Antikes Lesen: Jesus als Freund verlieren, ihn als Patron gewinnen!

Markus Nonius Balbus, berühmter Patron der Stadt Herculaneum. Sein erhabener Rang und Würde wird durch die Körperhaltung und den Gesichtsausdruck offensichtlich.

Ein typisches Beispiel für den Unterschied zwischen „kindlichem Lesen“ der Bibel und antikem Lesen der Bibel ist Johannes 15, 15 „Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.“

Wenn ich die Studenten des ersten Semesters im Exegese-Kurs frage, was dieser Vers über ihre Beziehung zu Jesus ausdrückt, kommen fast ausnahmslos Kommentare die folgendes ausdrücken: „Wau, die gewaltige Liebe Gottes, dass Jesus sich auf eine Stufe mit mir stellt. So faszinierend, dass er mein Freund ist.“ Obwohl das Wort nicht fällt (instinktiv scheut man sich dann doch davor), beschreibt man die Beziehung zu Jesus als kumpelhaft. Er ist ja „mein Freund.“

Das Problem dabei? Die Studenten lesen intuitiv. Sie nehmen die Worte in der Schrift auf, mit den Assoziationen, die ihnen spontan in den Sinn kommen. Das kann manchmal gut gehen und manchmal so richtig nach hinten los gehen. 

In diesem Fall ist man am eigentlichen Ansinnen, was Jesus über unsere Beziehung mit ihm sagen wollte, total vorbei gerasselt. Denn Jesus sagt nicht, dass er unser Freund ist. Er sagt, dass wir seine Freunde sind. Man hätte es kaum gedacht, aber das macht einen riesigen Unterschied! 

Dass irgendwas mit der Theorie „Jesus als mein Kumpel und Freund“ nicht stimmen kann, hat unser Bauchgefühl schon verraten: „ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete“ (ein Vers zuvor, in Johannes 15, 14) entspricht nicht unserer Vorstellung von Freundschaft. Ganz im Gegenteil. Wenn ich alles auf Kommando tun muss und dann erst Freund bin, muss das eine sehr dysfunktionale Freundschaft sein. 

Aus dem Schlamassel, dass wir eine dysfunktionale Beziehung mit unserem Kumpel Jesus haben, hilft antikes Lesen heraus. 

In unserer modernen (intuitiven) Auffassung von Freundschaft sind Freunde einander ebenbürtig. Der andere ist mir sozial und beziehungsmäßig gleichgestellt. 

Aber genau das ist wohl offensichtlich in der Beziehung zwischen dem glorreichen Sohn Gottes und mir als abhängiges Geschöpf gar nicht der Fall. Jesus verwendet des Wort „Freund“ in Johannes 15 im Sinne der griechisch-römischen Beziehung zwischen einem sozial hoch gestellten Patron und einem von ihm abhängigen Klienten. Die Patron-Klient-Beziehung in der Antike ähnelt ein wenig dem heutigen Nachfolger: der italienischen Mafia (ohne die kriminelle Komponente). Es gibt einen großen, einflussreichen „Papa“, der sich um die Belange seiner „Familie“ kümmert und sie mit dem Einfluss, den sie nicht haben, aber den er hat, immer wieder aus der Patsche hilft, er aber dafür Loyalität von ihnen erwartet. 

In der Welt, in der Jesus lebte, war es für Menschen mit niedrigem sozialem Status schwierig, im Alltag zu bestehen. Einen Gerichtsprozess (den man sich sehr schnell einhandelte) gegen eine sozial höher gestellte Persönlichkeit verlor man zweifelsfrei immer. Ohne Vitamin B kam man nicht weit – und die hatte man als niedrig gestellte Persönlichkeit nicht. Klassenübergreifende Freundschaften gab es nicht. Man brauchte einfach einen „Papa“, der sich mit seinen guten Verbindungen für einen einsetzte und der sozial höher gestellten Feinden Angst und Schrecken einflößte, weil er entweder gleich oder sogar höhergestellt war. Einen ranghohen Patronen zu haben (oder besser ausgedrückt: einem ranghohen Patronen zu gehören) war wie der Fünfer im Lotto. Es lebte sich plötzlich viel leichter und unbeschwerter: „Papa macht das schon für mich.“

Die Beziehungen zwischen Patron und Klient waren natürlich ungleich: die Person mit hohem Status (der Patron) war der Person mit niedrigem Status (dem Klient) weit überlegen. Der Patron schützte den Klienten, gab ihm Kredite, die ihn nicht Kopf und Kragen kosteten, half mit Geldgeschenken in Zeiten der Not aus, regelte Rechtsstreitigkeiten für ihn und vertrat ihn vor Regierungsbeamten.

