Der Missbrauch einer bewegenden Geschichte!

Die Geschichte ist unwahrscheinlich bewegend: der japanische Soldat Hiroo Onoda war auf der Philippinischen Insel Lubang stationiert als 1945 amerikanische Truppen die Insel überrannten. Onoda war einer der wenigen, die in den Dschungel flüchteten und sich dort versteckten. Auf Flugblättern, welche das Kriegsende und die Kapitulation Japans erklärten, reagierte die kleine Soldatentruppe nicht, weil sie es für eine Taktik des Feindes hielten. Onoda weigerte sich selbst auf Flugblätter seiner Familie zu reagieren und kämpfte als Guerilla-Soldat weiter bis 1974 als man eine Begegnung zwischen Onoda und einem seiner ehemaligen Vorgesetzten arrangierte, der ihm „befahl“ aufzugeben. 19 Jahre lang hatte Onoda gekämpft und dabei 30 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt, obwohl der Krieg schon fast zwei Jahrzehnte lang vorbei war.

Die Tragik der Geschichte wird in Christlichen Kreisen allerdings durch noch eine größere Tragik überschattet. Prediger, Theologen und Autoren missbrauchen die emotional bestürzende Geschichte, um theologischen Betrug emotional attraktiv zu machen.

Der Missbrauch der Geschichte durch Theologen der All-Erlösung

Die Geschichte vom tragischen Weiterkämpfen des Hiroo Onoda wurde bisher gern von Vertretern der Theologie der All-Versöhnung missbraucht, um zu behaupten, dass Christus bereits alle Menschen – unabhängig ihres Glaubens – mit Gott versöhnt hat. Evangelisation hat den einzigen Zweck Menschen davon zu überzeugen, dass sie bereits mit Gott versöhnt sind. Warum, so die Behauptung, weiter gegen Gott rebellieren und wie Onoda sich weigern an Gott zu glauben, wenn Gott bereits Frieden geschlossen hat und die Beziehung aller Menschen mit Gott bereits durch Christus in Ordnung gebracht ist. Wer noch nicht an Christus glaubt, weiß (wie Onoda) einfach noch nicht, dass schon längst Frieden und Versöhnung zwischen Gott und allen Menschen existiert. Gemäß All-Versöhnern werden also fast alle Menschen nach dem Tod ihre große Überraschung erleben: Evangelikale Christen werden überrascht sein, dass sie auch ohne Glaube und Nachfolge von Christus errettet hätten werden können (denn alle anderen Menschen sind es ja auch) und alle Atheisten, Muslime, Taoisten, etc., die nie etwas mit Christus zu tun haben wollten, werden überrascht sein, dass sie im Augenblick ihres Erwachens in der Ewigkeit Christus anbeten werden.

So eindrucksvoll die Geschichte um den Soldaten Onoda auch ist, sie eignet sich allerdings nicht, um die Natur des Evangeliums zu illustrieren. Denn Gott hat nicht (!) bereits Frieden mit allen Götzendienern und Rebellen geschlossen, sondern tut dies ERST, wenn diese ihre Knie vor Christus beugen und Ihn als Retter und Herrn anerkennen. Das Evangelium beinhaltet NICHT die Botschaft „ihr seid bereits alle seit langer Zeit versöhnt (so wie Onoda, ihr wisst es nur noch nicht)“, sondern „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2 Kor. 5, 20). Anstelle einer großen Überraschung der harmonischen Versöhnung aller Menschen mit Gott behauptet das Neue Testament, dass Zerstörung, Zorn und ewige Verdammnis diejenigen erwartet, die zu Lebzeiten nicht Christus als gnädigen Retter und Herrn anrufen:

Gott wird denen vergelten, die euch durch Drangsal bedrängen… Dabei übt er Vergeltung an denen, die Gott nicht kennen, und an denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen; 9 sie werden Strafe leiden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke, 10 wenn er kommt, um an jenem Tag in seinen Heiligen verherrlicht und in allen denen bewundert zu werden, die geglaubt haben; denn unser Zeugnis an euch ist geglaubt worden. (2 Thes. 1, 6-10).

