welches die Moralvorstellungen Gottes widerspiegelt, verbietet explizit, dass Strafe für Sünde nicht nur der Sünder, sondern auch seine Nachkommen erleiden sollen:

„Die Väter sollen nicht für die Kinder und die Kinder nicht für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben.“ (5 Mose 24, 16)

Es ist unvorstellbar, dass Gott explizit das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit im Seinen Geboten aufstellt und ausgerechnet Gott selbst sich nicht daran hält. Dass Gott sich dem Prinzip der Alleinverantwortlichkeit der jeweiligen Generation hält, wird offensichtlich, indem Hezekiel in einer Prophetie an das Volk 5 Mose 24, 16 auf Gottes Umgang mit dem Volk anwendet: „Der Sohn soll nicht die Missetat des Vaters mittragen und der Vater soll nicht die Missetat des Sohnes mittragen.“ (Hez. 18, 20). Der Versuch von Jobst, Hezekiel 18 und Jeremiah 31 umzudeuten im Sinne, dass „Kollektivschuld nicht die eigene Verantwortung ausschließt,“ das heisst, sowohl das Prinzip der Kollektivschuld und das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit gleichzeitig gelten ist nicht überzeugend. Das Prinzip, welches Hezekiel der Übertragung von Schuld entgegenstellt ist einzig und allein Eigenverantwortlichkeit: Wiederholtes Schlüsselaussage ist in Hez. 18:

„Die Seele, die sündigt, soll sterben“ (Hez. 18, 4, 20).

Gott beurteilt einzig und allein aufgrund persönlicher Verantwortung. Ziel von Jesaja und Hezekiel ist NICHT, Kollektivschuld und persönliche Verantwortung miteinander zu vereinen (wie Bittner behauptet), sondern Kollektivschuld und persönliche Verantwortung im Kontrast darzustellen:

In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen: «Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden», sondern jedermann wird an seiner eigenen Missetat sterben; welcher Mensch saure Trauben ißt, dessen Zähne sollen stumpf werden! (Jer. 31, 20-30, Hervorhebung durch mich).

Selbst wenn es eine generationenübergreifende Schuldweitergabe gibt, ist selbst dieses „theoretische Konstrukt“ NICHT auf die Situation Nazideutschlands und der jetzigen Generation an Deutschen anwendbar. Selbst wenn Hez. 18 eine Generationenschuld beschreibt, die weitervererbt wird, dann wird sie auf Menschen übertragen, welche dieselbe Sünde begehen! Wenn in Hez. 18 der Sohn die Schuld des Vaters Götzendienstes, des Ehebruchs und des Armenraubes trägt, dann NUR, weil er selbst ein Götzendiener, Ehebrecher und Armenräuber ist! Die letzten drei Generationen an Deutschen haben aber NICHT die Blutschuld der Väter weiter geführt. Deutschland hat in den letzten 70 Jahren keine Juden ermordet, sondern Deutschland hat Israel Reparationszahlungen geleistet, mit dem Staat Israel freundschaftlich gelebt, geraubte Vermögen zurück gezahlt und Opfer entschädigt! Die Idee, dass diese Generation dennoch den Fluch der Väter zu spüren bekommt und geistliches Leben durch einen Fluch Gottes in den Gemeinden verhindert wird, ist eine Missrepräsentation Gottes und Seinem Verhältnis zu den Menschen!

Wer deshalb mit dem „Marsch des Lebens“ auf die Straße geht, misrepräsentiert Gott! Er stellt Gott als jemanden dar, der noch immer Strafe für Schuld erteilt, obwohl Generationen von Deutschen anders gelebt haben als ihre Vorfahren. Der Mangel an Erweckung liegt in Deutschland nicht an verborgener Vorfahrenschuld sondern an Mangel an adäquater Repräsentation Gottes durch Christen an ihren Mitmenschen. Menschen kommen nicht zum Glauben an Christus weil sie ein verzerrtes und falsches Bild von Gott haben. Der „Marsch des Lebens“ schafft hier keine Abhilfe, sondern verstärkt dieses Phänomen noch.

