Höre (nicht) auf dein Herz !

Auch in der Gefahr, dass ich meinen ehemaligen Musikgeschmack verrate: Roxetts Listen to your heart war definitiv eines meiner Lieblingslieder in den 90-ern. Auch wenn der Song fast in Vergessenheit geraten ist, Listen to your heart (dt.: Höre auf dein Herz) ist das Glaubensbekenntnis von Millionen von Menschen in der westlichen Welt geworden. Wenn man heute noch Hymnen singen würde, „Listen to your heart, Höre auf dein Herz“ würde im 21. Jahrhundert sicher die Hitlisten anführen wie „Amazing Grace“ das vor 300 Jahren getan hat.

„Was das Herz dir sagt“ ist in meiner Generation der letztendliche Standard dessen geworden, was richtig und was falsch ist. „Höre auf dein Herz“ klingt nobel. „Höre auf dein Herz“ ist so tief in unserer Überzeugung das Kriterium dafür geworden, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist, dass das Dogma „was sagt dir dein Herz“ kaum noch hinterfragt wird. „Ich habe gemacht, was mein Herz mir gesagt hat,“ ist die ultimative Begründung oder Entschuldigung, jegliche Gedanken und Taten als edel und hochherzig darzustellen. Gegen das, „was das Herz sagt“ zu entscheiden, wird als gewalttätiger Zwang empfunden, welches die sich entfaltende Persönlichkeit unterdrückt.

Die philosophische Basis hinter der Überzeugung „höre, was dein Herz dir sagt“ ist der Gedanke, dass das menschliche Herz grundsätzlich gut ist und eine (fast übernatürliche) Fähigkeit hat, aus sich selbst heraus dem Menschen Impulse zu geben, die verlässlich und unfehlbar sind, wenn es darum geht, dir den Weg zu Wahrheit und Freude zu zeigen.

Diese exzellente de luxe Einschätzung unseres Herzens ist so lange philosophisch haltbar, bis du reflektierst, was dein Herz dir heute schon gesagt hat. Mein Herz war heute schon mal voller Zorn auf meinen Nachbarn. Mein Herz hat mir heute schon suggeriert, dass die Welt sich um mich dreht und alle dafür da sind, meine Sehnsüchte zu erfüllen. Mein Herz denkt heute das beste über meine Intentionen und das schlechteste über die Leute, die meinen letzten Blogbeitrag kritisiert haben. Mein Herz hat mir gesagt, dass die Leute, die meinen blog gelobt haben, wunderbare Menschen sind. Mein Herz findet so manchen unmoralischen oder sich rächen wollenden Gedanken als angenehm!

Der Status meines Herzens entspricht wohl eher der biblischen Einschätzung:
Trügerisch ist das Herz, mehr als alles, und unwahrscheinlich böse. Wer kennt sich mit ihm aus? (Jer. 17, 9).

Derjenige, der das Herz erforscht und prüft (Jer. 17, 10) und gut kennt wie kein anderer (Joh. 2, 24) schätzt es so ein: „Denn von innen aus dem Herzen der Menschen kommen böse Gedanken hervor: Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut, Torheit; alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und verunreinigen den Menschen.“ Das menschliche Herz ist nicht edel, hilfreich und gut. Unser Herz ist pathologisch krank, vergiftet und gemein. Dem Herz ist grundsätzlich nicht zu vertrauen. Zumindest nicht so lange, wie es den Platz des Lenkers unseres Lebens einnehmen will.

Mehr auf unser Herz zu vertrauen ist nicht die Lösung unserer Probleme. Unser Herz ist das Problem! Auf sich allein gestellt wird es einfach nur unsere krankhaft selbstsüchtigen Verlangen widerspiegeln. Wenn das Herz keinen König hat, auf den es hören muss, wird jedes Herz einfach tun, was recht ist in seinen Augen. Und letzteres führt nicht zu paradiesischen Zuständen, sondern ist eine Beschreibung elendster und katastrophaler Zustände aus dem Buch Richter. Die zwei Zitate „In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri. 17, 6; 21, 25) funktionieren wie zwei Buchenden des letzten Abschnittes des Buch Richters. Dazwischen liest man, wie degeneriert Menschen werden, wenn „ihr Herz“ der einzige Maßstab menschlichen Handelns ist: Vergewaltigung, Mord, Bürgerkrieg. Richter 19 ist eine Wiederholung dessen, was bereits in 1 Mose 19 geschah: Israel ist wie Sodom und Gomorrah geworden, wenn ein jeder nur das tut, was das Herz einem sagt.