Der Ruf des Evangeliums ist nicht „Gott hat bereits mit allen Frieden geschlossen“ sondern „ich sage euch, wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.“ (Lukas 13, 3)

Der Missbrauch der Geschichte, um Theologischen Pluralismus zu fördern

Der zweite Missbrauch der tragischen Geschichte um die verspätete Kapitulation des Soldaten Onoda – und der eigentliche Grund dieses Blog-Beitrages – findet sich im Vergleich der Katholisch-Evangelischen Beziehung wieder. In dem Artikel „Ich will Frieden säen“ in der Zeitschrift Charisma (1. Quartal 2017) berichtet Andreas Boppart auf Seite 26 von einer Andacht des Katholischen Predigers Raniero Cantalamessa vor der Kurie und dem Papst über die Geschichte Onodas. Raniero sprach in seiner Andacht davon, dass es seit der Reformation viele „Kriege“ zwischen Katholiken und Protestanten gegeben hätte, dieser Krieg aber vorbei sei. Leider hätten dies aber noch nicht alle bemerkt.

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Ich kenne den genauen Wortlaut der Andacht von Pater Raniero nicht und kann deshalb nicht einschätzen, worauf der Päpstliche Prediger sich genau bezog. Ich habe allerdings den Artikel von Andreas Boppart vor mir und möchte mit diesem Artikel Andreas auffordern, seine Aussagen darin zu revidieren – oder zumindest zu präzisieren. Ich gebe Andreas gern den Vertrauensvorschuss, dass er in der Kürze seines Artikels nicht allumfassend seine Sicht über den Katholischen Glauben Glauben präsentieren konnte. Vielleicht hat sich Andreas in der Kürze etwas unglücklich ausgedrückt, aber so wie der Artikel steht begeht er theologischen Betrug am kostbaren Evangelium, welches Gott Andreas und uns zur kostbaren Bewahrung anvertraut hat (1 Tim. 6, 20).

Den Papst zu treffen ist eine super Sache!

Bevor ich die Aussage im Artikel „Ich will Frieden säen“ theologisch kritisiere, möchte ich mich für Andreas einsetzen. Er schrieb den Artikel in der Charisma als Verteidigung seiner Praxis mit Katholiken im Dialog zu stehen und händeschüttelnd mit dem Papst in einem Foto veröffentlicht worden zu sein. Ich sehe es als ein Vorrecht an, eine Audienz beim Papst zu bekommen. Ich kenne Papst Franziskus weder persönlich, noch verfolge ich sein Leben, aber ich schätze, was ich von ihm gehört habe: er scheint ein fantastisch demütiger und den Belangen der Armen hingegebener Mann zu sein und ich würde ihm gern (wie Andreas) die Hand schütteln und hätte auch nichts dagegen, wenn ein Foto vom Papst und mir in der Zeitung erscheinen würde (ganz abgesehen davon, dass es wohl niemanden interessiert, ob ich dem Papst die Hand schüttele oder nicht).

Der freundschaftliche Dialog, der sich zwischen Evangelikalen und Katholiken unter Papst Franziskus intensiviert ist nur zu begrüßen. Echte Christen sind ohnehin aufgefordert allen Menschen in respektvoller, friedfertiger und liebenswürdiger Weise zu begegnen (1 Thes. 3, 12) – und erst recht so katholischen Gläubigen, mit denen uns viel verbindet: einen gemeinsamen Glauben an denselben drei-einigen Gott, Glauben an denselben Jesus Christus und gemeinsame moralische Werte.

Der Vergleich des Soldaten Hiroo Onoda mit den Katholisch-Evangelikalen Beziehungen ist äußerst unglücklich

Aber, lieber Andreas Boppart, Evangelikale Gläubige und Katholiken trennen sich auch in wesentlichen (heilsentscheidenen !) Glaubensfragen. Daran hat sich auch trotz Papst Franziskus seit der Reformation vor exakt 500 Jahren nichts geändert. Und es ist Christlicher Unfug als auch theologischer Schwindel und Betrug am Evangelium die Geschichte vom Japaner Onoda zu verwenden, um die Beziehung zwischen dem Evangelikalen und Katholischen Glauben zu illustrieren indem man behauptet „Der Krieg ist vorbei.“

Tatsächlich, der theologische Streit zwischen Katholiken und Evangelischen Gläubigen ist vorbei? Was genau ist denn passiert, dass die fundamentalen konträren Glaubenssätze der letzten 500 Jahre sich plötzlich in Luft aufgelöst haben? Seitens der Katholischen Kirche hat sich in den Anti-Reformatorischen Glaubensgrundsätzen, die im Konzil von Trient festgelegt wurden, nichts geändert. Und mein Neues Testament hat sich über Nacht auf übernatürliche Weise auch nicht umgeschrieben, im Sinne dass gute Werke nun doch als Verdienste meiner Rettung notwendig sind. Aber dazu mehr später.