Kritikpunkt 3: Anstelle einer „heilender Therapie für unser Land“ schadet der Marsch des Lebens den Gemeinden, weil er von den eigentlichen, wichtigen gegenwärtigen Herausforderungen ablenkt.

Der „Marsch des Lebens“ verspricht „die heilende und transformierende Therapie unserer Stadt und unseres Landes voran zu treiben. Wir können im Gebet den Säulen der Finsternis ihr Fundament entziehen und das finstere Machtgefüge über Städten und Nationen zum Wanken bringen.“9 Diese Verheißung ist leer und nicht verwirklichbar. Wenn die Generationenschuld des Holocaust Deutschland und seine Gemeinden die letzten 70 Jahre unter ein finsteres Machgefüge gebracht hat, welches erst jetzt durch „stellvertretende Buße“ und „Bekenntnis zu Israel“ durchbrochen wird, dann gibt es für Deutschlands nächste 70 Jahre keine Hoffnung. Denn das Morden an Juden wurde inzwischen weit durch den Mord an ungeborenen Kindern übertroffen. Laut Statistischem Bundesamt werden in Deutschland jedes Jahr weit über 100.000 Kinder im Mutterleib getötet. Die Dunkelziffer liegt weit höher und wird bis doppelt so hoch angenommen. Das heisst, dass seit 1945 7 bis 14 Millionen Kinder getötet wurden. Es erscheint meiner Meinung nach irrsinnig, eine Schuld, die vor 70 Jahren begangen wurde, heute durch „stellvertretende Buße“ zu sühnen und dadurch das „finstere Machtgefüge“ zu zerbrechen, wenn an anderer Stelle eine (zumindest zahlenmäßig) viel größere und ANDAUERNDE (!) Blutschuld besteht! Weiterhin lehrt Römer 1, 18-32 dass das soziale Chaos der Menschheit ihre Ursachen in einer „Primärsünde“ hat: Gottlosigkeit! Wenn also Generationenschuld weiter gegeben wird, dann ist es zuerst die Gottlosigkeit und der Götzendienst der Deutschen, über den stellvertretende Buße getan werden müsste. Praktisch hieße das, das die Gemeinden in Deutschland stellvertretende Buße nicht nur für den Holocaust, sondern für die Gottlosigkeit der Nation und eine Menge anderer Sünden tun müsste, bevor die Gemeinde wieder „mit Lebendigkeit und Autorität“ Christus nachfolgen kann.

Die Verheißungen des „Marsch des Lebens“ werden nicht nur unerfüllt bleiben, sie schaden der Gemeinde! Man erweckt nicht nur Hoffnungen, die unerfüllt bleiben werden, sondern Energie und Zeit wird für Aktionen verbraucht, in der Hoffnung, dass „geistiges Leben“ freigesetzt wird, währenddessen die Mehrzahl unserer christlichen Teenager Pornographie-abhängig ist; eine verschwindende Minderheit der Christen im letzten Jahr auch nur einer Person das Evangelium erzählt hat; der Durchschnittschrist Stunden in sozialen Netzwerken unterwegs ist, während sich die durchschnittliche Gebetszeit auf 2 Minuten begrenzt – das sind die realen Herausforderung der Gemeinde – ohne ihre Lösung werden keine „Säulen der Finsternis wanken“! Das geringe Maß an Antisemitismus (ich möchte dies nicht entschuldigen, sondern nur in die richtige Relation bringen) und ein Verbrechen, welches 70 Jahre her ist, sind nicht die Ursachen gegenwärtigen Mangels an geistigem Leben.

Kritikpunkt 4: „Stellvertretende Buße“ ist eine religiöse Handlung, welche dem Evangelium fremd ist und der Natur des Evangeliums konträr ist.