Ein “Klient” (wenn auch kein echter Römer) sitzt auf einer Bank, die ein Patron extra für seine Klienten vor seiner Haustür hat mauern lassen. Auf dieser Bank in Herculaneum fanden sich täglich die Klienten des Hausbesitzers ein und warteten, bis der Patron ausgeschlafen und empfangsbereit war. Sie begrüßten ihn, empfingen kleine Geldgeschenke und schauten, ob der Patron ihre Dienste brauchte.

Im Gegenzug verpflichtete sich der Klient zur Loyalität gegenüber dem Patron. Er half, den guten Ruf des Patronen zu erhalten. Er wählte ihn in politische Ämter und machte Werbung für seine Würdigkeit, diese Ämter zu bekleiden. Er lief bei öffentlichen Auftritten hinter dem Patron her & machte Stimmung für ihn. Je mehr Klienten einen Patron begleiteten, desto offensichtlich war sein Einfluss.

Wahlwerbung für hoch gestellte Persönlichkeiten in Pompeii, die in politische Ämter gewählt werden wollen. Die Wahlwerbung preist die “Würdigkeit” des Mannes, der für das Amt kandidiert.

Dieses System ungleicher Beziehungen zwischen Patron und Klient war das Fundament der griechisch-römischen Gesellschaft. Obwohl es jahrelang ein gutes lateinisches Wort für die Bezeichnung eines Klienten gab: lateinisch cliens, versuchte man zunehmend dieses Wort aufgrund seines entwürdigenden Charakters zu vermeiden. Der Klient wurde lateinisch als amicus angesprochen, das Griechische Äquivalent ist philos – genau das Wort, welches Jesus für unsere Beziehung mit ihm in Johannes 15, 14-15 verwendet.

Jesus beschreibt unsere Beziehung nicht als eine ebenbürtige „ich bin dein Kumpel“ Verhältnis, sondern verwendet philos in diesem antiken Sinn: er ist der alles überragende großartige Patron, wir sind seine loyale ihm ergebene Klienten.

Obwohl Satire, illustriert dieses antike Zitat gut die Patron-Klienten-Beziehung: der Klient nennt den Patron “seinen Herrn”; der Patron gibt Geldgeschenke dem Klienten. Die “Respektlosigkeit” des Klienten in der untergeordneten Beziehung zeigt, dass die Patron-Klienten-Beziehung leidet.

Das dies genau das ist, was Jesus ausdrücken will, wird aus verschiedenen Indizien sichtbar:

Erstens, als Pilatus beim der Verhör Jesus frei lassen will, protestieren die Juden „Wenn du diesen losgibst, bist du nicht des Kaisers Freund (gr. philos).“ (Johannes 19, 12) Es wäre völlig absurd und das automatische Todesurteil, wenn sich jemand aus der Ritterklasse wie Pilatus (noch nicht mal Senator und schon gar nicht aus der Kaiserlichen Familie) als „gleichwertiger Freund“ von Tiberius ausgeben würde. Tiberius war Welten höhergestellt als Pilatus, letzterer zitterte in Angst, bei Tiberius in Ungnade zu fallen. Von kumpelhafter Freundschaft kann gar keine Rede sein. Nein, Tiberius war eine Art Patron von Pilatus: er hatte ihm den Posten in Judäa beschafft. Im Gegenzug erwartete Tiberius uneingeschränkte Loyalität gegenüber ihm, dem Kaiser. Und auf genau diese Loyalität zielt die schlaue Manipulation der jüdischen Elite: wenn Tiberius Wind davon bekommt, dass sich hier noch jemand „König“ nennt, spricht das wohl Bände über seine angebliche Loyalität zu ihm… er soll schon mal mit Verbannung oder einen Kelch vergifteten Weins rechnen.

Es ist anzunehmen, dass Jesus seine Definition von philos (Freund) im Johannes Evangelium konsistent hält und wir Freunde von ihm, dem gewaltigen Patron sind.