Die neue Freundschaftliche Atmosphäre der Begegnung zwischen Katholiken und Evangelikalen ist erfreulich

Vielleicht hilft ein Beispiel aus der Seelsorgepraxis um die derzeitigen Beziehung zwischen Katholischen und Evangelischen Gläubigen zu illustrieren. Wenn eine harmonische Ehe durch den andauernden Ehebruch eines Partners zerstört wird, lässt sich leicht erahnen, welche „kriegsähnlichen“ Zustände in der Beziehung des Ehepaares zu Hause herrschen. Die Fetzen fliegen und allen Emotionen der Wut werden im Streit so richtig raus gelassen. Aber selbst bei andauernder Untreue werden nach einer Weile die Emotionen zwischen Eheleuten neutraler und man versucht sachlich mit der Herausforderung der getrennten Wege umzugehen. Wer bekommt die Kinder wann und wer bezahlt was zu welcher Zeit wird oft sachlich fair und ohne äußerliche erkennbare Gefühlsregungen geregelt. Aber echter Frieden hat sicher nicht Einzug gehalten. Der „Krieg“ ist erst vorbei, wenn die eigentliche Ursache der zerstörten Beziehung ausgeräumt ist – und zwar durch eine aufrichtige Buße und Bitte um Vergebung des Fremdgehens.

So sehr wir die freundschaftlichen Begegnungen zwischen Evangelikalen Christen und Katholiken schätzen sollten, genau so wenig sollten wir so tun, als ob auf wundersame und unerklärliche Weise alles zwischen der Katholischen Kirche und den Evangelikalen in Ordnung ist und als ob der Streit nur darin gelegen hat, als ob man in den letzten 500 Jahren nicht friedfertig miteinander umgegangen ist. Die eigentlichen Ursachen der Trennung der Kirchen sind nicht behoben. So leid es mir tut und so sehr ich es mir wünschen würde, aber theologisch herrscht kein Frieden zwischen den Dogmen der Katholischen Kirche und den Glaubensgrundsätzen evangelikaler Gläubigen. Der andauernde „Krieg“ der Glaubensaussagen lässt sich auch nicht durch Freundlichkeit und Händeschütteln beenden, sondern ausschließlich dadurch, dass eine der theologisch konträren Seiten seine theologische Position aufgibt und sich der anderen anschließt.

Der inhaltliche Disput zwischen Katholischer und Evangelikaler Doktrin

Hier eine kleine Erinnerung an die wichtigsten dogmatischen Unterschiede zwischen der Katholischen Kirche und Evangelischen Gläubigen.

1. Woher wissen wir was wahr ist und was Christen glauben müssen?

Evangelisch gläubige Menschen glauben ausschließlich an die Bibel als letztendlich verbindliches Wort Gottes, welches alles Denken und Handeln des Christen bestimmt. Deshalb prägten die Reformatorischen Christen den Slogan sola scriptura, also die Idee dass „die Schrift allein“ letztendliche Unterweisungsautorität der Gläubigen hat.

Die Katholische Kirche glaubt sowohl an die Unfehlbarkeit der Bibel (zumindest in der Theorie) als auch an die wörtliche Inspiration der Kirche, also an Tradition und zwar beinhaltet die Tradition alle päpstlich berufenen bzw. unter päpstlichem Vorsitz stattgefundenen Konzilen (insgesamt 21) & alle päpstliche Dekrete.

Die Dogmen der Konzile und die päpstlichen Dekrete sind also genau so ewig unfehlbar wie die Heilige Schrift. Obwohl die Römisch-Katholische Kirche die Bibel als unfehlbar betrachtet, beurteilt sie diese als nicht ausreichend.

Die Bibel wird weiterhin nicht als selbst-interpretierbar bzw. interpretierbar durch literarisch-historische Absichtsforschung angesehen, sondern benötigt zum Verständnis einen autorisierten, übergeordneten Interpreten (= Papst und Bischöfe in Kommunion mit dem Papst). Dies führt letztendlich dazu, dass in der Praxis die Bibel den Beschlüssen der Konzile untergeordnet wird. Das ganze wird genau deshalb problematisch, weil die Konzile Dogmen („ewig unfehlbar“) festgelegt haben, welche in wichtigen Punkten der Bibel eindeutig widersprechen.