Das Buch Die Decke des Schweigens, welches das theologische Fundament des „Marsch des Lebens“ beschreibt, behauptet „Solange Blutschuld und Ungerechtigkeit nicht öffentlich bekannt und vor Gott bereinigt ist, wird auf einem Land immer eine Wolke der Bedrückung liegen.“10 Diese Wolke der Bedrückung ist die „Decke vor dem Herzen“ in 2 Kor. 3, 15-16; diese Decke ist der Einflussbereich des Teufels, der „das Wort von ihrem Herzen nimmt“ (Lukas 8, 12); diese Decke ist das Wirken des Satans, der „erfolgreich den Verstand von Menschen verblenden kann, sodass sie das Evangelium nicht erfassen können.“11 Da (in der Logik des Buches) Gott aber möchte, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1 Tim. 2, 4) und sogar ganze Städte und Nationen Erweckung erleben (2 Chr. 7, 14) – dies jedoch durch die Decke der Finsternis verhindert wird – muss es einen Schlüssel geben, diese Decke zu durchbrechen, bevor der Segen Gottes fließen kann. „Aber wie kann das geschehen?“12 ist fast nur eine rhetorische Frage im Buch, denn der Leser ahnt es ja schon: durch stellvertretende Buße und Bekenntnis zu Israel!

Bevor ich diese Idee kritisiere, möchte ich, um die Wertigkeit des Irrtums bewusst zu machen, zuerst ebenfalls eine rhetorische Frage stellen: Wenn das Wort Gottes einen Missstand erläutert und gleichzeitig die Lösung für diesen Missstand im unmittelbaren Kontext angibt – zweitausend Jahre später genau dieser Missstand beschrieben wird, aber eine andere Lösung für den Missstand angeboten wird, wie nennt man dann diesen alternativen Lösungsvorschlag? Religiösen Ritus? Kulthandlung? Ich lasse den Leser entscheiden.

Zurück zu den erwähnten Bibelstellen. In 2 Kor. 3, 15-16 besteht die Decke, welche in der Tat Menschen daran hindert, zum Glauben zu kommen, in der Herzenshärte Israels, gefangen im Alten Bund und unter dem Mosaischen Gesetz – die Decke wird weggenommen „durch Christus“ (2 Kor. 3, 14) – eine Referenz des Glaubens an Jesus durch das Evangelium (cf. „wir predigen Christus den Herrn“ 2 Cor. 4, 5). Die Decke, welche Juden in 2 Kor. 3 daran hindert, die Herrlichkeit Gottes zu sehen, wird also durch die Predigt und das resultierende Glauben an Christus durchbrochen. In 2 Kor 4, 4 erfolgt tatsächlich eine Verblendung des Verstandes der Menschen durch Satan. Wie wird diese Verblendung durchbrochen? Durch eine Kombination aus dem souveränen Eingreifen Gottes („der Gott der befahl, Licht aus der Finsternis zu scheinen [ein Hinweis auf das souveräne Wirken Gottes in der Schöpfung (1 Mose 1, 3)] hat in unser Herz geschienen“) und der Predigt des Evangeliums („im Angesicht Jesus Christ“ (2 Kor. 4, 6) cf. wieder 2 Kor. 4, 5). Was Paulus in 2 Kor 4 benennt, ist dasselbe Ereignis, wie es Lukas in Apg. 16, 14 beschreibt: Gott öffnet souverän das Herz von Menschen, wenn sie das Evangelium hören. Die Decke der Verblendung, welche Jobst Bittner zitiert, wird in den von ihm angegebenen Bibelstellen durch die Predigt des Evangeliums und das simultane Wirken Gottes durchbrochen. Nicht durch stellvertrende Buße.