Das Herz ist nie dazu geschaffen worden, Lenker des Menschen zu werden. Es funktioniert erst richtig, wenn es selbst gelenkt wird. Das Herz ist nicht dazu bestimmt, unser Führer zu sein. Es muss selbst geführt werden. Allerdings bedeutet dies nicht, dass alles, was das Herz braucht, Ratschläge oder „Anweisungen von oben“ sind, um das Gute zu wollen und zu vollbringen. Ethische Anweisungen allein bringen das Herz nicht dazu, diese als angenehm zu empfinden und umsetzen zu wollen. Das Herz braucht eine Radikaltransformation. „Du musst von Neuem geboren werden“ (Joh. 3, 3) bedeutet, dass der Mensch erkennt, dass er nicht nur ein paar Hilfestellungen braucht, um es „in den Himmel“ zu schaffen. Nein, unser Herz ist so korrupt, dass nur eine regelrechte Herz-OP von Nöten ist, um unser Inneres dazu zu bewegen, das als gut und angenehm zu empfinden, was wirklich gut und angenehm ist.

Und genau diese Radikaltransformation unserer Herzen passiert, wenn das Herz der Nachricht von der Gnade vertraut, die uns in Christus angeboten wird (Rom. 6, 17). Wenn das Herz Christus vertraut, wird die Gnade Gottes das Herz so reinigen und verändern (Apg. 15, 9), dass es sensibel für die wahren Werte des Lebens wird: „Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben“ (Hez. 36, 26).

Und dennoch: auch wenn das Herz durch Gnade erneuert und gereinigt worden ist, bedeutet dies nicht, dass das Herz nun endlich zum verlässlichen Kompass unseres Lebens geworden ist. Das Herz ist nicht dazu da, unabhängiger Kompass unseres Lebens zu sein. Es hat seine wahre Bestimmung gefunden, wenn es sich Gottes Wort unterordnet und Seinem Wort mehr vertraut als alle anderen Gefühlsregungen: „Mit meinem ganzen Herzen habe ich dich gesucht. Lass mich nicht abkommen von deinen Geboten! In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige“ (Psalm 118, 10-11).

Auch das erneuerte Herz ist keine letztendliche Entscheidungsinstanz dafür,
a) darüber zu urteilen, wie Gott über uns denkt,
b) was Wahrheit ist oder
c) welche ethischen Werte richtig sind und umgesetzt werden.

A) Der Zustand unserer Beziehung zu Gott wird nicht daran gemessen, was unser Herz (sprich unsere Gefühle bzw. unser Gewissen) uns jeweils widerspiegeln. Wenn Johannes schreibt, „wenn das Herz uns verurteilt, ist Gott größer als unser Herz und kennt alles,“ dann hat er einen Christen vor Augen, der von einem schlechten Gewissen geplagt ist, mit Gott nicht im Reinen zu sein. Ein schlechtes Gewissen, Gott nicht genügend zu gefallen, muss aber nicht der Wahrheit entsprechen! Bei schlechtem Gewissen, so rät uns Johannes in dieser Situation, beruhige dein Herz damit, dass Gott größer ist als das (trügerische) Herz und die Wahrheit um die wiederhergestellte Beziehung mit dir kennt, auch wenn dies dein Herz momentan so empfindet.

B) Wahrheit wird nicht dadurch bestimmt, was das Herz gern glauben möchte. Dein Verstand wird nie glauben, was das Herz nicht glauben will. Aber Wahrheit bleibt Wahrheit, ob wir es wollen oder nicht. Ich habe noch keinen (gesunden) Menschen erlebt, der die Idee von ewiger Verdammnis in der Hölle als angenehm empfindet. Sich emotional nicht damit arrangieren zu können, dass manche Menschen ohne Hoffnung ewig von Gott und allem Guten getrennt leben werden, ist – so schätze ich – der eigentliche Grund, warum viele Christen nach alternativen theologischen Erklärungen (Allversöhnung, Terminierung der Existenz der Nichtversöhnten, o.ä.) suchen für – meiner Meinung nach – eindeutige Belege in der Heiligen Schrift, dass Gottes Zorn real und ewig ist. Unser Herz wird aber Wahrheit nicht „wegfühlen“ können. Wahr ist, was Gott in Seinem Wort als wahr, zuverlässig und fehlerlos offenbart hat – völlig unabhängig davon, was dein Herz davon hält.

C) Ethische Werte werden nicht bestimmt dadurch, was sich „richtig“ oder „gut anfühlt.“ Dein Herz wird dir immer nur sagen, was du willst, nicht was objektiv moralisch nobel oder verachtenswert ist. Einziger verlässlicher Maßstab ist und bleibt, wie Gott moralische Werte einschätzt. Ich habe in den letzten Monaten traurig miterlebt, wie zwei Freunde, deren Herz einmal völlig überzeugt war, dass sie ohne ihren Geliebten nie leben können und ihn deshalb geheiratet haben, zehn Jahre später von demselben Herz überzeugt wurden, den falschen geheiratet zu haben und sich scheiden lassen müssen, um mit einem neuen Mann zu leben. Wenn das Herz etwas unbedingt will, wird es einen Weg finden, klare und eindeutige christliche Werte mit gutem Gewissen zu umgehen.

Höre nicht auf dein Herz! Lass die Augen deines Herzens fest auf Gott gerichtet sein. Wenn Sein Wort deines Fußes Leuchte ist (Ps. 119, 105), wirst du erleben, wie genial es ist, wenn dein Herz eine genüssliche Freude an Gott entwickelt (Ps. 19, 8). Herz, höre auf Gott!