Die Katholische Kirche ist an diesem Punkt festgefahren und kann sich nicht ändern ohne ihren Glaubensstandpunkt an die Unfehlbarkeit der Konzile aufzugeben, weil die Unfehlbarkeit der konziliaren Dogmen auf einem („ewig unfehlbaren“) Konzil festgelegt wurden:

„Der Konzil (von Trient) folgt dem Beispiel der orthodoxen Väter und mit dem gleichen Umfang der Andacht und Ehrfurcht, mit der alle Bücher sowohl des Alten und des Neuen Testament akzeptiert und verehrt werden, …, so akzeptiert und verehrt (der Konzil) die Traditionen des Glaubens und der Moral als ob mündlich von Christus gewesen oder durch den Heiligen Geist inspiriert und kontinuierlich in der katholischen Kirche erhalten… Sowohl Schrift und Tradition muss akzeptiert und mit gleichem Umfang der Hingabe geehrt werden.“

Kanonisches Recht der Katholischen Kirche, 87

„Die Aufgabe der authentischen Interpretation das Wort Gottes wurde ausschließlich dem Lehramt der Kirche anvertraut, das heißt, dem Papst und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm.“

                                                                         Katholischer Katechismus 1, 1

 

2. Wie erhalte ich die Erlösung, die Christus am Kreuz bewirkt hat?

Evangelisch Gläubige Menschen beziehen sich auf der Frage, wie ein Mensch die Erlösung erhält, die Christus am Kreuz bewirkt hat auf das im Neuen Testament beschriebene Konzept der Rechtfertigung. Nach dieser Idee spricht Gott den Sünder komplett von allen Sünden frei und spricht ihn gerecht, dass heißt, Gott erlässt eine rechtlich gültige Deklaration, dass der Mensch in Gottes Augen als komplett gerecht gesehen wird. Wir illustrieren dieses Prinzip oft mit der Idee des Tausches am Kreuz, an welchem Christus unsere Sünden auf sich genommen hat und Seine makellose Gerechtigkeit uns verliehen hat. Dieses 100-prozentige Geschenk Gottes erhält der Christ ausschließlich durch Glauben allein an das, was Christus allein am Kreuz getan hat.

Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz [kommt nur] Erkenntnis der Sünde. 21 Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: 22 Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, 23 denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes 24 und werden umsonst gerechtfertigt (Gr. diakoo) durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.

Römer 3, 20-24

„Umsonst gerechtfertigt“ in Röm. 3, 24 beschreibt das alleinige Wirken Gottes, in welchem er den Sünder in einem juristischen Dekret frei und gereicht spricht. Die Bedeutung des griechischen Wortes „gerecht spechen“ (diakoo) wird z.B. durch seine Verwendung in der Septuaginta, der Griechischen Übersetzung des Alten Testamentes ersichtlich, z.B. in Sprüchen 17, 15:

Wer den Schuldigen gerecht spricht (Gr. diakoo) und wer den Gerechten für schuldig erklärt – ein Greuel für den HERRN sind sie alle beide.

Das Gerecht sprechen ist keine moralische Veränderung im Gläubigen, da es kaum verwerflich sein kann, wenn ein Richter in Sprüchen 17, 15 einem ungerechten zu mehr moralischer Aufrichtigkeit verhilft, sondern ein juristischer Freispruch trotz Schuld.

Die Katholische Kirche hat ein völlig anderes Verständnis von Rechtfertigung. Bei ihr wird Rechtfertigung wird in der Taufe vermittelt (egal ob Erwachsenen oder Säuglingstaufe), welche den Täufling innerlich der Gerechtigkeit Gottes angepasst wird. Rechtfertigung ist also keine juristische Deklaration, sondern bezieht sich auf die Heiligung, die moralische Änderung des ganzen Menschen. Der Grund dafür, dass Gott einen Sünder annimmt und ihm ewiges Leben schenkt liegt also nicht in einer juristischen Aktion Gottes, sondern wird dadurch bestimmt, in welchem Maß der Sünder sich moralisch verändert hat.

„Der Mensch erreicht Verdienste vor Gott im Christlichen Leben dadurch, dass Gott es gefallen hat, den Menschen mit den Werken der Gnade zu assoziieren: Gott handelt zuerst in seiner eigenen Initiative und danach folgen des Mannes freie Entscheidungen und Werke durch seine Mitwirkung an Gottes Gnade, so dass die Verdienste der guten Werke zuerst der Gnade Gottes zugeordnet werden und danach den treuen Gläubigen.“

Katholischer Katechismus, 2010

Obwohl die Katholische Kirche behauptet, dass gute Werke nicht exklusiv vom Gläubigen gewirkt worden sind, sondern aufgrund einer vorhergehenden Initiierung Gottes, sind gute Werke direkte Verdienst, welche zur Annahme von Gott führen.