Pastor Bittner hat natürlich Recht, wenn er Gottes Beziehung in Alten Bund zum Volk Israel als Gemeinschaft beschreibt. Gott hat nicht individualistisch einen separaten Bund mit jedem einzelnen Israelit geschlossen, sondern ist mit der Nation als ganzes in Beziehung getreten. Es gibt natürlich deshalb auch den „kollektiven prophetischen Bußruf,… welcher das ganze Volk zur Umkehr ruft.“ Über Jahrhunderte hat Israel als Kollektiv versagt und ist als ganze Nation in das Exil gegangen – gerade deshalb, weil das Volk als ganzes ein „heiliges, Gott abgesondertes Volk“ sein sollte (Ex. 19, 6). Es ist deshalb völlig legitim von einem „kollektivem Verantwortungsbewusstsein“ zu sprechen, welches Nehemiah und Daniel ausdrücken, wenn sie als einzelne für das Volk „Buße“ tun (Neh. 1, 4-7; 9, 2; Dan. 9).13 Das Bekenntnis der Schuld und die Fürbitte von Nehemiah und Daniel als Repräsentanten des Volkes ist allerdings etwas grundsätzlich anderes als das Konzept, dass einzelne Christen (effektive) stellvertretende Buße für die Sünden der zumeist nicht-christlichen Nation und dessen Vorfahren tun. In den Gebeten des Nehemiah wird vorausgesetzt, dass das Volk an sich ebenfalls umkehrt und sich zu Gott wendet (Neh. 1, 14). Als Pastor kann ich durchaus meine Gemeinde repräsentieren und mich bei der Polizei für einen zu lauten Gottesdienst entschuldigen und sagen „Es tut uns und mir leid, dass wir zu laut waren,“ selbst wenn ich beim betreffenden Sonntag auswärts gepredigt habe und nicht da war. Repräsentantenfunktion für eine Gemeinschaft haben jedoch ihre Grenzen. Ich erwarte nicht, dass sich die polnische christliche Kirche bei meiner Stadt dafür entschuldigt, dass sich die Autodiebstähle seit der Öffnung der Grenze verdreifacht haben. Das Bußgebet des Daniel und des Nehemiah hatten einen kollektiven Charakter, aber deshalb weil sie Teil und Repräsentanten genau des Volkes waren, welches Gottes Bundesvolk war. Es ist nicht legitim von diesem kollektiven Charakter für das Bundesvolk eine „stellvertretende Buße“ des Bundesvolkes des Neuen Testaments für ihre heidnische Herkunftsnation abzuleiten.

Wenn stellvertretende Buße diese große Schlüsselrolle des „Decke Zerbrechen“ zukommt, welche die Decke von den Augen der Nationen wegnimmt, dass sie (wie von Gott gewünscht zur Erkenntnis der Wahrheit und zur Rettung kommen) würde ich eine Beschreibung der stellvertretenden Buße als Schlüssel für den Missionserfolg der ersten Kirche in den Schriften des NT erwarten. Ich würde erwarten, dass Paulus die Römer in die Praxis der stellvertretende Buße einführt, um die Decke der Blutschuld zu durchdringen, welche durch die grauenhafte, barbarische, ruhmsüchtige und profitgierige Kriegsführung der Römischen Nation entstanden ist. Ich würde damit rechnen, dass wenigstens in einem Brief an eine Römische Kolonie (Galater; Korinther, Philipper, Römer) stellvertretende Buße über das hunderttausendfache Morden in den Amphitheatern zur Belustigung der Bürger getan wird. Wenn tatsächlich Blutschuld eine Decke über ein Volk bringt, die nicht von allein verschwindet, würde ich erwarten, dass Paulus die Philipper in eine stellvertretende Buße für die römischen Legionen führt, mit denen Philippi nach dem Kampf am gleichnamigen Ort bevölkert wurde und welche raubend, mordend und plündernd im Römischen Zivilkrieg durch Griechenland gezogen waren. Wenn jedoch (trotz der mannigfaltigen Gelegenheiten dazu) das Neue Testament null Hinweise auf die Praxis der „stellvertretenden Buße“ in der ersten Gemeinde liefert, spricht diese gähnende Leere Bände! Die Apostel und die christliche Gemeinschaft haben auf die Kraft des Evangeliums vertraut, mit dem katastrophalen moralischen und geistigen Zuständen der Welt im ersten Jahrhundert zurecht zu kommen. Nicht auf stellvertretende Buße.

Wer den „Marsch des Lebens“ unterstützt, muss sich bewusst sein, dass er damit bekennt, dass die Kraft des Evangeliums zwar damals, aber heute nicht mehr ausreicht, um eine sündige Nation zu erreichen. Er gesteht damit aktiv ein, dass ein im ersten Jahrhundert unbekanntes religiöses Ritual heute Autorität hat zu erreichen, was damals allein durch Gebet und die Verbreitung des Evangeliums möglich war.