Zweitens, die Bedingung für Freundschaft „wenn ihr tut, was ich euch gebiete“ in Johannes 15, 14 passt perfekt zur Patron-Klienten-Beziehung. Wir sind Christus untergeordnet und zeigen, dass wir seine Klienten sind, durch unserem Gehorsam gegenüber seiner königlichen Majestät. Christus ist unser Herr (Joh. 13, 16). Dass wir zu Ihm gehören, zeigen wir durch unseren Gehorsam.

Drittens, die Aussage von Jesus „ich nenne euch nicht länger Sklaven“ perfektioniert das Bild der Patron-Klienten-Beziehung. Das „nicht länger“, griechisch ouketi, ist ein temporales Adverb. Es bedeutet nicht „ich hab euch nie Sklaven genannt“, sondern „ich nannte euch einst Sklaven und nicht länger so“. In der Antike erkannte jeder Leser sofort welches Bild Jesus vermittelt: das Bild von der Freilassung eines Sklaven. In der damaligen Welt wurde die Mehrzahl der Sklaven nach einigen Jahren frei gelassen: der Freigelassene stieg aber nicht in die soziale Schicht der Freien auf, sondern nur in die Schicht der Freigelassenen. Diese waren sozial niedriger als arme Freie und brauchten erst recht einen Patron für ihr zukünftiges Leben als Freigelassene in der Griechisch-Römischen Gesellschaft. Fast ausnahmslos wurden Freigelassene Klienten des ehemaligen Herrn. Sie verpflichteten sich (trotz ihrer Freiheit vom Sklaven sein) zu lebenslanger Loyalität gegenüber ihrem Patron.

Viertens, das Bild des Patrons mit seinen Klienten zieht sich weiter durch den Johannes-Brief. Wenn Jesus, der Sohn Gottes, uns auffordert, dass wir in seinem Namen den Vater bitten (Joh. 15, 16) ist das typische Patron-Klienten-Sprache. Der Klient hätte nie Zugang zum in Würde und Majestät weit entfernten Vater, aber der Sohn fungiert als Mittler, der Beziehungen zu beiden Welten hat. Er hat direkten Zugang zu Gott dem Vater und der Vater liebt den Sohn und tut alles, was der Sohn bittet. Der Sohn hat Klienten, die nie diesen Zugang hätten, sie können jetzt aber kommen und im Namen des Sohnes Zugang zum erhöhten Vater erhalten.

Wir verlieren Jesus als Freund und gewinnen ihn als Patron

Die Idee von „mein Kumpel Jesus“ ist mit antikem Lesen für immer gestorben. Sicher im gesamten Kontext der Bibel ist Jesus Freund für uns mehr als jeder treue und verlässliche Freund es jemals sein kann. Aber der Aspekt der Ebenbürtigkeit war und ist nie Teil unserer Beziehung zum erhöhten Christus. Im Sinne von Gleichstellung haben wir durch antikes Lesen einen Freund verloren. Jesus ist in diesem Ausdruck nicht unser Freund. 

Aber antikes Lesen hat uns nichts wertvolles weg genommen. „Kumpel Jesus“ war eh nie eine begehrenswerte Beschreibung für die wertvolle Beziehung, die wir mit Jesus haben. Antikes Lesen hat uns die Augen geöffnet, dass wir in Christus einen überragenden omnipotenten Patron haben, der sich mit aufopferungsvoller Liebe um unser Wohlergehen kümmert. 

Jetzt wird es erst richtig klar, was Jesus meint, als er sagt „Größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Johannes 15, 13). Es ist offensichtlich, dass der Patron gern Gefallen für seine Klienten tut, aber für sie sterben? Das geht zu weit! Das verbietet schon die enorme soziale Distanz und das Ungleichgewicht an Wert und Würde! Der höher gestellte gibt doch nicht sein Leben auf für jemand viel geringeren als er selbst! Aber unser Patron hat genau das getan! Größere Liebe als diese gibt es wirklich nicht.

Durch antikes Lesen gewinnen wir einen außergewönlich genialen Patron. Er hat Zugang zu den allerhöchsten Kreisen und gibt diesen Zugang an uns weiter. Anders als bei Sklaven, die nur Befehle bekommen, verrät unser Patron uns wertvolle Familiengeheimnisse: wer der himmlische Vater ist (Johannes 15, 15). Wie kein anderer Patron ist Christus fürsorglich für unser Wohlergeben hingegeben – so sehr, dass er sein eigenes Leben für uns gegeben hat. So schön, dich, begehrenswerter Patron Jesus zu haben. Oh sorry, „zu dir zu gehören“! Wir vertrauen und folgen dir gern!