Vielleicht ist es wichtig an dieser Stelle anzumerken, dass die beiden Konzepte der Katholischen Kirche und der Reformation nicht gleichzeitig wahr sein können. Entweder muss der Sünder ausschließlich auf eine rechtliche Freisprechung durch Gott hoffen, oder Rechtfertigung als moralische Lebensveränderung ist ein notwendiger Verdienst, welcher zur Rettung führt. Deshalb prägten die Reformatoren den Ausspruch sola fide, also Glaube allein (ohne Werke) führt zur Erlangung der Gerechtigkeit vor Gott und sola Christus, also Christus und Seinem Werk allein ist es zu verdanken, dass Gott uns Sünder annimmt und gerecht spricht.

Das Konzil von Trient (erinnere dich daran, dass im Katholischen Glauben dieses Konzil ewig bindende Autorität hat) wird die Rechtfertigungslehre der Evangelisch Gläubigen Menschen verworfen und ihr Glaube mit einem Anathema belegt, also ein Christ, welcher an die freie Rechtfertigung des Menschen allein durch Glauben an das Werk von Christus glaubt, wird ewig verdammend verflucht:

Wer sagt, der rechtfertigende Glaube sei nichts anderes als das Vertrauen in die göttliche Barmherzigkeit, die um Christi willen die Sünden vergibt; oder es sei allein dieses Vertrauen, durch das wir gerechtfertigt werden: der sei mit dem Anathema belegt.

Kanon 12 des Konzils von Trient

 

3. Was ist Gnade und wozu brauche ich Sakramente?

Gnade wird von Evangelischen und Katholischen Christen völlig anders definiert. Während Gnade im Reformatorischen Glauben ursprünglich die Tat Gottes beschreibt, mit welcher Gott uns frei und ohne unser zutun vergibt, definiert die Katholische Kirche Gnade ursprünglich als die Hilfe und Inspiration, die notwendig ist, um Gottes Willen zu tun, was wiederum anrechenbarer Verdienst der Rettung ist. Nach der Katholischen Kirche wird Gnade in heilsnotwendigen Sakramenten vermittelt, die ausschließlich in der Römisch-Katholischen Kirche erhältlich sind.

Während Evangelische Menschen die Idee von heilsnotwendigen Sakramenten ablehnen, sind in der Katholischen Kirche Sakramente notwendige Institutionen, welche Gnade vermitteln – ausschließlich um ewiges Heil zu erlangen. Die sieben Sakramente sind Taufe, Sakrament der Buße, Eucharistie, Firmung, Eheschließung, Heilige Ordination und Krankensalbung.

Auf drei Sakramente will ich kurz eingehen:

Im Sakrament der Taufe wird im Römsich-Katholischen Verständnis der Täufling (Säugling oder Erwachsen) wiedergeboren, durch die Taufe wird der Täufling ein Kind Gottes durch Adoption. Jesus Christus wird Bruder, Gott der Vater wird zum Vater und Maria geistige Mutter durch Adoption. Heiligende Gnade ist nur durch die Sakramente (unter anderem die Taufe) erhältlich:

„Gott hat Rettung an das Sakrament der Taufe gebunden…“

Katolischer Katechismus, 1257

Das Sakrament der Buße vergibt die Sünden, welche nach der Taufe begangen wurden. Durch ernsthafte Sünde (Todsünde) verliert der Mensch die Taufgnade und verliert das Heil.

Im Sakrament der Buße passiert folgendes: Der Sünder, welcher bußfertig ist (contritio) geht zum Priester und bezeugt seine Sünden (confessio). Der Priester spricht von Sünde frei (absolutio) und legt eine zeitliche Strafe auf, für welche der Sünder Genugtuung leisten muss. Durch das Bußsakrament erhält der Gläubige KEINE bedingungslose allumfassende Vergebung der Sünde oder Zusicherung der Rettung (wie im Reformatorischen Glauben) bei einer direkten Zuwendung zu Gott (ohne Priester oder Kirche als Mittler) und aufrichtigem Bedauern).

Der Katholische Priester legt dem Sünder eine zeitliche Strafe auf, die durch Genugtuung gemindert wird (Gebete, Fasten, Almosen, Pilgerreisen), der Sünder muss also für seine Sünde Strafe zahlen, wenn diese Schuld nicht genügend in diesem Leben abgezahlt wird, wird dies durch das Fegefeuer nach dem Tod geschehen. Das Sakrament der Buße verhindert zwar die ewige Verdammnis in der Hölle, aber nicht die Notwendigkeit, Genugtuung in Form von irdischer „Leistung“ oder Qualen im zeitlich begrenzten Fegefeuer.