Kritikpunkt 5: Der „Marsch des Lebens“ steht für eine extreme Form des Zionismus, welche nicht der Biblischen Sicht von Israel entspricht, die Vorrangstellung von Jesus vermindert und dem Jüdischen Volk schadet.

Als Deutscher kann ich es verstehen, dass wir nach unserem schrecklichen Vergehen an den Jüdischen Menschen im zweiten Weltkrieg besonders bereit dafür sind, den von uns angerichteten Schaden wieder gut machen zu wollen und sensibel dafür zu sein, das jüdische Volk zu ehren. Dies ist durchaus richtig und berechtigt. Allerdings muss unser Verhältnis zum Jüdischen Volk und zum Staat Israel sowohl von Liebe als auch von Wahrheit gekennzeichnet sein. Es ist nicht richtig, Israel (im folgenden die Bezeichnung für Volk und Staat) aus Sympathie Zusicherungen und Verheißungen zuzusprechen, welche nicht wahr sind. Auch wenn sie gut gemeint sind, schaden sie dem Volk, welches wir segnen wollen. Wenn ich meiner Tochter aus Zuneigung verspreche, dass Gott sie vor jedem Leid bewahren wird, ist dies im gegenwärtigen Moment eine angenehme Illusion – aber dennoch eine Illusion, welche ihr langfristig schaden wird.

Die Decke des Schweigens schreibt Israel Vorrechte zu, welche nicht wahr sind. Theologische Grundlage der Fehleinschätzung der Rolle Israels und unserer Einstellung zu Israel ist eine falsche Auslegung von Röm. 11, 18. Da schreibt Paulus:

Wenn aber etliche der Zweige ausgebrochen wurden und du als ein wilder Oelzweig unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Oelbaums teilhaftig geworden bist, so rühme dich nicht wider die Zweige! Rühmst du dich aber, so wisse, daß nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich!

Jobst Bittner kommentiert dazu: „Paulus warnt uns ausdrücklich davor, uns als Christen in irgendeiner Weise vom jüdischen Volk abzugrenzen… [Christen sollten Israel lieben auf eine Weise, dass sie] seinem erwählten Volk – unabhängig von unseren Anschauungen und Einschätzungen – in allem die erste Stelle einzuräumen. Gottes Erwählung Israels zu verstehen, heißt zu bejahen, dass die Gemeinde ihre geistliche Substanz aus dieser Wurzel hat.14
Bittner macht bei seinen Kommentaren zwei grundlegende Fehler. Zum einen beachtet er nicht die die nuancierte Unterscheidung der Wortwahl des Paulus, wer „Israel“ ist. Paulus hat schon in Röm. 9, 6 klar gemacht, dass „nicht alle Israel sind, die aus Israel sind.“ Das heisst, nicht alle physischen Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs sind „wahre Israeliten, echtes Volk Gottes.“ Es gibt innerhalb des ethnischen Volkes einen Überrest, ein „Kernvolk“ welches aufgrund von Gnade erwählt wurde, „wirkliches errettetes Volk Gottes“ zu sein (Röm. 11, 5). Darauffolgend schwankt Paulus immer wieder, wenn er den Begriff „Israel“ benutzt, wen er damit bezeichnet – Alttestamentliches Kernvolk, Juden und Heiden im Messiahs, oder ethnisches Israel. Es ist eben grundsätzlich falsch, nur weil der Staat im nahen Osten sich selbst „Israel“ nennt, jedes mal, wenn im Römerbrief die Rede von „Israel“ ist als Referenz das jetziges Volk und Staat zu wählen. Das ist wie wenn mein Nachbar, der zwei Häuser weiter weg wohnt und mit Familiennamen „Israel“ heisst, aber ein waschechter Heide ist, sich das Recht herausnimmt, Röm. 9-11 auf sich zu beziehen. Wenn Paulus schreibt, dass „die Wurzel“ uns trägt, meint er NICHT damit, dass sekulare, nicht an Christus glaubende Juden unsere Wurzel sind, sondern das erwählte Alttestamentliche Gottesvolk unsere Wurzel ist, in welches wir eingepflanzt sind. Nicht an Christus glaubende Juden werden explizit als abgehauene Zweige (Röm. 11, 17) im Bild des Ölbaumes bezeichnet. Der heutige Staat Israel und die weltweiten ethnischen Juden, welche nicht an Christus glauben sind im zitierten Bild NICHT die Wurzel, sondern abgehauene Zweige – OHNE LEBEN! Der vielzitierte Ausdruck „zu unseren jüdischen Wurzeln zurück zu kehren“ bedeutet NICHT ungläubigen Juden die „erste Stelle einzuräumen“ oder sie als „die Quelle unseres geistlichen Lebens und Vollmacht“ anzusehen! Wenn Paulus dies sagen wollte, hätte er geschrieben, „abgeschnittene Zweige sind eure Wurzel“! Es ist paradox, dass ausgerechnet Zweige ohne Leben und ohne Verbindung zu Gott und ohne Verbindung zum wahren Gottesvolk nach Bittners Meinung die Quelle des Lebens für die Gemeinde sein sollen.
Der zweite grundlegende Fehler in den Ausführungen von Pastor Jobst ist, dass der Kontext des Römerzitates völlig missachtet wird und eine Anwendung des Textes vorgeschlagen wird, welcher der Intention des Autors widerspricht. Der Fokus von Röm. 11 liegt darauf, dass Paulus den Heidenchristen erneut sagen will, dass sie aufgrund der GNADE Gottes allein zum Volk Gottes zugehörig geworden sind. Wenn in Röm. 1-3 der ethnische Stolz der Juden das Problem war, welches sie von der Gnade Gottes, welche freie Rechtfertigung bewirkt, abhielt, so warnt jetzt Paulus die Heiden, nicht dieselbe Sünde der ethnischen Arroganz zu begehen. Heiden wurden nicht erwählt aufgrund von ethnischer Vorrangstellung, sondern einzig und allein aufgrund von Gnade! Das „rühmende Erheben“ in Röm. 11, 18 ist nicht „irgendeine Weise des Abgrenzen vom jüdischen Volk,“ sondern die arrogante Behauptung, dass Juden von der rettenden Gnade Gottes verstoßen wurden. Gott hat Israel aber nicht verstoßen, dass Er ihnen rettende Gnade verweigert, sondern Er ist in der Lage, „abgeschnittene Zweige“ – durch Glauben an Christus – wieder in das lebendige Volk Gottes einzupflanzen (Röm. 11, 23; cf. 11, 14). Die Intention des Paulus ist, dass Heiden, die aus Gnade allein, frei gerechtfertigt wurden und Erben der Verheißung geworden sind (Röm. 8, 17) nichtgläubigen Juden JETZT (!) den Segen Gottes vorhalten, den ihr Messias, an den sie noch nicht glauben, den Heiden geschenkt hat und auf diese Weise Juden eifersüchtig zu machen und sie zum Glauben an denselben Messiahs zu bringen (Röm. 11, 14)!

Eine Zuschreibung der „Vorrangstellung in allen Dingen“ zu Israel ist gegen die Intention des Paulus im Römerbrief und sie ist kontraproduktiv dem Anliegen des Apostels. Israel soll zum Messiahs hingeliebt werden („Brüder, meines Herzens Wunsch und mein Flehen zu Gott für Israel ist dass sie gerettet werden mögen“ (Röm. 10, 1)). Dies geschieht aber NICHT durch die Zuschreibung einer „Vorrangstellung“ und des uneingeschränkten Bekenntnis der Erwählung ethnischen und staatlichen Israels! Nichts ist so falsch wie die Bittners Zuschreibung an Israel „Du bist unser Erbe, unsere Liebe, der Segen aller Nationen.“15 Unser Erbe ist in und durch Christus – nicht sekuläres Israel! Jüdische Nichtchristen brauchen selbst dringend Rettung und Segen durch die Gnade Gottes in Christus (Röm. 11, 30-32) – ungläubige Juden sind NICHT der Segen aller Nationen.16 Christus und Christus allein ist der Segen aller Nationen.