Im Sakrament der Eucharistie wird das Sterben von Christus als erneutes wahres Opfer gefeiert. Christus ist wahrhaft und substantiell im Sakrament der Eucharistie und das Opfer ist wahrhaft sühnend. Wenn der Priester also Brot und Wein weiht, wird Christus noch einmal „unblutig“ geopfert. Die Teilnahme an einer wöchentlichen Eucharistiefeier ist heilsnotwendig.

Die Katholische Kirche verdammt alle die Gläubigen, welches das Abendmal als ein ausschließliches Symbol des Andenkens an das feiern, was Christus getan hat (also das, was Evangelikale Christen glauben) mit einem verdammenden Fluch:

Wenn jemand sagt, das Messopfer sei nur ein Lob- und Danksagungsopfer oder eine bloße Erinnerung des am Kreuz vollbrachten Opfers, nicht aber (Oben, Kap. 2 von diesem Sakramente) ein Sühnopfer oder nütze nur allein dem, der es genießt und müsse nicht die Lebendige und Abgestorbene, für Sünden, Strafen, Genugtuungen und andere Bedürfnisse aufgeopfert werden, der sei mit dem Anathema belegt.

Kanon 3, Konzil von Trient

 

4. Welche Rolle kommen Maria und die Heiligen in Fürbitte, Vermittlung von Gnade und Verdienste zur Rettung zu?

Reformatorische Gläubige lehnen die Verehrung der Mutter Maria als sündlose Heilige als auch das Beten zu Maria und den Heiligen als eine Form der Götzenanbetung ab. Selbstverständlich wehrt sich die Römisch-Katholische Kirche gegen die Idee, dass sie neben Gott allein noch Heilige „anbeten“. Die Katholische Kirche unterscheidet zwischen latria, der Verehrung und Anbetung, die Gott allein gebührt, hyperdulia, den höchsten Respekt, dem man einem Menschen geben kann (Maria als die einzig sündlose Heilige) und dulia, der Ehre, Achtung und Verehrung, die allen Heiligen zuteil wird. Ob die technische Finesse der Differenzierung zwischen „wahrer Gottesanbetung“ und „Verehrung der Heiligen“ einen tatsächlichen Unterschied machen, oder ob hyperdulia und dulia nicht doch praktische Formen der Anbetung sind, lasse ich den Leser selbst entscheiden. Vielleicht illustrieren jeweils ein Zitat aus dem Katholischen Katechismus, eines Papstes und des Ave Maria die Art und das Ausmaß der „Verehrung.“

„Im Himmel aufgenommen, hat Maria ihr rettendes Amt nicht beiseite gelegt, sondern fährt durch ihre vielfältige Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu bringen… Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche mit den Titeln Fürsprecherin, Helferin, Wohltäterin und Mittlerin geehrt.“

Katolischer Katechismus, 969

„So wie niemand zum Vater kommt außer durch Seinen Sohn, kommt niemand zu Christus als durch Seine Mutter.“

Papst Leo XIII, 1953

 

Ave Maria!

Jungfrau mild,

Erhöre einer Jungfrau Flehen,

Aus diesem Felsen starr und wild

Soll mein Gebet zu dir hin wehen,

Zu dir hin wehen.

Wir schlafen sicher bis zum Morgen,

Ob Menschen noch so grausam sind.

O Jungfrau, sieh der Jungfrau Sorgen,

O Mutter, hör ein bittend Kind!

Ave Maria!

 

 

Ave Maria!

Reine Magd!

Der Erde und der Luft Dämonen,

Von deines Auges Huld verjagt,

Sie können hier nicht bei uns wohnen

Wir woll’n uns still dem Schicksal beugen,

Da uns dein heilger Trost anweht;

Der Jungfrau wolle hold dich neigen,

Dem Kind, das für den Vater fleht!

Ave Maria!

Die Liste signifikanter Unterschiede zwischen Katholischen und Evangelikalen Gläubigen würde sich noch eine Weile fortsetzen lassen. Noch nicht benannt sind zum Beispiel die Autorität des Papstes, Katholische Kanonische Regeln (1752 Regeln, incl. 5 Gebote zusätzlich zu den 10 Geboten, deren Missachtung ernsthafte Sünden sind, welche den Verlust des Heils zur Folge haben), das Konzept des Fegefeuers, Ablässe, Reliquien, etc.

Ist der Krieg der Dogmen vorbei?

Angesichts dieser signifikanten Unterschiede zwischen Evangelikalem Gläubigen und den Dogmen der Katholischen Kirche kann kaum davon die Rede sein, dass wie beim Soldaten Hiroo Onoda der Krieg vorbei ist. Die Römisch-Katholische Kirche hat zwar mit den letzten Vatikanischen Konzilen und den Initiativen einiger Päpste gute Erneuerungen in der Form der Gottesdienste hervorgebracht und auch ihre Sprache bezüglich der Dogmen erneuert – aber an den eigentlich trennenden Glaubensinhalten hat sich nichts geändert.

Wenn Raniero Cantalamessa in seiner Andacht den japanischen Soldaten als Illustration benutzt hat, um zu zeigen, dass sich der Tonfall im theologischen Disput zwischen Katholiken und Reformatoren positiv geändert hat, bin ich begeistert. Sicherlich haben sich in der Hitze des Disputs in den letzten 500 Jahren sowohl Katholiken als auch Evangelische Gläubige an mangelnder Liebe und Sanftheit zueinander schuldig gemacht. Wenn dieser Krieg vorbei ist und man in gütiger und herzlicher Atmosphäre Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Hoffnung der Wahrheitsfindung diskutieren kann, ist das sicher phänomenal. Aber der Artikel von Andreas Boppart bezieht das Ende des Krieges nicht auf unseren Umgang miteinander, sondern auf den Inhalt des Glaubens an sich, wenn er schreibt:

„…nun sei dieser Krieg aber vorbei. Leider hätten das nur noch nicht alle gemerkt. Tatsächlich erlebe ich genau das – es werden vielerorts Kriege geführt, sei es aus persönlicher Verletzung heraus, aus einer Angst vor dem Unbekannten, aus einem übersteigertem Hang Wahrheit zu bewahren oder aber einfach nur, weil man überzeugt ist, als Einziger die ganze Erkenntnis der Wahrheit zu haben und deshalb im Recht ist, anderen den Glauben abzusprechen. Aber: „Der Krieg ist vorbei!“

Lieber Andreas, wenn sich in den letzten 500 Jahren hunderte Millionen von Christen an sola sciptura geklammert haben, wenn hunderte Millionen von Christen sola fide und sola gratia als ihre einzige Hoffnung für ihr Heil gesehen haben, dann haben sie dies nicht aufgrund „eines übersteigerten Hanges zur Bewahrung der Wahrheit“ getan, sondern aus aufrechter Liebe zur Wahrheit, die Gott im Evangelium verkündet hat! Sich für Wahrheit einzusetzen und keine theologischen Kompromisse zu machen ist kein charakterlicher Defekt sondern eine von Gott geforderte Tugend!

Wenn Gott gesprochen hat, ist kompromisslose Hingabe zum gesprochenen Gotteswort nobel und begehrenswert

Wenn Gott in Seinem Wort gesprochen hat, wenn Gott selbst im Evangelium etwas darüber gesagt hat, wie ein Christ gerechtfertigt wird, was Gnade bedeutet, wie man Buße tut, dann ist es keine Arroganz, darauf zu bestehen, dass dies allein die Wahrheit ist, sondern notwendige Demut! Wenn Gott gesprochen hat, ist es jeder Manns Pflicht sich für diese Wahrheit in Klarheit kompromisslos einzusetzen.

Wer in heilsentscheidenden theologischen Fragen kompromisslos eindeutig bleibt, auch wenn dies zu Streit und Ablehnung führt, der sollte nicht implizit beschimpft werden als „einziger, der die ganze Erkenntnis der Wahrheit hat“ sondern anerkannt werden als jemand, der Liebe zur kostbaren Wahrheit des Evangeliums hat!

Als Petrus in Gal. 2, 14 der Harmonie wegen mit den Judaisten durch seinen Lebenswandel theologische Kompromisse macht, wird er nicht als „Friedensstifter“ geehrt, sondern angemessen zurecht gewiesen. Und zwar nicht durch einen Apostel mit „übersteigertem Hang die Wahrheit zu bewahren, der davon überzeugt ist, als einziger die Wahrheit zu haben und deshalb im Recht ist, anderen den Glauben abzusprechen,“ sondern von einem Apostel, der von Gott eingesetzt wurde, kostbare Wahrheit zu bewahren und zu verkündigen! (1 Tim. 2, 7)