Kein Christ, der bei klarem Verstand ist, sollte für eine Veranstaltung auf die Straße gehen und öffentlich bekennen, dass „sekuläres Israel“ der Segen der Nationen ist. Es untergräbt zutiefst unser Zeugnis, dass Christus und Christus allein die einzige Hoffnung ALLER Nationen, einschließlich Israels ist (Apg. 4, 2), den Segen Gottes zu erben. Juden und Heiden weltweit sind gleichermaßen unter dem Zorn Gottes (Röm. 1, 18; 3,9) und es gibt NUR EINEN JUDEN, der Juden und Heiden weltweit und unterschiedslos von diesem Zorn befreit und uns den Segen und das Erbe Gottes bringt: Er heisst Jesus Christus. Er hat die Vorrangstellung. ER ALLEIN!

Einem nichtgläubigem Volk unter dem Zorn Gottes diese Vorrangstellung einzuräumen ist nicht nur eine Entwürdigung der Vorrangstellung von Christus, wir segnen damit nicht das Volk Israel. Sekularem Israel als „Segen der Nationen“ zu bezeichnen und eine „Vorrangstellung in der Erwählung Gottes“ einzuräumen ist als Gegenreaktion auf den schrecklichen Mord an Juden jetzt auf der anderen Seite des Pferdes herunter zu fallen. Die instinktive Reaktion kann ich nachvollziehen – aber theologisch ist man dennoch gefallen. Und man ist Israel nicht zum Segen, sondern zum Schaden geworden. Johannes der Täufer und Jesus haben intensiv dafür gekämpft, Israel von einer schadenvollen Illusion zu befreien: dass ethnische Zugehörigkeit ohne Leben in Beziehung mit Gott ausreicht, um das Reich Gottes zu erben. Ich zitiere nur zwei Beispiele für die Wucht der wiederkehrenden Konfrontation des Propheten und des Messiahs mit der Selbsttäuschung des Jüdischen Volkes in den Stolz ihrer ethnischen Herkunft.

Denkt nicht bei euch selbst zu sagen ‚Wir haben Abraham als unseren Vater.‘ Denn ich sage euch, Gott ist in der Lage, aus diesen Steinen, Kinder für Abraham zu erwecken. Bereits jetzt ist die Axt an die Wurzel des Baumes angelegt. (Matt. 3, 9)

Jesus sagt zu ihnen: ‚Wenn ihr Abrahams Kinder währet, würdet ihr die Werke Abrahams tun… Wenn Gott eurer Vater wäre, würdet ihr mich lieben‘ (Joh. 8, 39, 41).

Das jüdische Volk ist in großer Not. Ohne Hinwendung zu Gott und Seinem Messiahs haben sie kein Anrecht auf das Privileg „Nachkommen Abrahams“ zu sein und den Segen Abrahams zu erben. Das jüdische Volk ist ohne Messiahs, ohne Hoffnung auf Herrlichkeit und unter dem Zorn Gottes. Übertriebener ethnischer Stolz und der fälschliche Glaube, Privilege bei Gott zu haben, ohne mit Ihm rettend versöhnt zu sein, ist eine der wichtigen Gründe, warum Israel Christus nicht als Messiahs angenommen hat. Der „Marsch des Lebens“ mit seiner falschen Zuschreibung einer „Vorrangstellung bei Gott“ verstärkt genau diesen ethnischen Stolz, gegen den sowohl Johannes, Jesus und die Apostel gekämpft haben. Der „Marsch des Lebens“ mit seiner falschen extremen zionistischen Theologie wird Israel nicht zum Segen, sondern erschwert ihnen den Zugang zu Christus.

Christen in Deutschland haben eine Verantwortung, Israel zu lieben. Liebe bedeutet NICHT, Israel „in allem die erste Stelle einzuräumen,“ sondern in Demut, Gnade und Wahrheit – eventuell verbunden mit materieller Unterstützung – ihnen ihre einzige Hoffnung aufzuzeigen – Messiahs Jesus Christus!

Auch wenn die Intentionen des „Marsch des Lebens“ gut sein mögen, die tragende Theologie und die untermauernden Werte der Bewegung sind in wichtigen Punkten unvereinbar mit dem Evangelium.