Lieber Andreas, wenn ein Katholik, der sich Christ nennt, darauf vertraut, dass seine Teilnahmen an der Eucharistie ihm Verdienste zur Rettung bewirken, wenn ein Katholik hingebungsvoll durch das Ave Maria die „Mutter Gottes“ huldigt, dann haben echte – dem Wort Gottes vertrauende – Christen die Pflicht, in Liebe diesem Freund den Glauben abzusprechen. Denn dieser Christ tut dies (hoffentlich) nicht aus eigenmächtigem übersteigertem Hang, Wahrheit zu bewahren, sondern weil Gott selbst gesprochen hat und diesem irrendem katholischen Freund helfen will, die Wahrheit zu finden, dass man „allein aus Gnade errettet wird durch Glauben (allein), und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. (Eph. 2, 8-9)

Könnte es sein, dass wenn man Evangelikale kritisiert, die manchem Mitglied der Römisch-Katholischen Kirche den Glauben absprechen, dass man selbst in der Gefahr ist einen „übersteigerten Hang zur Harmonie“ zu besitzen? Ist es denn weniger wahr geworden, dass wenn ein Mensch auf Gerechtigkeitswerke vertraut, um gerettet zu werden, er von Gott NICHT angenommen wird? (Gal. 3, 10; Tit. 3, 5) Christen haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Menschen den Glauben (sprich eine auf irreführender Grundlage basierten Hoffnung des Heils) abzusprechen, wenn dieser Glaube nicht mit dem Wort Gottes konform ist.

Wenn Gott gesprochen hat, wie er Menschen rettet, dann ist es kein „übersteigerter Hang zur Wahrheit“ Menschen darauf in Liebe aufmerksam zu machen, dass sie nicht gerettet sind und nicht gerettet werden, wenn sie auf religöse Pietät und Dogmen vertrauen, die konträr zum geoffenbarten Evangelium sind.

Darf ein evangelikaler Christ einem anderen Menschen „den Glauben“ absprechen?

Die Argumentation im Artikel, dass niemand das Recht hat, anderen Menschen den Glauben abzusprechen ist grundlegend logisch und Biblisch falsch.

Erstens, nur weil niemand von uns die „ganze“ Erkenntnis der Wahrheit hat, bedeutet es nicht, dass es nicht einzelne ganz konkrete Wahrheiten gibt, die Gott klar und verlässlich offenbart hat und für die es sich kompromisslos einzusetzen gilt.

Zweitens, wenn Gott gesprochen hat, wie er rettet, dann ist derjenige, der sich auf Gottes fehlerloses Wort bezieht und davon keinen Milimeter abweicht kein arroganter Christ, der als „Einziger die ganze Erkenntnis der Wahrheit zu haben“ scheint, sondern dann ist dies einer von vielen Christen, die demütig bekennen, dass das, was Gott gesprochen hat, auch genau so meint!

Drittens, gilt nicht die Verdammnis die der Pluralist dem Partikularist entgegen schmettert nicht ihm selbst? Also wenn jemand behauptet, „weil du nicht die ganze Erkenntnis der Wahrheit hast, kann deine Wahrheit nicht richtig sein,“ ist diese Behauptung nicht eine Aussage, die sich selbst widerspricht? Denn wer behauptet, dass der andere keine ganze Erkenntnis der Wahrheit hat, muss eingestehen, dass er sie selbst auch nicht hat und deshalb nicht die Aussage treffen kann, dass sein Gegenüber auf keinen Fall recht haben kann.

Viertens, wenn der Pluralist behauptet, der Partikularist ist arrogant, weil er als einziger behauptet die Wahrheit zu kennen, trifft diese Verdammnis den Pluralisten selbst am härtesten. Denn der Partikularist kann „wenigstens“ auf Aussagen der Heiligen Schrift hin weisen, die (zumindest seiner Meinung nach) bezeugen, dass Menschen, die dem Katholischen Dogma ergeben sind, keine Rettung erfahren. Aber der Pluralist hat nichts (als seine eigene arrogante Meinung), dass man nicht fest stellen kann, wen Gott rettet und wen Gott nicht rettet. Denn es gibt keine einzige Schriftstelle, die behauptet, dass es keine Kriterien gibt, anhand deren wir fest stellen können, wie Gott rettet.

Der Artikel „Ich will Frieden säen“ muss revidiert werden.

Der Artikel „Ich will Frieden säen“ ist vielleicht gut gemeint, aber so unglücklich formuliert, dass er in der Gefahr steht, keinen Frieden zu säen, sondern theologische Täuschung. Er muss dringend revidiert werden, so dass eine Balance entsteht, die sowohl das gütige als auch theologisch klaren Miteinander von Katholischen und Evangelikalen Gläubigen fördert.