Ich rate jedem Christen zu hinterfragen, ob er sich hinter die Werte des „Marsch des Lebens“ stellen kann und welche Konsequenzen sein Einsatz für diese Initiative für das Zeugnis von Jesus und für das Volk Israel hat.

1 Jobst Bittner. Die Decke des Schweigens.. 2011, 29, 55-63.
2 Ibid., 63.
3 Ibid., 63, 80.
4 Bruce L. Shelly. Church History in Plain Language.. 1995, 64-65.
5 Jobst Bittner. Die Decke des Schweigens.. 2011, 91, 228.
6 Ibid., 91, 94.
7 Bitte verurteile mich nicht der Liberalität der Bibelauslegung, nur weil ich behaupte, dass das Alte Testament Stilfiguren der Übertreibung benutzt. Nur weil ich nicht jede Stelle „wortwörtlich“ verstehe, heisst dies nicht, dass ich nicht „bibeltreu“ bin. Im Gegenteil, „bibeltreu“ ist derjenige, welche die Absicht des Autors zu verstehen sucht, und nicht kategorisch wortwörtlich liest. David hat nicht wortwörtlich ununterbrochen 12 Stunden geweint und so viele hundert Liter Tränen vergossen, dass sein Bett darin geschwommen ist (Ps. 6, 7). Letzteres ist nur ein weiteres Beispiel der poetischen Stilfigur der Übertreibung, von dem das AT reichlich Gebrauch macht, um eine Tatsache eindrucksvoll zu beschreiben.
8 John I. Durham. Exodus.. WBC 3. 1987, 287.
9 Jobst Bittner. Die Decke des Schweigens.. 2011, 232.
10 Ibid., 94.
11 Ibid., 92.
12 Ibid., 94.
13 Ibid., 184, 192.
14 Ibid., 69-70. Hervorhebung von mir.
15 Ibid., 250.
16 Oft wird 1 Mose 12, 3 („Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und durch dich sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden!“) als Rechtfertigung heran gezogen, dass Segen oder Fluch von unserer Einstellung zu Israel (i.e. den physischen Nachkommen Abrahams abhängt.) Dies ist exegetisch nicht haltbar. Paulus hat darauf aufmerksam gemacht, dass „die Verheißung des Segens“ nicht auf „physischer Nachkommenschaft“ beruht. („Wisse, dass nur diejenigen, die Glauben haben, Söhne Abrahams sind“ (Gal. 3, 7)). Die Verheißung Segen für die Nationen zu sein, war nie als sterile Mechanik gedacht im Sinne, dass die Einstellung zu Menschen mit bestimmter physischen DNA, einen Automatismus des Segens oder Fluchs hervorbringt. Der Grund, Segen für die Nationen zu sein, war von Anfang an die Glaubens-Beziehung Abrahams und des Volkes zu Gott. Der Segen war von Anbeginn der Gedanke, dass die Nationen durch das erwählte Volk Israel ebenso zu einer Gottesbeziehung finden. Wie dieser Segen auf die Nationen kommt, wird explizit in Gal. 3, 8 beschrieben: „Und die Schrift, vorhersehend, dass Gott die Heiden durch Glauben rechtfertigen wird, predigte das Evangelium bereits zu Abraham, sagend „In dir sollen alle Nationen gesegnet sein.“ Beachte, dass Gal. 3, 8 explizit 1 Mose 12, 3 zitiert und die Erfüllung von 1 Mose 12, 3 auf Menschen bezieht, die dem EVANGELIUM glauben! Gal. 3, 9 fasst es noch einmal zusammen: „So diejenigen, die des Glaubens sind, sind gesegnet mit dem glaubenden Abraham.“ Der verheißene Segen aus 1 Mose 12, 3 (diejenigen, die dich segnen) wird also NICHT aufgrund der Einstellung zu den ethnischen Nachkommen Abrahams erteilt, sondern aufgrund der Einstellung zum Verheißenen Samen Abrahams, Christus (Gal. 3, 16), dem Inhalt des Evangeliums. Auch im Galaterbrief ist das Verhältnis zu Christus einziges Kriterium dafür, Segen zu erben oder nicht.